Eine Nahaufnahme eines schwarz-weißen Kalbs mit einer gelben Ohrmarke, das in einem Stall aus einem Metalltränkegefäß Milch trinkt.

Wie funktionieren Impfungen? Aktive und passive Immunisierung einfach erklärt – von Blauzunge bis Biestmilch

„Der Körper soll sich selbst darum kümmern.“ Diesen Satz höre ich immer wieder – von Tierhaltern, von Verbrauchern, manchmal auch von Landwirten. Die Idee dahinter klingt erst mal logisch: Der Körper wird krank, kämpft dagegen an, und danach ist er immun. Wozu also impfen?

Das Problem: Diese Rechnung geht nicht immer auf. Bei Masern kann das für Kinder lebensgefährlich werden. Bei der Blauzungenkrankheit beim Rind haben viele Landwirte schmerzhaft erlebt, was passiert, wenn man auf Impfung verzichtet. Und das Tückische ist: Oft wissen die Menschen gar nicht genau, was bei einer Impfung im Körper eigentlich passiert. Das macht es schwer, eine informierte Entscheidung zu treffen.

Deshalb erkläre ich heute, wie aktive und passive Immunisierung funktionieren – am liebsten mit Beispielen, die ich aus meiner täglichen Arbeit als Tierärztin und Landwirtin kenne.

Das Wichtigste in Kürze

• Bei der aktiven Immunisierung setzt sich das Immunsystem selbst mit einem Antigen auseinander und bildet eine eigene Immunantwort sowie Gedächtniszellen — der Schutz hält langfristig.
• Bei der passiven Immunisierung bekommt der Körper fertige Antikörper von außen, zum Beispiel das Kalb über die Biestmilch. Der Schutz steht sofort zur Verfügung, ein eigenes Immungedächtnis entsteht dabei aber nicht.
• Impfungen schützen nicht immer vollständig vor einer Infektion oder jedem Symptom. Sie können aber Erkrankungen verhindern oder ihren Verlauf deutlich abmildern.
• Beim Rind laufen beide Strategien oft gleichzeitig: Die Kuh wird aktiv immunisiert (Mutterschutzimpfung), das Kalb profitiert passiv über die Biestmilch.

Wie das Immunsystem lernt

Dein Immunsystem – und das einer Kuh – sind im Grunde ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Wenn ein Krankheitserreger (ein Virus oder ein Bakterium) in den Körper eindringt, erkennen bestimmte Immunzellen ihn als fremd. Es läuft eine komplexe Abwehrreaktion ab: Antikörper werden gebildet – das sind kleine Eiweiße, die genau auf diesen Erreger zugeschnitten sind – und gleichzeitig entstehen Gedächtniszellen. Sie sorgen dafür, dass das Immunsystem bei einem erneuten Kontakt schneller und gezielter reagieren kann. Beim ersten Kontakt mit einem Erreger dauert das alles ein paar Tage.

Und genau da liegt das Risiko: In diesen Tagen kann die Krankheit schon um sich greifen.

Beim nächsten Kontakt mit demselben Erreger ist das anders: Das Immunsystem erinnert sich, reagiert viel schneller – so schnell, dass viele Erreger neutralisiert werden, bevor sie wirklich krank machen. Das nennt man Immungedächtnis.

Was ist aktive Immunisierung?

Aktive Immunisierung bedeutet: Das Immunsystem setzt sich selbst mit einem Antigen auseinander, also einem körperfremden Stoff, den es als Eindringling erkennt, und bildet eine eigene Immunantwort sowie Gedächtniszellen aus.

Bei einer Impfung passiert das kontrolliert: Statt den Körper dem echten, gefährlichen Erreger auszusetzen, bekommt er eine abgeschwächte oder abgetötete Version – oder nur bestimmte Bestandteile davon. Genug, damit das Immunsystem „üben“, Antikörper bilden und Gedächtniszellen aufbauen kann. Aber nicht genug, um wirklich krank zu machen.

Das Ergebnis: Das Immungedächtnis ist da, bevor die echte Krankheit auftaucht.

Aktive Impfungen brauchen ein bisschen Zeit – sie müssen verabreicht werden, bevor der Erreger kommt. Und manchmal braucht es eine Auffrischung, weil der Schutz nachlässt.

Das Blauzungen-Beispiel – und warum Impfskepsis manchmal verständlich ist

Als die Blauzungenkrankheit sich in Nordeuropa ausbreitete, kamen schnell Impfstoffe auf den Markt. Die inaktivierten Impfstoffe gegen BTV-8 wurden ab 2008 über nationale Sonderzulassungen im Eilverfahren freigegeben – das bedeutet: kein vollständiger regulärer Zulassungsdurchlauf, der sonst mehrere Jahre dauern kann. Dem war immerhin ein Sicherheits- und Wirksamkeitsversuch vorausgegangen, wissenschaftlich begleitet vom Friedrich-Loeffler-Institut. Aber es blieb Zeitdruck, und das merkte man.

