Was bedeutet es eigentlich, Lebensmittel wertzuschätzen?
Als ich diese Frage für meine Blogparade gestellt habe, hatte ich natürlich meine eigene Antwort im Kopf. Für mich als Tierärztin und Landwirtin beginnt Wertschätzung lange vor dem Teller. Beim Tier, auf dem Feld und bei den Menschen, die Lebensmittel erzeugen. Ich sehe bei Milch nicht nur die Packung im Kühlregal, sondern die Kuh dahinter. Ich weiß, wie viel Arbeit, Zeit und Verantwortung in der Erzeugung von Lebensmitteln stecken.
Aber das ist eben mein Blick.
Mit meiner Blogparade wollte ich wissen: Wie sehen andere Menschen das? Sieben Beiträge sind entstanden. Und die Antworten könnten unterschiedlicher kaum sein. Es geht um einen Kirschbaum und zwei Stiegen Quitten, um Kinder auf Bauernhöfen, ein Essen in den Südtiroler Bergen und eine Cattle Station in Australien. Es geht aber auch um Hunger, Foodsharing und die Frage, ob man sich einen Einkauf im Hofladen überhaupt leisten kann.
Und trotzdem zieht sich ein Gedanke durch fast alle Beiträge: Wertschätzung entsteht dort, wo Lebensmittel aufhören, selbstverständlich zu sein.
Wer weiß, wo Lebensmittel herkommen, sieht sie anders
Maike von Ab zum Bauernhof schaut auf das Thema besonders aus der Perspektive von Kindern. Milch kommt eben nicht einfach aus dem Tetrapak und das Ei nicht aus dem Karton. Auf einem Bauernhof können Kinder erleben, wo Lebensmittel tatsächlich herkommen: Eier sammeln, Getreide mahlen oder aus Sahne Butter machen.
Besonders hängen geblieben ist mir ihre eigene Erfahrung mit Reis. Erst als sie gesehen hat, unter welchen Bedingungen Menschen auf Reisfeldern arbeiten, bekam dieses alltägliche Lebensmittel für sie eine andere Bedeutung.
Genau darin steckt für mich etwas Entscheidendes: Man kann Kindern – und Erwachsenen – sehr viel über Landwirtschaft erklären. Aber selbst sehen, anfassen und erleben verändert den Blick noch einmal ganz anders.
Wer die Arbeit kennt, schätzt das Ergebnis anders
Einen ähnlichen Gedanken greift der Beitrag von Ngoc Ha von Live Forever Young auf – allerdings aus einer ganz anderen Situation heraus.
Ausgangspunkt sind zwei Essen in Südtirol: eines im Haubenrestaurant, eines in einem Berggasthaus. Und ausgerechnet das einfachere Essen bleibt stärker in Erinnerung. Dort waren die Ausgangsprodukte, die Arbeit und die Leidenschaft dahinter unmittelbar spürbar.
Daraus entsteht ein Gedanke, der gut zu meiner eigenen Erfahrung passt: Wer eine Arbeit einmal selbst gemacht hat, weiß ihr Ergebnis anders zu schätzen. Wer einmal versucht hat, aus einem winzigen Samenkorn eine Tomatenpflanze großzuziehen, sie zu gießen, vor Schnecken zu retten und irgendwann tatsächlich eine Tomate zu ernten, schaut vielleicht auch auf eine Tomate im Supermarkt anders. Das gilt genauso für Brot, Milch, Eier oder Fleisch.
Manchmal braucht es nur einen Kirschbaum
Dass Wertschätzung nicht unbedingt durch große Erlebnisse entsteht, zeigt Katja Schoonbergen wunderbar mit ihrem Kirschbaum.
Der Baum war schon da. Die Kirschen auch. Verändert hat sich mit den Jahren vor allem ihr Blick darauf. Aus dem Vorübergehen wurde Wahrnehmen. Und aus dem Wahrnehmen wurde Dankbarkeit.
