Eine Person hält eine Nadel an eine Kuh.

Was ist eine Labmagenverlagerung und welche Therapien gibt es?

Die Labmagenverlagerung zählt zu den häufigsten Erkrankungen bei Milchkühen in der Frischlaktation. Besonders gefährdet sind Tiere in den ersten Wochen nach dem Abkalben, wenn Futteraufnahme, Stoffwechsel und Milchleistung neu austariert werden müssen. Gerät das empfindliche Gleichgewicht aus der Bahn, kann der Labmagen seine Position im Bauchraum verändern – meist nach links, seltener nach rechts.

Typische Symptome wie Fressunlust, verminderte Wiederkauaktivität, sinkende Milchleistung und das charakteristische „Ping“-Geräusch bei der klinischen Untersuchung weisen auf das Problem hin. Wird die Labmagenverlagerung nicht frühzeitig erkannt und behandelt, drohen schwerwiegende Folgeschäden bis hin zum Verenden des Tieres.

In diesem Artikel stelle ich die gängigen Therapieformen bei Labmagenverlagerung vor – von konservativen Maßnahmen wie der Rollkur bis hin zu chirurgischen Eingriffen. Auch begleitende Maßnahmen und Prognosefaktoren werden beleuchtet. Ziel ist es, eine praxisnahe Orientierung für Landwirte und Tierärzt:innen zu bieten, damit im Ernstfall schnell und gezielt gehandelt werden kann.

Ursachen der Labmagenverlagerung

Die Entstehung einer Labmagenverlagerung ist meist multifaktoriell. Zu den häufigsten Auslösern zählen:

Fütterungseinflüsse

Ein entscheidender Risikofaktor für die Entstehung von Labmagenverlagerungen ist das Fütterungsmanagement, insbesondere in der peripartalen Übergangsphase. In dieser Zeit werden entscheidende Weichen für die Gesundheit der Kuh nach dem Kalben gestellt – auch in Bezug auf die Magenmotorik und Pansenfunktion.

  • Ein zu geringes Angebot an strukturiertem Futter führt zu einer unzureichenden Wiederkautätigkeit und verminderter Pansenfüllung. Dadurch sinkt der Druck auf den Labmagen, was seine Verlagerung erleichtert.
  • Eine zu schnelle Steigerung des Kraftfutteranteils, ohne ausreichende Anpassung der Pansenflora, kann zu einer subklinischen Pansenacidose führen. Die Folge sind verringerte Futteraufnahme, gestörte Verdauungsprozesse und eine reduzierte Beweglichkeit des Labmagens.
  • Ein abrupter Futterwechsel rund um die Kalbung (z. B. von Trockensteherration zur Hochleistungsration) überfordert den Verdauungstrakt und kann ebenfalls zur Entstehung einer Labmagenverlagerung beitragen.

Ein durchdachtes und abgestimmtes Fütterungsmanagement – insbesondere während der Transitphase – ist daher essenziell zur Vorbeugung. Strukturreiches Grundfutter, langsame Kraftfutteranpassung und eine sorgfältige Rationsplanung gehören zu den wichtigsten Maßnahmen.

Stoffwechselbelastungen und -störungen

Die Phase um die Abkalbung ist für die Milchkuh eine enorme physiologische Herausforderung. Gerade in dieser Zeit treten häufig Stoffwechselstörungen auf, die die Entstehung einer Labmagenverlagerung begünstigen oder sogar auslösen können.

Ein häufiger Risikofaktor ist die Verfettung während der Trockenstehzeit. Überkonditionierte Kühe zeigen eine ausgeprägtere, physiologisch zwar normale, aber in diesem Fall verstärkte peripartale Verzehrsdepression. Die Folge ist eine intensive Lipolyse mit erhöhtem Fettabbau, die in einer subklinischen oder klinischen Ketose münden kann.