Im Rahmen der Pflichtimpfkampagne wurden viele Nebenwirkungen gemeldet – vor allem Aborte. Ob diese ursächlich mit der Impfung zusammenhingen, ließ sich in den meisten Fällen nicht eindeutig klären. Trotzdem hat das Vertrauen vieler Landwirte in Impfstoffe nachhaltig gelitten. Und dieser Ruf schleppte sich bis zur nächsten Welle mit.

Ich sage das ganz bewusst: Diese Skepsis war nachvollziehbar. Schlechte Erfahrungen – ob gesichert oder nicht – hinterlassen Spuren.

Dann kamen neue Ausbrüche, neue Impfstoffe. Wir haben auf unserem Hof so früh wie möglich geimpft und sind gut damit gefahren. Keine Todesfälle. Aber: Einen Milchrückgang hatten wir trotzdem. Denn eine Impfung ist kein Freifahrtschein. Impfungen schützen nicht immer vollständig vor einer Infektion oder jedem Symptom, aber sie können Erkrankungen verhindern oder ihren Verlauf deutlich abmildern. Das ist ein wichtiger Unterschied, den ich gerne transparent mache.

Was ist passive Immunisierung?

Passive Immunisierung bedeutet: Der Körper bekommt fertige Antikörper von außen. Der Schutz steht schnell zur Verfügung, ein eigenes Immungedächtnis entsteht dadurch aber nicht.

Das klingt vielleicht technisch, aber das beste Beispiel dafür erlebt jedes Kalb auf der Welt in den ersten Lebensstunden: die Biestmilch.

Neugeborene Kälber haben zwar ein eigenes Immunsystem, aber es ist noch unreif. Vor allem kommen sie praktisch ohne schützende Antikörper der Mutter zur Welt. Anders als beim Menschen werden beim Rind während der Trächtigkeit kaum Antikörper über die Plazenta übertragen. Was den Kälbern in den ersten Lebensstunden einen entscheidenden Schutz vor Infektionskrankheiten gibt, ist die erste Milch der Mutter – das Kolostrum, auch Biestmilch genannt. Diese erste Milch enthält große Mengen an Immunglobulinen – Antikörpern gegen Krankheitserreger, mit denen sich das Immunsystem der Mutter auseinandergesetzt hat. Das Kalb nimmt sie über den Darm auf und hat damit sofort Schutz, ohne selbst etwas gelernt oder geübt zu haben.

Dabei ist nicht nur wichtig, dass das Kalb Biestmilch bekommt, sondern auch, wann. Direkt nach der Geburt kann die Darmwand die großen Antikörpermoleküle noch aufnehmen. Diese Fähigkeit nimmt innerhalb weniger Stunden deutlich ab. Das Zeitfenster ist eng: Nach etwa 24 Stunden ist diese Fähigkeit weitgehend verschwunden. Wer schon mal nachts aufgestanden ist, um ein neugeborenes Kalb zu tränken, versteht, warum das nicht warten kann.

Dieser Schutz hält nur einige Wochen. Dann muss das eigene Immunsystem des Kalbs übernehmen. Aber in dieser empfindlichen ersten Phase ist eine ausreichende Kolostrumversorgung entscheidend.

Das zeigt gut, was passive Immunisierung kann – und was nicht: Sie wirkt schnell, aber nicht dauerhaft. Sie überbrückt eine Lücke.

Impfungen bei ganz jungen Kälbern: aktiv, passiv, und manchmal beides auf einmal

In der Praxis laufen rund um die Geburt eines Kalbes oft gleich zwei verschiedene Immunisierungsstrategien – und welche davon aktiv oder passiv ist, ist nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich.

Die Mutterschutzimpfung – wenn nicht das Kalb, sondern die Kuh geimpft wird

Bei Kälberdurchfall durch Rota- und Coronaviren impfen wir nicht das Kalb, sondern die trächtige Kuh – einige Wochen vor der Kalbung. Die Kuh bildet daraufhin gezielt Antikörper gegen diese Erreger, die dann in die Biestmilch übergehen. Das Kalb trinkt sie und ist geschützt – passiv, ohne selbst etwas getan zu haben.

Wichtig dabei: Eine gute Kolostrumversorgung allein ist nicht dasselbe wie Mutterschutzimpfung plus gute Kolostrumversorgung. Die Impfung soll die Konzentration der spezifischen Antikörper im Kolostrum gezielt erhöhen. Auf einem Betrieb mit nachgewiesenem Rota-/Coronavirusproblem kann das einen echten Unterschied machen.

Die intranasale Impfung – Immunschutz direkt an der Eintrittspforte

Noch spannender finde ich ein anderes Beispiel: die intranasale Impfung gegen das bovine Respiratorische Synzytialvirus (BRSV). Dabei bekommt das Kalb den Impfstoff direkt in die Nase – und das Schleimhaut-Immunsystem reagiert vor Ort. Es bildet sich nicht nur IgG (Immunglobulin G) im Blut, sondern auch sekretorisches IgA in den Atemwegen: genau da, wo das Virus eindringen würde.

