Antibiotika. Das Wort fällt schnell, wenn es um Tierhaltung geht – manchmal als Vorwurf, manchmal als Frage, oft mit einem unguten Gefühl im Bauch. Ich finde das nachvollziehbar. Gleichzeitig merke ich, dass viele gar nicht wissen, wie Antibiotika wirken, weder beim Tier noch beim Menschen. Und wer das nicht weiß, kann das Thema kaum einordnen, weder bei Tieren noch bei sich selbst.
Also: auf ein Neues. Von vorn, ohne Fachchinesisch.
Das Wichtigste in Kürze
• Antibiotika wirken nur gegen Bakterien, gegen Viren sind sie wirkungslos.
• Sie greifen gezielt in Strukturen ein, die Bakterien haben und Viren nicht: Zellwand, Proteinfabrik, DNA-Verdopplung.
• Antibiotikaresistenzen entstehen durch Evolution – nicht durch Pech. Deshalb zählt der richtige Einsatz, nicht nur der häufige oder seltene.
• Milch einer behandelten Kuh darf erst nach der gesetzlichen Wartezeit wieder in den Tank und auf unserem Hof testen wir zusätzlich selbst.
• Laut BVL ist die in der Tiermedizin eingesetzte Antibiotikamenge seit 2011 um rund 67 Prozent gesunken.
Gegen was wirken Antibiotika – und gegen was nicht?
Das Wichtigste zuerst: Antibiotika wirken nur gegen Bakterien. Gegen Viren sind sie wirkungslos – völlig. Das klingt vielleicht selbstverständlich, ist es aber nicht. Denn immer noch werden Antibiotika verschrieben (oder eingefordert), wenn jemand eine Erkältung hat. Eine Erkältung ist eine Virusinfektion. Da hilft kein Antibiotikum. Was manchmal verwirrt: Viren können Türen öffnen. Sie schädigen Schleimhäute und schwächen das Immunsystem – und dann nutzen Bakterien die Gelegenheit. In solchen Fällen ist ein Antibiotikum sinnvoll, aber eben gegen die bakterielle Folgeerkrankung, nicht gegen das Virus selbst.
Warum dieser Unterschied? Weil Bakterien und Viren grundlegend verschiedene Lebewesen sind – wenn man Viren überhaupt als „Lebewesen“ bezeichnen will, aber das ist ein anderes Thema.
Viele Bakterien sind einzellige Lebewesen und besitzen eine Zellwand, einen eigenen Stoffwechsel und eigene Proteine. Genau da greifen Antibiotika an. Sie stören etwa den Aufbau der Zellwand – die Bakterie kann sich nicht mehr schützen und stirbt ab. Oder sie blockieren die Produktion von Proteinen, ohne die die Bakterie nicht funktioniert. Vereinfacht gesagt: kein Protein, kein Leben.
Viren dagegen haben keine Zellwand, keinen eigenen Stoffwechsel, keine eigenen Ribosomen – das sind winzige Strukturen in jeder Zelle, die Proteine herstellen, und ohne die kein Leben funktioniert. Viren kapern einfach unsere (oder die der Kühe) Zellen und lassen uns die Arbeit machen. Antibiotika haben da schlicht keinen Angriffspunkt.
Wie Antibiotika Bakterien angreifen?
Antibiotika haben nicht alle denselben Angriffspunkt. Manche stören den Aufbau der Zellwand, andere verhindern, dass Bakterien wichtige Proteine herstellen, oder greifen in die Vermehrung ihrer DNA ein. Welches Antibiotikum wirkt, hängt deshalb auch davon ab, mit welchem Bakterium wir es zu tun haben.
Was viele nicht wissen: Es gibt viele verschiedene Antibiotikaklassen, und sie wirken unterschiedlich.
- Penicilline (das älteste Antibiotikum, entdeckt 1928 von Alexander Fleming) und andere Beta-Laktam-Antibiotika wie Cephalosporine stören den Aufbau der bakteriellen Zellwand. Besonders bei sich teilenden Bakterien kann die Zellwand dadurch instabil werden.