Von dort führt ihr Beitrag weiter zu Erdbeeren im Dezember, Handelswegen und Qualitätsansprüchen, zu krummen Äpfeln und schließlich auch zum Fleisch. Besonders gefällt mir dabei der Gedanke, dass Wissen und Einblicke dabei helfen können, weniger schnell zu urteilen.
Das kann ich aus meiner eigenen Arbeit nur unterschreiben. Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sind komplex. Oft gibt es nicht einfach nur „gut“ und „schlecht“. Je mehr man darüber weiß, desto schwieriger werden manche Antworten sogar. Vielleicht ist deshalb schon Interesse statt vorschnellem Urteil eine Form von Wertschätzung.
Aus zwei Stiegen Quitten wird plötzlich ziemlich viel
Bei der Wildkrautbraut Inga wird Wertschätzung ganz praktisch.
Zwei Stiegen geschenkte Quitten stehen in der Küche. Und statt sich zu fragen, wie man die möglichst schnell loswird, beginnt das Überlegen: Was kann ich daraus alles machen? Saft, Gelee, Mus, Essig, Likör – selbst Schalen und Trester bekommen noch eine Aufgabe.
Der Gedanke zieht sich durch den ganzen Beitrag: Reste sind nicht automatisch Abfall. Manchmal sind sie der Ausgangspunkt für etwas Neues. Genauso gehört für sie dazu, in der Natur nur so viel mitzunehmen, wie man tatsächlich braucht und verarbeiten kann.
Das gefällt mir, weil Wertschätzung dadurch sehr konkret wird. Es geht nicht nur darum, etwas gut zu finden. Es geht darum, wie wir tatsächlich damit umgehen. Und trotzdem sollte daraus meiner Meinung nach kein neuer Perfektionsanspruch entstehen. Jedem verdirbt einmal etwas. Jeder wirft einmal Lebensmittel weg. Entscheidend ist die grundsätzliche Haltung dahinter.
Muss Wertschätzung bedeuten, den Teller leer zu essen?
Einen ganz anderen Blick bringt Pia von beziehungsweise.cologne hinein.
Viele von uns sind mit Sätzen wie „Iss deinen Teller leer“ aufgewachsen. Dahinter stand oft ebenfalls eine Form der Wertschätzung: Lebensmittel wirft man nicht weg. Aber ist es wirklich wertschätzend, weiterzuessen, obwohl man längst satt ist?
Der Beitrag verbindet Erinnerungen an Landwirtschaft und Garten aus der Kindheit mit Achtsamkeit und der eigenen Beziehung zum Essen. Dabei geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern ums Innehalten: Was liegt eigentlich vor mir? Was musste passieren, damit dieses Essen heute auf meinem Teller liegt? Wer war daran beteiligt? Und gleichzeitig: Was brauche ich selbst gerade?
Das ist ein Gedanke, den ich aus dieser Blogparade mitnehme: Lebensmittel wertzuschätzen und sich selbst wertzuschätzen müssen keine Gegensätze sein.
Wenn der eigene Körper Teil der Wertschätzung wird
Noch stärker stellt Vera Wollenweber diese Verbindung her.
Für sie gehören Lebensmittelwertschätzung und Selbstwertschätzung unmittelbar zusammen. Was ich meinem Körper zuführe, sagt auch etwas darüber aus, wie ich mit mir selbst umgehe.
Ihr Beitrag ist sehr persönlich. Besonders eindrücklich erzählt sie von einer Erfahrung auf einer Cattle Station im australischen Outback, die ihren Blick auf tierische Lebensmittel nachhaltig geprägt hat.
Ihre Schlussfolgerungen sind an einigen Stellen andere als meine. Und genau das finde ich an einer Blogparade spannend. Wir müssen nicht dieselben Erfahrungen gemacht haben. Und wir müssen auch nicht bei jeder Frage zur gleichen Antwort kommen. Aber wir können versuchen zu verstehen, warum jemand Lebensmittel so betrachtet, wie er oder sie es tut. Auch das gehört für mich zu einem guten Austausch über Landwirtschaft und Ernährung.