Ketose sowie Hypokalzämie wirken zusätzlich depressiv auf die Motorik von Pansen und Labmagen. Die verminderte Magenmotilität begünstigt, dass sich der Labmagen mit Gas füllt und in eine veränderte Position gleiten kann. In Kombination mit einem leeren Pansen und reduzierter Futteraufnahme erhöht sich das Risiko deutlich.

Auch die negative Energiebilanz in den ersten Laktationstagen trägt zur Entstehung bei: Der Energiebedarf steigt rasant an, die Aufnahme bleibt zunächst zurück. Dieses Ungleichgewicht schwächt die Kuh zusätzlich und beeinträchtigt das Zusammenspiel der Verdauungsorgane.

Ein gezieltes Stoffwechselmonitoring, bedarfsgerechtes Trockenstehmanagement und eine frühzeitige Intervention bei Stoffwechselentgleisungen sind daher zentrale Bausteine der Vorbeugung.

Stresszustände und Begleiterkrankungen

Neben direkten Stoffwechselstörungen spielen auch andere Organ- und Allgemeinerkrankungen eine bedeutende Rolle in der Entstehung von Labmagenverlagerungen. Krankheiten wie

führen zu einer deutlichen Reduktion der Futteraufnahme, belasten das Tier zusätzlich und fördern eine negative Energiebilanz. Diese Zustände wirken sich negativ auf die Magen-Darm-Motorik aus und können bestehende Stoffwechselentgleisungen verstärken.

Auch Stressfaktoren, die nicht unmittelbar krankheitsbedingt sind, dürfen nicht unterschätzt werden. Dazu zählen unter anderem:

  • Stallwechsel oder Umstallung
  • Transport
  • Rangordnungskämpfe innerhalb der Herde
  • Anpassungsschwierigkeiten bei Färsen nach der ersten Kalbung
  • unzureichende Haltungsbedingungen, wie fehlender Liegekomfort oder hohe Besatzdichte

Diese Stressoren führen zu Verhaltensänderungen, Futterverweigerung und hormonellen Reaktionen, die sich negativ auf die Verdauung und den Gesamtstoffwechsel auswirken.

Ein umfassender Blick auf das gesamte Management rund um die Abkalbung ist daher essenziell – denn oft ist die Labmagenverlagerung kein isoliertes Problem, sondern das Resultat mehrerer Belastungsfaktoren.

Mechanische Einwirkungen

Auch mechanische Faktoren können zur Verlagerung des Labmagens beitragen – insbesondere dann, wenn sie mit weiteren Risikofaktoren wie Futtermangel oder Stoffwechselstörungen zusammentreffen.

Typische Situationen sind:

  • Wälzen über den Rücken – zum Beispiel bei der Geburtshilfe
  • Zwillingsgeburten mit überdehnter Bauchwand
  • Schwergeburten, die mit starkem Pressen und erhöhter körperlicher Belastung einhergehen
  • Geringe Pansenfüllung nach dem Kalben, wodurch der Labmagen mehr „Spielraum“ zur Bewegung bekommt

Diese mechanischen Einflüsse verändern die Druckverhältnisse im Bauchraum und können dazu führen, dass der mit Gas gefüllte Labmagen aufsteigt und sich zwischen den Organen verlagert. Besonders gefährdet sind Kühe, die bereits geschwächt sind oder in der Frischmelkerphase zu wenig fressen.

Formen der Labmagenverlagerung

Bei der Labmagenverlagerung unterscheidet man hauptsächlich zwei Formen – je nachdem, auf welche Seite sich der Labmagen im Bauchraum verlagert. Beide Varianten haben unterschiedliche klinische Relevanz und erfordern jeweils angepasste Therapiekonzepte.

1. Linksseitige Labmagenverlagerung (LDA – Left Displaced Abomasum)

Dies ist die weitaus häufigere Form. Hier gleitet der Labmagen zwischen Pansen und linker Bauchwand nach oben. Aufgrund der anatomischen Lage kann sich Gas im Labmagen sammeln, wodurch er sich weiter aufwölbt und fixiert.