- Tetracycline blockieren die Ribosomen der Bakterien und hemmen damit die Herstellung von Proteinen, die sie zum Leben und Vermehren brauchen.
- Fluorchinolone wie Enrofloxacin stören Enzyme, die Bakterien benötigen, um ihre DNA zu vervielfältigen und zu bearbeiten. Dadurch können sie sich nicht mehr richtig vermehren.
- Sulfonamide greifen in den Folsäurestoffwechsel von Bakterien ein. Bakterien müssen Folsäure selbst herstellen; wird dieser Stoffwechselweg blockiert, fehlen ihnen wichtige Bausteine für Wachstum und Vermehrung.
Das bedeutet auch: Nicht jedes Antibiotikum wirkt gegen jeden Erreger. Deshalb lasse ich bei einer ernsteren Erkrankung auf dem Hof oft erst einen Abstrich nehmen und ein Antibiogramm erstellen. Ein Antibiogramm ist ein Test, der zeigt, welche Antibiotika gegen einen bestimmten Erreger wirken. Ein Antibiogramm hilft bei der Entscheidung, welches Antibiotikum für die Behandlung infrage kommt.
Wie entstehen Antibiotikaresistenzen?
Antibiotikaresistenz bedeutet zunächst einmal: Ein Bakterium lässt sich von einem Antibiotikum, das normalerweise gegen diese Bakterienart wirkt, nicht mehr abtöten oder in seinem Wachstum hemmen.
Solche Resistenzen können auf unterschiedliche Weise entstehen. Bei der Vermehrung von Bakterien kommt es immer wieder zu zufälligen Veränderungen im Erbgut – Mutationen. Manche davon sorgen dafür, dass ein Antibiotikum nicht mehr richtig angreifen kann. Bakterien können Resistenzgene aber auch untereinander weitergeben. So kann eine Resistenz von einem Bakterium zum nächsten gelangen.
Kommt nun ein Antibiotikum ins Spiel, entsteht ein Selektionsdruck: Empfindliche Bakterien werden abgetötet oder in ihrem Wachstum gehemmt. Bakterien mit einer passenden Resistenz haben dagegen einen Vorteil. Sie überleben und können sich weiter vermehren.
Das Antibiotikum „macht“ ein Bakterium also nicht gezielt resistent. Es sorgt vielmehr dafür, dass bereits vorhandene oder neu entstandene resistente Bakterien einen Überlebensvorteil bekommen.
Genau deshalb ist der sorgfältige Einsatz von Antibiotika so wichtig. Auf unserem Hof bedeutet das: Antibiotika nur dann, wenn sie wirklich nötig sind. Wenn es sinnvoll und möglich ist, nehme ich vor Beginn der Behandlung eine Probe, um den Erreger bestimmen und ein Antibiogramm erstellen zu lassen. Bei einem schwer kranken Tier kann ich mit der Behandlung allerdings nicht immer warten, bis das Laborergebnis vorliegt.
Für bestimmte Antibiotika gelten außerdem strengere Regeln. Dazu gehören Wirkstoffgruppen, die für die Behandlung bestimmter Infektionen beim Menschen besonders wichtig sind und deren Einsatz in der Tiermedizin deshalb eingeschränkt ist. Bei bestimmten Anwendungen ist eine Untersuchung der Empfindlichkeit der beteiligten Bakterien – also ein Antibiogramm – vorgeschrieben. Damit soll verhindert werden, dass solche wichtigen Wirkstoffe unnötig eingesetzt werden, und ihre Wirksamkeit möglichst lange erhalten bleiben.
Auch die Behandlungsdauer spielt eine Rolle. Die alte Faustregel „ein Antibiotikum immer möglichst lange geben“ gilt so pauschal nicht. Heute lautet das Prinzip eher: so kurz wie möglich, aber so lange wie nötig – passend zur Erkrankung, zum Tier und zum eingesetzten Medikament.
Denn eines sollten wir nicht vergessen: Antibiotikaresistenzen betreffen nicht nur die Tierhaltung. Resistente Bakterien können Menschen, Tiere und die Umwelt betreffen und zwischen diesen Bereichen ausgetauscht werden. Deshalb ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika in Human- und Tiermedizin gleichermaßen wichtig.