Wenn Wertschätzung aus Mangel entsteht
Maschas Beitrag hat mich besonders nachdenklich gemacht, weil sie aus einer ganz anderen Lebensrealität schreibt.
Ihre Wertschätzung für Lebensmittel, sagt sie selbst, sei „eher im Mangel begründet“. Nach der Wiedervereinigung gab es eine Zeit, in der sie tatsächlich Hunger hatte und in Containern nach Essbarem suchte. Diese Erfahrung prägt ihren Umgang mit Lebensmitteln bis heute.
Mascha lebt inzwischen fast ausschließlich von Foodsharing und Lebensmitteln der Tafel. Was auf den Tisch kommt, entscheidet deshalb nicht der Wochenplan, sondern das, was gerade da ist. Daraus entsteht eine ganz eigene Form von Kreativität: Gekocht wird mit dem Vorhandenen – und möglichst nichts weggeworfen. Auch Fleisch betrachtet sie aus dieser Perspektive. Früher war sie Vegetarierin. Heute isst sie Fleisch, wenn es über Foodsharing vor der Entsorgung gerettet wurde. Das Tier ist bereits dafür gestorben – das Fleisch dann noch wegzuwerfen, wäre für sie keine bessere Lösung.
Ihr Beitrag hat mich aber noch aus einem anderen Grund beschäftigt. Wir sprechen bei nachhaltigem Konsum schnell darüber, regional einzukaufen, Hofläden zu unterstützen, Biolebensmittel zu kaufen oder Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft zu werden. Mascha macht deutlich: Diese Möglichkeiten stehen nicht jedem offen. Wer wenig Geld und kein Auto hat, für den kann schon der Weg zum Hofladen eine Hürde sein.
Das ist ein Blickwinkel, den ich wichtig finde. Wertschätzung lässt sich eben nicht allein daran messen, wo jemand einkauft oder wie viel jemand für Lebensmittel ausgeben kann. Mascha lebt sie auf ihre Weise: indem sie Lebensmittel rettet, verwendet, was vorhanden ist, Obst und Beeren sammelt und möglichst wenig verkommen lässt.
Gleichzeitig blickt sie kritisch auf unser heutiges Lebensmittelsystem: auf Überfluss und Verschwendung, lange Transportwege und darauf, dass Erzeugung, Verarbeitung und Verbrauch oft weit voneinander entfernt sind. Dem stellt sie ihre Erinnerungen an regionalere Versorgungsstrukturen in der DDR gegenüber – ohne zu behaupten, dass damals alles besser gewesen sei.
Für mich bringt ihr Beitrag damit eine Perspektive in diese Blogparade, die leicht vergessen wird: Wertschätzung ist nicht unbedingt eine Frage des Geldes. Manchmal zeigt sie sich gerade darin, aus dem, was zur Verfügung steht, möglichst viel zu machen.
Sieben Beiträge – aber keine allgemeingültige Antwort
Nach dem Lesen aller Beiträge habe ich mich gefragt: Gibt es überhaupt die eine Definition von Wertschätzung? Ich glaube inzwischen: nein.
Für die eine beginnt sie beim eigenen Körper. Für die andere beim Kirschbaum im Garten. Beim Verarbeiten einer Kiste Quitten. Bei Kindheitserinnerungen an Landwirtschaft. Beim Blick hinter die Kulissen der Lebensmittelproduktion. Bei einem Tier. Bei einem Menschen, der auf einem Reisfeld arbeitet. Oder sogar bei der Erfahrung, nicht genug zu essen zu haben.