Typisch bei LDA:

  • Häufig schleichender Verlauf
  • Reduzierte Futteraufnahme und Milchleistung
  • Auf der linken Flanke ein typisches „Ping“-Geräusch hörbar
  • Vor der linken Hungergrube oder darunter sind keine oder nur sehr schwache Pansengeräusche wahrnehmbar
  • Meist stabiler Kreislauf

Die Prognose ist bei frühzeitiger Erkennung und geeigneter Therapie meist gut.

2. Rechtsseitige Labmagenverlagerung (RDA – Right Displaced Abomasum)

Bei der rechtsseitigen Form verlagert sich der Labmagen zwischen Leber und rechter Bauchwand. Auch hier kann sich Gas ansammeln, was zu einer weiteren Aufblähung führt. Besonders kritisch ist die Möglichkeit einer anschließenden Labmagentorsion.

Dabei dreht sich der Labmagen um seine eigene Achse, wodurch Blutgefäße und der Magenausgang abgeschnürt werden. Die Folge ist eine akute Kreislaufbelastung mit drohender Nekrose der Magenwand – ein lebensbedrohlicher Zustand, der sofortige chirurgische Intervention erfordert.

Typisch bei RDA:

  • Rasch fortschreitender Verlauf
  • Deutliche Kreislaufsymptome (Schockanzeichen)
  • In schweren Fällen Notfall mit operativem Handlungsbedarf
  • Prognose stark abhängig vom Zeitpunkt der Intervention

Die RDA gilt als tiermedizinischer Notfall und erfordert schnelle Diagnosestellung und chirurgische Behandlung.

Der „Pendel-Labmagen“

In der Praxis wird gelegentlich der Begriff „Pendel-Labmagen“ verwendet, um eine nicht-fixierte, wechselhafte Lage des Labmagens zu beschreiben. Dabei befindet sich der Labmagen zwar bereits nicht mehr in seiner physiologischen Position, ist aber noch nicht fest zwischen Organen eingeklemmt oder durch Gas aufgebläht fixiert.

Typisch für diese Form:

  • Der Labmagen kann sich vorübergehend verlagern, z. B. abhängig von der Füllung des Pansens, der Futteraufnahme oder der Bewegung der Kuh.
  • Symptome sind häufig unspezifisch oder wechseln – z. B. mal Fressunlust, dann wieder normales Verhalten.
  • Die klinischen Befunde wie das Ping-Geräusch können nur intermittierend auftreten.

Diese labilen Fälle stellen eine diagnostische und therapeutische Herausforderung dar: Sie können sich spontan zurückverlagern – oder aber in eine echte LDA oder RDA übergehen, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden.

In solchen Fällen ist engmaschige Beobachtung und ggf. eine konservative Behandlung mit Fütterungsoptimierung und/oder dem Drenchen angebracht. Frühzeitiges Eingreifen kann verhindern, dass sich die Situation verschärft

Diagnose der Labmagenverlagerung

Eine sichere Diagnose ist entscheidend, um schnell die richtige Therapie einzuleiten – insbesondere, wenn eine Torsion droht. Die Diagnose stützt sich auf eine Kombination aus klinischer Untersuchung, Auskultation und Perkussion, ergänzt durch Laborwerte und ggf. bildgebende Verfahren.

Klinische Allgemeinuntersuchung

Bereits die Allgemeinuntersuchung liefert wichtige Hinweise:

  • Reduzierte oder fehlende Futteraufnahme
  • Verminderte Wiederkauaktivität
  • Rückgang der Milchleistung
  • Eingesunkene Hungergrube
  • Leicht aufgeblähter Bauchraum (links oder rechts)
  • Apathie, verminderte Hautelastizität (bei Torsion evtl. Schockanzeichen)