Das hat einen großen praktischen Vorteil: Diese Schleimhautimmunität funktioniert auch dann, wenn das Kalb noch maternale Antikörper aus der Biestmilch im Körper hat. Bei systemischen Impfungen können diese mütterlichen Antikörper die Impfantwort stören – bei der intranasalen Impfung umgeht man dieses Problem teilweise, weil die Immunantwort lokal an der Schleimhaut angestoßen wird.

Das heißt: Ein Kalb kann gleichzeitig passive Immunität durch die Biestmilch haben und bereits aktiv immunisiert werden – wenn der Impfstoff und der Applikationsweg dafür geeignet sind. Ein einfaches „erst Biestmilch, dann irgendwann später impfen“ greift da zu kurz.

Und das ergibt eine schöne kleine Erkenntnis für alle, die sich mit dem Thema befassen: „Impfung“ bedeutet nicht automatisch Spritze. Und „Antikörper haben“ bedeutet nicht automatisch, dass das eigene Immunsystem sie selbst gebildet hat.

Aktiv oder passiv – was ist besser?

Keine klare Antwort, weil beide Methoden unterschiedliche Aufgaben haben:

Aktive ImmunisierungPassive Immunisierung
Was passiert?Körper entwickelt selbst eine Immunantwort und GedächtniszellenFertige Antikörper werden übertragen
Beispiel beim RindBlauzungenimpfung, intranasale BRSV-ImpfungMaternale Antikörper über die Biestmilch
WirkungSetzt nicht sofort einSteht schnell zur Verfügung
DauerJe nach Impfstoff, ggf. Auffrischung nötigZeitlich begrenzt
ImmungedächtnisJaNein

Im besten Fall ergänzen sich beide – manchmal sogar gleichzeitig, wie die Beispiele oben zeigen.

Prophylaxe schlägt Behandlung

Was ich aus Jahren in der Praxis weiß: Vorbeugen ist in vielen Fällen einfacher und für das Tier weniger belastend, als eine bereits ausgebrochene Erkrankung behandeln zu müssen. Und selbst wenn eine Impfung eine Infektion nicht vollständig verhindert, kann sie schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle verhindern – das hat meine eigene Erfahrung mit der Blauzunge gezeigt.

Impfskepsis kann ich verstehen – besonders, wenn es schlechte Erfahrungen gegeben hat. Aber die Antwort auf einen schlechten Impfstoff ist ein besserer Impfstoff, nicht keine Impfung. Und dafür braucht es das Wissen, was Impfungen leisten können – und was nicht.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen aktiver und passiver Immunisierung?

Bei der aktiven Immunisierung setzt sich das Immunsystem selbst mit einem Antigen auseinander und bildet Antikörper sowie Gedächtniszellen – der Schutz hält langfristig. Bei der passiven Immunisierung bekommt der Körper fertige Antikörper von außen. Der Schutz wirkt sofort, hält aber nur einige Wochen, weil kein eigenes Immungedächtnis entsteht.

Wie bekommt ein Kalb Antikörper von seiner Mutter?

Beim Rind werden während der Trächtigkeit kaum Antikörper über die Plazenta übertragen — anders als beim Menschen. Das Kalb bekommt sie stattdessen über die Biestmilch (Kolostrum) in den ersten Lebensstunden. Dabei ist das Zeitfenster entscheidend: Nach etwa 24 Stunden kann die Darmwand die großen Antikörpermoleküle kaum noch aufnehmen.

Kann ein Kalb trotz maternaler Antikörper geimpft werden?

Ja – je nach Impfstoff und Applikationsweg. Bei systemischen Impfungen können die mütterlichen Antikörper die Impfantwort des Kalbes stören. Die intranasale Impfung gegen BRSV umgeht dieses Problem teilweise, weil sie die Immunantwort direkt an der Atemwegsschleimhaut anstößt – und diese lokale Immunität kann auch bei vorhandenen maternalen Antikörpern entstehen.

Hofs-News

Eine Mail aus dem echten Hofleben – jeden Freitag* in dein Postfach

Geschichten zwischen Stall, Familie und Feldweg. Mal lustig, mal nachdenklich, immer persönlich.

*Manchmal wird’s auch Samstag oder Sonntag – der Hof passt sich nicht immer dem Kalender an.

Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Schön, dass du dabei bist! Schau gleich in dein Postfach – dort wartet noch eine Bestätigungsmail.

Kein Spam – Abmeldung jederzeit mit einem Klick möglich.

Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

Mehr über mich erfährst du hier.

Suchst du ein bestimmtes Thema auf meinen Blog?

Eine Person, die eine Brille und eine blaue Jacke trägt, steht in einem Stall und hält den Kopf einer schwarz-weißen Kuh an ihre Brust. Im Hintergrund sind Heu und Metallboxen zu sehen.

Wer schreibt hier?

Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

Neu im Blog

Neueste Kommentare

aktuelle Beiträge

Schreibe einen Kommentar