Und genau deshalb finde ich die Unterschiede zwischen den Beiträgen mindestens genauso interessant wie ihre Gemeinsamkeiten. Denn schnell wird aus dem Thema Wertschätzung eine Liste von Forderungen: Kaufe regional. Kaufe saisonal. Kaufe Bio. Geh zum Hofladen. Koche frisch. Wirf nichts weg. Vieles davon finde ich sinnvoll. Aber Maschas Beitrag zeigt beispielsweise, dass nicht jeder dieselben Möglichkeiten hat. Und die anderen Beiträge zeigen wiederum, dass Wertschätzung an ganz unterschiedlichen Stellen beginnen kann.
Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Regeln und dafür mehr Bewusstsein.
Was alle Beiträge trotzdem verbindet
Trotz aller Unterschiede habe ich einige Gedanken immer wieder gefunden: Wissen, wo Lebensmittel herkommen. Wahrnehmen, wie viel Arbeit darin steckt. Möglichst wenig verschwenden. Tiere, Pflanzen und Menschen hinter einem Lebensmittel sehen. Nicht alles als selbstverständlich betrachten. Bewusster mit dem umgehen, was vorhanden ist. Und manchmal einfach einen Moment innehalten.
Was mir dabei besonders auffällt: Wissen schafft Verbindung. Wer einen Bauernhof besucht hat, einen Kirschbaum beerntet, Quitten verarbeitet, Reisfelder gesehen oder selbst erlebt hat, wie schnell Lebensmittel knapp werden können, betrachtet Essen anders. Vielleicht ist das der gemeinsame Nenner dieser sieben sehr unterschiedlichen Beiträge.
Was ich aus meiner eigenen Blogparade mitnehme
Als ich die Blogparade gestartet habe, war meine eigene Sicht ziemlich klar. Ich stehe jeden Tag dort, wo Lebensmittel entstehen. Ich sehe Kühe nicht erst als Milch oder Fleisch. Ich sehe das Tier davor. Ich kenne die Arbeit, die Fütterung, die Krankheiten, die Entscheidungen und manchmal auch die schwierigen Momente. Deshalb war mein Blick stark von der Erzeugung geprägt.
Die sieben Beiträge haben diesen Blick nicht grundsätzlich verändert – aber sie haben ihn erweitert.
Wertschätzung beginnt nicht nur beim Erzeugen. Sie entsteht auch durch Beziehung. Wenn ich selbst Kirschen pflücke. Wenn ein Kind Butter schüttelt. Wenn ich erfahre, wie Reis angebaut wird. Wenn ich aus zwei Stiegen Quitten möglichst viel mache. Wenn ich mich frage, warum ich meinen Teller eigentlich leer essen soll. Wenn eine Begegnung mit einem Tier meine Einstellung zum Essen verändert. Oder wenn ich weiß, wie es ist, wenn Lebensmittel eben nicht selbstverständlich zur Verfügung stehen.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis aus dieser Blogparade: Wir müssen Lebensmittel nicht alle auf dieselbe Weise wertschätzen. Aber wir sollten aufhören, sie für selbstverständlich zu halten.
Danke für sieben ganz unterschiedliche Antworten
Danke an alle sieben Bloggerinnen, die sich die Zeit genommen haben, auf meine Frage zu antworten, eigene Erfahrungen hervorzuholen und ihre Gedanken öffentlich zu teilen.
Ich hatte mir unterschiedliche Perspektiven gewünscht. Ich habe sie bekommen. Und einige davon haben mich auf Aspekte gebracht, an die ich beim Start meiner Blogparade selbst noch gar nicht gedacht hatte.
Deshalb möchte ich die Frage auch nach dem Ende der Blogparade nicht schließen: Was bedeutet Wertschätzung von Lebensmitteln für dich? Vielleicht findest du dich in einem der sieben Beiträge wieder. Vielleicht siehst du es ganz anders. Dann erzähl es mir gerne in den Kommentaren.
Denn nach diesen sieben Beiträgen bin ich mir bei einer Sache ziemlich sicher: Zu diesem Thema gibt es noch viel mehr als sieben Antworten.


Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…