Auskultation und Perkussion

Das charakteristische „Ping“ entsteht, wenn sich Gas im verlagerten Labmagen ansammelt. Es klingt metallisch und ist gut mit dem Stethoskop bei gleichzeitiger Beklopfung hörbar:

  • Linksseitige Verlagerung (LDA): Das Ping-Geräusch ist in der linken Flanke, meist zwischen der 9. und 12. Rippe, zu hören. Je nach Pansenmotorik können unterschiedliche Tonhöhen auftreten. Diese akustische Variabilität ist typisch und weist auf den wechselnden Druck und die Bewegung des verlagerten Labmagens hin.
  • Rechtsseitige Verlagerung (RDA): Ping rechtsseitig, etwas weiter kaudal

Zusätzlich ist bei LDA in der linken Hungergrube oft eine verminderte oder fehlende Pansenmotorik feststellbar.

Rektale Untersuchung

Bei RDA kann die Rektaluntersuchung Hinweise auf einen prallen, verlagerten Labmagen oder Spannungen im rechten Bauchraum geben.

Labordiagnostik

Hypochlorämie, Hypokaliämie, Basenüberschuss weisen auf eine Passagebehinderung im Labmagenbereich hin

Weiterführende Untersuchungen zur Diagnosesicherung

In vielen Fällen lässt sich eine Labmagenverlagerung bereits durch klinische Untersuchung und Auskultation sicher diagnostizieren. Bei unklaren oder grenzwertigen Befunden, atypischem Verlauf oder zur Unterscheidung von Differenzialdiagnosen können weiterführende Maßnahmen erforderlich sein.

Wiederholtes Einblasen von Luft über die Schlundsonde

Durch wiederholtes Einblasen von Luft in den Pansen mittels Schlundsonde kann überprüft werden, ob sich die Lageverhältnisse der Organe im Bauchraum verändern:

  • Bei einer LDA kann durch das Abdrängen des Pansens das gluckernde Geräusch leiser zu hören sein
  • Ist dieses Geräusch überall gleich laut, deutet es eher auf eine Gasansammlung im Pansen hin

Beidseitige Schwing- und Perkussionsauskultation

Bei der simultanen Untersuchung beider Flanken gilt:

  • Wenn links und rechts Ping-Geräusche auskultierbar sind, kann dies auf:
    • Luft im Bauchraum (z. B. bei Perforationen),
    • ausgeprägte Magen-Darm-Leere mit Hohlraumbildung,
    • oder eine Blinddarmaufgasung hinweisen.

→ In diesen Fällen ist eine rektale Untersuchung zwingend notwendig, um die Verdachtsdiagnose weiter einzugrenzen.

Diagnostische Punktion

Eine Punktion im unteren Bereich des aufgegasten Bezirkes kann Aufschluss über die Zusammensetzung der Gase oder über den Mageninhalt geben – z. B. bei unklarer Gasansammlung. Diese Methode wird meist unter sterilen Bedingungen durchgeführt und ist eher spezialisierten Betrieben oder Tierärzt:innen vorbehalten.

Sonographie

Die Ultraschalluntersuchung ermöglicht eine Darstellung des verlagerten Labmagens sowie die unterschiedlich echogenen Zonen seines flüssig-breeigen und gasförmigen Inhalts.

Laparoskopie

In unklaren oder komplizierten Fällen kann eine Laparoskopie erforderlich sein. Dabei wird der Bauchraum minimalinvasiv mit einem Endoskop gespiegelt, sodass sich die genaue Lage des Labmagens direkt beurteilen lässt.

In manchen Fällen kann die Verlagerung sogar im selben Eingriff operativ korrigiert werden, z. B. durch eine laparoskopische Labmagenfixation. Dieses Verfahren ist gewebeschonend und ermöglicht in geeigneten Fällen eine schnelle Rekonvaleszenz.