Sind Antibiotika-Rückstände in der Milch ein Problem?
Wenn eine Kuh bei uns ein Antibiotikum bekommt, darf ihre Milch nicht einfach weiter in den Milchtank laufen. Für das eingesetzte Medikament ist eine Wartezeit für Milch festgelegt. Sie gibt an, wie lange nach der Behandlung die Milch nicht als Lebensmittel verwendet werden darf.
Diese Wartezeit ist nicht bei jedem Medikament gleich. Sie hängt unter anderem vom Wirkstoff, der Dosierung und davon ab, wie das Medikament angewendet wird. Die Milch der behandelten Kuh wird während dieser Zeit getrennt gemolken und verworfen.
Wichtig ist dabei ein Unterschied, der häufig untergeht: Wartezeit bedeutet nicht, dass nach Ablauf garantiert kein einziges Molekül des Wirkstoffs mehr nachweisbar ist. Für Tierarzneimittel gibt es gesetzlich festgelegte Rückstandshöchstmengen, sogenannte MRL-Werte (Maximum Residue Limits). Die Wartezeit wird so festgelegt, dass die Rückstände bei korrekter Anwendung anschließend unter diesen zulässigen Höchstmengen liegen.
Auf unserem Hof gehen wir noch einen Schritt weiter. Bevor die Milch einer behandelten Kuh nach Ablauf der Wartezeit wieder in den Tank kommt, untersuchen wir sie mit einem Hemmstofftest. Dabei wird geprüft, ob die Milch noch Stoffe enthält, die das Wachstum bestimmter Testbakterien hemmen. Das können insbesondere Rückstände von Antibiotika sein.
Auch die Molkerei kontrolliert die angelieferte Milch auf Hemmstoffe. Fällt eine Untersuchung positiv aus, kann die Milch nicht einfach verarbeitet werden. Für den verursachenden Betrieb kann das erhebliche finanzielle Folgen haben. Schon deshalb – und natürlich aus Gründen der Lebensmittelsicherheit – achten Milchviehbetriebe sehr genau darauf, dass behandelte Kühe während der Wartezeit nicht versehentlich in den Tank gemolken werden.
Zusätzlich gibt es die amtliche Rückstandskontrolle. Dabei wird gezielt untersucht, ob Lebensmittel tierischen Ursprungs Rückstände von Tierarzneimitteln enthalten und ob gesetzliche Höchstmengen eingehalten werden.
„Antibiotika eingesetzt“ bedeutet also nicht automatisch „Antibiotika in der Milch“. Eine Milchkuh darf behandelt werden, wenn sie krank ist – aber ihre Milch darf erst wieder als Lebensmittel verwendet werden, wenn die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllt sind.
Was die Forschung ausprobiert: Bakteriophagen
Eine mögliche Alternative oder Ergänzung zu Antibiotika sind Bakteriophagen, kurz Phagen. Das sind Viren, die ganz gezielt Bakterien befallen. Sie schleusen ihr Erbgut in die Bakterienzelle ein, vermehren sich dort und können die Bakterienzelle schließlich zerstören.
Das Spannende daran: Viele Phagen sind sehr spezifisch. Sie befallen nur bestimmte Bakterien oder sogar nur bestimmte Stämme einer Bakterienart. Dadurch könnten Krankheitserreger gezielt bekämpft werden, während andere Bakterien – etwa die normale Darmflora – weitgehend geschont werden.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Gerade diese Spezifität bedeutet auch, dass zunächst der passende Phage für den jeweiligen Erreger gefunden werden muss. Außerdem können Bakterien auch gegen Phagen Resistenzen entwickeln. Phagen sind also kein Wundermittel, das alle Probleme der Antibiotikatherapie löst.
Auch in der Tiermedizin wird untersucht, ob Phagen zur Behandlung oder Vorbeugung bakterieller Erkrankungen eingesetzt werden können – zum Beispiel bei Infektionen mit bestimmten Darm- oder Mastitiserregern. Bislang sind sie aber kein Ersatz für die routinemäßige Antibiotikatherapie.
