Für die Milchviehhaltung gibt es drei große Haltungskonzepte. Sie unterscheiden sich nach Platzangebot, Futter, Bewegung und Komfort. Alle drei werden in Deutschland noch praktiziert. Es handelt sich um die Anbindehaltung, die Laufstallhaltung und die Weidehaltung.
Die Anbindehaltung ist ein Auslaufmodell, zumindest was die ganzjährige Anbindung von Kühen angeht. Die Laufstallhaltung ist wohl die verbreitete Haltung von Milchkühen, während die Weidehaltung besonders in den Regionen praktiziert wird, in denen viel Grünland, also Weide vorhanden ist.
Anbindehaltung: Tradition vs. Zukunft
Die Anbindehaltung von Rindern ist eine traditionelle Haltungsform, bei der die Tiere mittels Ketten oder Halsrahmen an einem festen Platz im Stall fixiert werden. In dieser Position können sie sich lediglich hinlegen, aufstehen und fressen, haben jedoch keine Möglichkeit, sich frei zu bewegen oder soziale Interaktionen mit Artgenossen zu pflegen.
In Deutschland ist die Anbindehaltung seit Jahrzehnten rückläufig, dennoch wurden im Jahr 2020 noch etwa 11 % der Milchkühe in dieser Haltungsform gehalten. Besonders verbreitet ist sie in kleineren Betrieben in Süddeutschland, insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg. In diesen Regionen erschweren topografische Gegebenheiten wie bergiges Gelände den Bau moderner Laufställe, weshalb die Anbindehaltung dort weiterhin praktiziert wird.
Es wird zwischen ganzjähriger und saisonaler Anbindehaltung unterschieden:
- Ganzjährige Anbindehaltung: Die Tiere sind das gesamte Jahr über angebunden und haben keinen oder nur sehr seltenen Zugang zu Auslauf oder Weideflächen.
- Saisonale Anbindehaltung: Die Rinder sind während der Wintermonate angebunden, erhalten jedoch in den Sommermonaten Weidezugang. Diese Form ist in bestimmten Regionen, insbesondere in Süddeutschland, verbreitet.
Die Diskussion um die Anbindehaltung ist komplex und betrifft neben Tierschutzaspekten auch wirtschaftliche und kulturelle Faktoren. Hauptsächlich in strukturschwachen Regionen und Berggebieten stehen Landwirte vor Herausforderungen bei der Umstellung auf alternative Haltungsformen. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Druck, tiergerechte Haltungssysteme zu etablieren. Die Anbindehaltung ist deswegen in Deutschland rückläufig und auch der Gesetzgeber plant, die ganzjährige Anbindehaltung innerhalb einer Übergangsfrist von zehn Jahren zu verbieten. Für kleinere Betriebe mit bis zu 50 Rindern könnten Ausnahmen gelten, sofern den Tieren während der Weidezeit Zugang zu Weideland und ganzjährig mindestens zweimal pro Woche Zugang zu Freigelände gewährt wird.
Laufstallhaltung: Der moderne Standard
Die Laufstallhaltung ist in Deutschland die vorherrschende Haltungsform für Milchkühe. In einem Laufstall können sich die Kühe frei bewegen und haben Zugang zu verschiedenen Funktionsbereichen wie Fressplätzen, Liegeflächen und Melkständen. Diese Haltungsform fördert das natürliche Sozialverhalten der Tiere und ermöglicht ihnen mehr Bewegungsfreiheit im Vergleich zur Anbindehaltung. Auch Kuhkomfort ist in Laufställen leichter umsetzbar. Bei uns im Stall gibt es elektrische Kuhbürsten und Ventilatoren im Stall.
Verbreitung der Laufstallhaltung in Deutschland
Laut Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2020 werden etwa 87 % der Milchkühe in Deutschland in Laufställen gehalten. Diese Haltungsform ist besonders in größeren Betrieben verbreitet, da sie effizienter zu managen ist und den Kühen mehr Platz bietet. In den nördlichen und östlichen Bundesländern Deutschlands, wo die Milchviehbetriebe tendenziell größer sind, dominiert die Laufstallhaltung.
Arten von Laufställen
Es gibt verschiedene Typen von Laufställen, die sich in ihrer Bauweise und Ausstattung unterscheiden:
- Liegeboxenlaufstall: Hier stehen den Kühen individuelle Liegeboxen zur Verfügung, die mit Einstreu oder Gummimatten ausgestattet sind. Diese Boxen sind so gestaltet, dass sie den Kühen Komfort bieten und gleichzeitig hygienisch sind.