Therapiemöglichkeiten der Labmagenverlagerung

Konservative Therapie

Wälzen zur Reposition des linken Labmagens

Ablauf:
Die Kuh wird zunächst in linke Seitenlage durch Niederschnüren gebracht und fixiert. Anschließend wird sie in eine halbrechte Rückenlage gewälzt.
Während dieses Vorgangs wird mit den Fäusten der Bauch entlang des linken Rippenbogens massiert. Ziel ist es, dass der gasgefüllte Labmagen durch die Lagerungsveränderung und Massage nach rechts „ploppt“ – also in seine physiologische Position zurückgleitet.

Anschließend:

  • Kuh zügig aufstellen, um die natürliche Organlage zu fördern
  • Appetitanregen, z. B. durch:
    • besonders schmackhaftes Futter (z. B. Maissilage, Biertreber, Futterrüben)
    • ggf. pansenanregende Medikamente oder Probiotika
  • Ziel: Eine gute Pansenfüllung, sodass der Labmagen weniger Platz hat, sich erneut zwischen Pansen und Bauchwand zu schieben

Vorteile:

  • Kein chirurgischer Eingriff notwendig
  • Schnell und ohne spezielle Ausrüstung durchführbar

Nachteile:

  • Hohes Rezidivrisiko: Der Labmagen verlagert sich häufig erneut
  • Aufwendig: Viele Helfer nötig zum sicheren Lagern und Wälzen
  • Wird heutzutage selten als alleinige Maßnahme eingesetzt – eher in Kombination mit Fixationstechniken

(Eher bei leichten, früh erkannten Fällen, und nur wenn keine metabolischen Komplikationen vorliegen)

aus Innere Medizin und Chirurgie des Rindes (Dirksen, Gründer; Stöber)

Wälzen mit perkutaner Fixation (Blind Stitch Methode)

Nach dem Wälzen wird der Labmagen durch die Bauchwand fixiert, um eine erneute Verlagerung zu verhindern.
Dies geschieht in Rückenlage mittels einer großen, gebogenen Nadel und starkem Faden. Dabei wird „blind“ punktiert – also ohne Sichtkontrolle.

Risiken dieser Methode:

  • Verletzungen von Organen wie Pansen oder Darm
  • Fehlfixationen (z. B. Pansen statt Labmagen)
  • Infektionen an der Punktionsstelle
  • Unsichere Lage des Labmagens zum Zeitpunkt der Fixation

Fazit:
Die Methode des Wälzens wird heute in der Praxis meist nur noch in Kombination mit perkutaner Fixation oder bei Tieren mit sehr schlechtem OP-Risiko angewendet. Moderne Verfahren wie die Endoskopie oder die Operation sind in vielen Fällen risikoärmer und nachhaltig

aus Innere Medizin und Chirurgie des Rindes (Dirksen, Gründer; Stöber)

Fixation des Labmagens unter endoskopischer Kontrolle (Methode nach Janowitz)

OP in zwei Phasen

Phase 1 im Stehen:

  • 2 Punktionsstellen an der linken Bauchwand
  • erste Punktionsstelle zum Einströmenlassen von Luft und zur Sichtkontrolle
  • zweite Puntionsstelle zur Punktion des Labmagens, zum Entgasen des Labmagens und zum Einbringen des Toggle Pins
Kuh während der ersten Phase der endoskopischen OP

Phase 2 in Rückenlage:

  • wieder 2 Punktionsstellen
  • erste Punktionsstelle Sichtkontrolle
  • zweite Punktionsstelle wird des Toggle Pins gesucht und durch die Bauchdecke gezogen, anschließend draußen verknotet
Kuh während der zweiten Phase in Rückenlage. Hier mit einem speziellen Wagen, auf denm die Kuh gut fixiert werden kann und automatisch in Rückenlage verbracht wird.