Trotzdem ist die Idee spannend: Statt Bakterien mit einem breit wirkenden Medikament zu bekämpfen, könnte man in bestimmten Fällen gezielt ihre natürlichen Gegenspieler einsetzen. Ob und wo sich das in der Tiermedizin durchsetzen wird, wird die weitere Forschung zeigen. Ich behalte das auf jeden Fall im Blick.
Das Unbehagen bleibt – und das finde ich okay
Ich glaube, dass Antibiotika in der Tierhaltung in der Vergangenheit manchmal zu leichtfertig eingesetzt wurden. Das ist eine ehrliche Aussage, auch wenn sie unbequem ist. Die Branche hat sich verändert – laut BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) ist die in Deutschland an Tierärztinnen und Tierärzte abgegebene Antibiotikamenge seit 2011 um rund 67 Prozent gesunken. 2024 gab es einen leichten Anstieg, aber der langfristige Trend ist eindeutig.
Trotzdem bleibt ein Unbehagen – bei vielen Verbrauchern, aber auch bei mir als Tierärztin. Denn wir brauchen Antibiotika. Für kranke Tiere. Für kranke Menschen. Und wir müssen sorgfältig damit umgehen, damit sie uns noch lange helfen können.
Wenn eine Kuh bei mir krank ist und leidet, werde ich sie behandeln. Das ist mein Job als Tierärztin und meine Verantwortung als Landwirtin. Aber ich werde immer abwägen, ob es wirklich sein muss – und wenn ja, dann richtig.
Das, finde ich, ist ein Anspruch, hinter dem wir alle stehen können.
Wirken Antibiotika gegen Viren?
Nein – Antibiotika wirken ausschließlich gegen Bakterien. Gegen Viren sind sie wirkungslos, weil Viren keine Zellwand, keinen eigenen Stoffwechsel und keine eigenen Ribosomen haben. Deshalb hilft ein Antibiotikum bei einer Erkältung nicht.
Wie entstehen Antibiotikaresistenzen?
Durch Evolution. Bakterien vermehren sich schnell und mutieren dabei. Wenn Antibiotika eingesetzt werden, überleben die Bakterien, die zufällig eine widerstandsfähige Mutation tragen. Diese vermehren sich dann – und wir haben eine resistente Population. Das ist kein Zufall, sondern Natur.
Sind Antibiotika-Rückstände in der Milch aus dem Supermarkt ein Problem?
Unzulässige Antibiotikarückstände in Milch sollen durch mehrere Sicherheitsstufen verhindert werden. Nach einer Antibiotikabehandlung gilt für die Milch einer Kuh eine vorgeschriebene Wartezeit. Zusätzlich wird die Milch auf Hemmstoffe kontrolliert – bei uns auf dem Hof nach einer Behandlung und außerdem bei der Molkerei. Hinzu kommen amtliche Rückstandskontrollen.
Wichtig dabei: „Keine Rückstände nachweisbar“ und „keine unzulässigen Rückstände“ sind nicht dasselbe. Für Tierarzneimittel gelten gesetzlich festgelegte Rückstandshöchstmengen. Diese dürfen in Lebensmitteln nicht überschritten werden. Der Einsatz eines Antibiotikums bei einer Milchkuh bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ihre Milch später unzulässige Antibiotikarückstände enthält.
Was ist ein Antibiogramm?
Ein Antibiogramm ist ein Labortest, der zeigt, welche Antibiotika gegen einen bestimmten Erreger wirken. Bei ernsteren Erkrankungen auf dem Hof lasse ich erst einen Abstrich nehmen und ein Antibiogramm erstellen, bevor ich eine Behandlung beginne.
Was sind Bakteriophagen?
Bakteriophagen – kurz Phagen – sind Viren, die Bakterien befallen und abtöten. Sie gelten als einer der spannendsten Forschungsansätze als mögliche Alternative zu Antibiotika, weil sie hochspezifisch wirken und keinen Kollateralschaden an der übrigen Darmflora anrichten.


Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…