- Tiefstreulaufstall: In diesem System gibt es eine gemeinsame Liegefläche für alle Kühe, die mit einer dicken Schicht Einstreu bedeckt ist. Diese Variante erfordert regelmäßige Pflege, um die Sauberkeit zu gewährleisten.
Vorteile und Herausforderungen der Laufstallhaltung
In einem Laufstall können sich die Kühe frei bewegen und zum Beispiel soziale Kontakte pflegen. Es kann eine natürliche Herdenstruktur gebildet werden. Durch die Bewegung wird das Risiko von Gelenk- und Stoffwechselerkrankungen gesenkt. Auch Automatisierte Systeme wie Melkroboter lassen sich in Laufställen leichter integrieren, weil die Kühe sich frei bewegen können und selbständig entscheiden, wann sie zum Melken gehen. Das wäre in der Anbindung nicht realisierbar und bei der Weidehaltung sind die Kühe zu weit weg. Der Melkroboter entfaltet sein Potenzial erst, wenn die Kühe mehrmals täglich zum Melken gehen.
Laufställe erfordern mehr Fläche pro Tier, was insbesondere in Regionen mit begrenztem Raumangebot eine Herausforderung darstellen kann. Dadurch ist auch der Bau oder die Umrüstung auf einen Laufstall mit hohen Investitionen verbunden, denn pro Fläche können im Vergleich zur Anbindung weniger Kühe gehalten werden. Auch die tägliche Kontrolle der Kühe und das Sauberhalten der Liegeboxen oder Liegeflächen erfordert mehr Aufwand.
Meiner Meinung nach wiegen die Vorteile einer tiergerechten Laufstallhaltung die zu überwindenden Herausforderungen auf. Auch wenn die Investition zu Beginn sicherlich höher ist, bekommt man das durch gesündere und zufriedenere Kühe wieder.
Weidehaltung: Natürlich, aber praktikabel?
Die Weidehaltung von Milchkühen ermöglicht es den Tieren, sich frei auf Grünflächen zu bewegen, frisches Gras aufzunehmen, aber sie sind dabei auch dem Wetter ausgesetzt.
Vorteile und Herausforderungen der Weidehaltung
Die freie Bewegung auf einer Weide kommt dem natürlichen Verhalten und Haltung wohl am nächsten. Gelenke werden geschont, Muskulatur gestärkt. Das Weidegras ist bestenfalls reich an Nährstoffen und ermöglicht eine wiederkäuergerechte Ernährung. Zudem bieten beweidete Flächen Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten.
Trotz der Vorteile hatten im Jahr 2019 nur noch etwa 31 % der deutschen Milchkühe Weidezugang, verglichen mit rund 42 % zehn Jahre zuvor. Gründe hierfür sind unter anderem strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft und der Trend zu größeren Herden, bei denen Weidehaltung logistisch anspruchsvoller ist. Zudem erfordert Weidehaltung geeignete Flächen in Stallnähe, zusätzlichen Arbeitsaufwand für das Management der Weiden und die Integration moderner Melktechnologien, wie Melkroboter, sind erschwert.
Fazit: Welche Haltungsform ist die beste?
Die eine Haltungsform, die auf allen Betrieb passt, gibt es wohl nicht. Unumstritten ist die ganzjährige Anbindehaltung für Kühe nicht artgerecht. Die Winterstallhaltung in Anbindung mit Sommerweide ist ein Kompromiss. Die Tierhaltung ist immer im Zusammenhang mit der Betriebsstruktur und dem Betriebsstandort zu betrachten. Nicht alles ist überall möglich.
Wichtig ist ein gutes Management und das Wohl der Tiere in den Mittelpunkt zu stellen und das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. Wenn das Tierwohl gar nicht mehr gewährleistet werden kann, muss nach anderen Lösungen gesucht werden.
Die Verbraucher sollten sich über Haltungsbedingungen informieren und bewusste Entscheidungen beim Einkauf treffen. Regional oder direkt beim Landwirt, Weidemilch, Bio-Milch – das Angebot ist vielfältig. Letztendlich wird das in der Landwirtschaft produziert, was nachgefragt wird.


Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…