Chirurgische Therapie

Zugang von der linken Seite (Utrechter Methode)

  • Zugang durch die linke Flanke.
  • Labmagen wird mit einem Faden fixiert, entgast, reponiert und anschließend der Labmagen mit dem Faden durch die Bauchwand fixiert.
  • Gute Übersicht, aber technisch anspruchsvoll.
aus Innere Medizin und Chirurgie des Rindes (Dirksen, Gründer; Stöber)

Zugang von der rechten Seite (Methode nach Dirksen)

  • Zugang durch die rechte Flanke.
  • Labmagen wird mit einer Nadel über den Pansen entgast und anschließend manuell zurückverlagert
  • Der Labmagen wird dann mit Hilfe einer Platte in der Näähe des Magenausgangs vor der Kniefalte fixiert
  • Häufig angewandt, gute Übersicht über andere Organe (v. a. bei V.a. Torsion wichtig).
  • diese Methode kann auch bei RDA mit Torsion angewendet werden
Oben links: Darstellung, wie über den Pansenvon der rechten Seite der Labmagen entgast wird. Oben rechts: Fixation den Labmagens mithilfe eioner Kunststoffplatte.
Unten links: Kunststoffplatte mit dem Gegenstück (Knopf)
Unten rechts: Knopf wird vor der Kniefalte unter die Haut versenkt
aus Innere Medizin und Chirurgie des Rindes (Dirksen, Gründer; Stöber)

Diese Methode kommt bei einer rechtsseitigen Labmagenverlagerung (RDA) zum Einsatz, da hier eine möglicherweise aufgetretene Torsion des Labmagens reponiert werden kann.
In leichten Fällen einer RDA kann versucht werden, den Labmagen durch Wälzen auf die linke Seite zu bringen. Dadurch stehen anschließend alle gängigen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung – insbesondere die endoskopische Fixation nach Janowitz, die normalerweise nur bei einer linksseitigen Verlagerung durchgeführt wird.
Diese minimalinvasive Methode gilt als besonders gewebeschonend und gut verträglich. Sie belastet die Kuh am wenigsten und ermöglicht in der Regel einen schnellen Heilungsverlauf.

Rechtsparamedianer Zugang (in Rückenlage)

  • Tier in Rückenlage, Zugang ventral-paramedian.
  • Fixation des Labmagens an der Bauchwand.
  • Gute Fixierung, aber aufwendig (Narkose/Rückenlagerung erforderlich)
  • ist arbeits- und kostenaufwendig, braucht Assistenz und belastet das Tier

Prognose

Die Prognose bei linksseitiger Labmagenverlagerung ist insgesamt günstig, sofern die Diagnose frühzeitig gestellt und eine geeignete Therapie rasch eingeleitet wird.
Bei guter Allgemeinverfassung der Kuh und unkomplizierter Verlagerung ist mit einer vollständigen Genesung und Rückkehr zur normalen Milchleistung zu rechnen.

Einflussfaktoren auf die Prognose:

  • Zeitpunkt der Behandlung: Je früher die Reposition erfolgt, desto besser die Heilungschancen. Bei längerem Bestehen kann es zu Verklebungen des labmagens kommen, was eine Reposition erschwert.
  • Behandlungsmethode:
    • Die endoskopische OP ist die für das Tier schonendste Methode und bietet damit eine sehr gute Prognose bei geringem Rezidivrisiko.
    • Wälzen allein oder Blind Stitch-Methode haben ein deutlich höheres Rückfallrisiko
  • Allgemeinzustand der Kuh: Tiere mit starker Abmagerung, Azidose, Pansenveränderungen oder Mehrfacherkrankungen (z. B. Labmagenverlagerung + Ketose + Nachgeburtsverhalten) haben eine vorsichtigere Prognose.
  • Eine adäquate Nachbehandlung (z. B. die Ketosebehandlung) vergrößern die Heilungsaussichten ebenfalls

Langzeitprognose:

Die Milchleistung kann sich nach erfolgreicher Behandlung wieder vollständig normalisieren, ist aber abhängig vom Verlauf und vom allgemeinen Gesundheitszustand.

Prophylaxe

Die linksseitige Labmagenverlagerung (LDA) ist in erster Linie ein managementabhängiges Problem, das v. a. in der Frühlaktation auftritt.
Ziel der Prophylaxe ist es, Pansenfüllung, Futteraufnahme und Stoffwechselbalance in der Transitphase (Trockenstehzeit bis ca. 3 Wochen nach Kalbung) zu stabilisieren.

Wichtige Maßnahmen zur Vorbeugung:

  • Optimale Futteraufnahme nach der Kalbung fördern
    • Schmackhafte, strukturreiche und ausgewogene Ration
    • Vermeidung von Futterwechseln rund um die Geburt
    • Futteraufnahme beobachten → frühe Erkennung von Inappetenz
  • Ausreichend Rohfaser und Struktur im Futter
    • Pansenfüllung wirkt vorbeugend → verdrängt den Labmagen mechanisch
    • Grobstruktur (z. B. Heu, Strohanteil in der TMR) ist essenziell
  • Ketose vermeiden
    • Energiereiche, aber pansenverträgliche Rationen in der Frühlaktation
    • Einsatz von Propylenglykol oder anderen Glukosevorstufen, falls nötig
  • Frischmelker-Überwachung
    • Kontrolle von Futteraufnahme, Wiederkauen, Kotkonsistenz, Milchleistung
    • Milchfieber-Prophylaxe
    • Frühzeitiges Erkennen von Auffälligkeiten (Ketose, Nachgeburtsverhalten, Lahmheit etc.)
  • Pansenstabilität sichern
    • Keine abrupten Kraftfuttersteigerungen
    • Pansenpuffer oder Hefezusätze bei Bedarf
  • Stress vermeiden
    • Kein unnötiges Treiben oder Umstallen rund um die Kalbung
    • Rangkämpfe minimieren (ausreichend Fressplätze!)

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Labmagenverlagerung zählt zu den wirtschaftlich bedeutendsten Erkrankungen in der Frischlaktation. Neben den direkten Behandlungskosten – je nach Verfahren zwischen 150 und 400 Euro pro Fall – verursachen betroffene Tiere auch indirekt erhebliche Verluste. Dazu zählen vor allem Milchleistungsrückgänge (bis zu 500 kg pro Laktation), Fruchtbarkeitsstörungen (z. B. verlängerte Güstzeiten, mehr Besamungen) und ein erhöhter Arbeitszeitaufwand für Pflege, Behandlung und Nachsorge. In der Summe können sich die Gesamtkosten pro Fall auf 600 bis 1.000 Euro belaufen. Auch das Risiko für eine frühzeitige Abgangsentscheidung steigt. Daher lohnt sich eine gezielte Prophylaxe – insbesondere in der Transitphase – sowohl aus tierschutz- als auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

Fazit

Die linksseitige Labmagenverlagerung ist eine häufige und wirtschaftlich relevante Erkrankung bei Milchkühen, insbesondere in der kritischen Phase rund um die Kalbung. Eine frühzeitige Diagnose und gezielte Therapie sind entscheidend für eine gute Prognose. Während nach meiner Erfahrung das endoskopische OP-Verfahren heute den Standard in der Behandlung darstellt, haben nicht-invasive Methoden wie das Wälzen mit ihrer hohen Rezidivrate nur noch in Ausnahmefällen ihre Berechtigung. Langfristig liegt der Schlüssel in einem konsequenten Herdenmanagement: Eine stabile Pansenfunktion, hohe Futteraufnahme, gute Transitfütterung und stressfreie Abkalbungen die besten Mittel, um Labmagenverlagerungen vorzubeugen – im Sinne der Tiergesundheit und der Wirtschaftlichkeit des Betriebs.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

Mehr über mich erfährst du hier.

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Eine Person, die eine Brille und eine blaue Jacke trägt, steht in einem Stall und hält den Kopf einer schwarz-weißen Kuh an ihre Brust. Im Hintergrund sind Heu und Metallboxen zu sehen.

Wer schreibt hier?

Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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