Du stehst im Supermarkt vor dem Kühlregal und fragst dich: Macht es eigentlich einen Unterschied, was die Milchkuh gefressen hat? Ist Weidemilch wirklich besser? Schmeckt die Milch anders, wenn Kühe frisches Gras statt Silage fressen?
Die kurze Antwort lautet: Ja, die Fütterung beeinflusst die Milch. Aber nicht so direkt, wie man vielleicht denkt – und auch nicht immer so, wie man es erwartet. Denn zwischen dem Futter, das vorn in die Kuh hineingeht, und der Milch, die später im Tank landet, liegt ein ziemlich ausgeklügeltes biologisches System. Und das beginnt im Pansen. Der Pansen ist der erste und größte Vormagen der Kuh – eine riesige Gärkammer, in der Milliarden von Mikroorganismen leben.
Das Wichtigste in Kürze
• Die Fütterung beeinflusst Milchmenge und Milchinhaltsstoffe – aber Futter gelangt nicht einfach eins zu eins in die Milch.
• Entscheidend ist ein gesunder Pansen mit einer möglichst stabilen Fütterung.
• Frisches Gras kann unter anderem das Fettsäuremuster der Milch verändern.
• Weidemilch ist deshalb nicht automatisch „besser“ als Milch von Kühen, die im Stall gefüttert werden.
• Für mich steht bei der Fütterung zuerst die Gesundheit der Kuh im Mittelpunkt.
Was fressen unsere Kühe eigentlich?
Auf unserem Betrieb bekommen die Kühe das ganze Jahr über eine möglichst gleichbleibende Ration. Die Grundlage bilden Grassilage und Maissilage. Dazu kommen Kraftfutter und Mineralstoffe. Das klingt vielleicht weniger idyllisch als eine Kuh, die sich auf einer blühenden Wiese jeden Grashalm selbst aussucht. Die gleichmäßige Fütterung hat aber einen wichtigen Grund: den Pansen.
Der Pansen ist der erste und mit Abstand größte Vormagen der Kuh. Eigentlich füttern wir mit jeder Ration zuerst die Pansenbewohner – und die helfen anschließend dabei, die Kuh zu ernähren. Bakterien, Einzeller und Pilze zerlegen das Futter und machen dabei etwas, das wir Menschen nicht können: Sie verwerten unter anderem Zellulose und andere Pflanzenfasern. Genau das ist eine der besonderen Fähigkeiten des Rindes. Eine Kuh kann aus Gras und anderen für uns Menschen nicht direkt verwertbaren Pflanzenbestandteilen ein hochwertiges Lebensmittel erzeugen: Milch.
Warum Kühe keine großen Futterwechsel mögen
Ein abrupter Futterwechsel kann die Zusammensetzung der Mikroorganismen im Pansen durcheinanderbringen – mit Folgen für Verdauung und Gesundheit. Die Zusammensetzung der Mikroorganismen im Pansen passt sich an das Futter an. Bekommt die Kuh viel Stärke, werden andere Mikroorganismen gebraucht als bei einer sehr rohfaserreichen Ration. Deshalb sind abrupte Futterwechsel ungünstig. Die Mikroorganismen brauchen Zeit, um sich an eine veränderte Ration anzupassen. Erfolgt die Umstellung zu schnell, kann die Verdauung aus dem Gleichgewicht geraten. Das kann Folgen haben: Die Kuh frisst schlechter, der pH-Wert im Pansen kann absinken und im ungünstigsten Fall entstehen Stoffwechsel– oder Verdauungsprobleme. Eine möglichst gleichmäßige Ration ist deshalb keine Einfallslosigkeit. Sie ist ein wichtiger Teil der Tiergesundheit.
Gras rein, Milch raus? So einfach funktioniert eine Kuh nicht
Wenn eine Kuh Gras frisst, wandert das Gras natürlich nicht irgendwie direkt ins Euter. Im Pansen vergären die Mikroorganismen einen großen Teil des Futters. Dabei entstehen unter anderem flüchtige Fettsäuren. Sie werden über die Pansenwand aufgenommen und liefern der Kuh einen großen Teil ihrer Energie. Auch das Eiweiß aus dem Futter nimmt nicht einfach den direkten Weg in die Milch. Ein Teil des Futterproteins wird von den Pansenmikroben zerlegt und umgebaut. Die Mikroorganismen vermehren sich – und werden später selbst verdaut. Das dabei entstehende mikrobielle Protein ist eine wichtige Eiweißquelle für die Kuh. Die Kuh füttert also gewissermaßen zunächst ihre Pansenbewohner – und die helfen anschließend dabei, die Kuh zu ernähren. Erst nach diesen ganzen Verdauungs- und Stoffwechselprozessen stehen dem Körper die Bausteine zur Verfügung, aus denen im Euter Milch gebildet wird. Milch ist also nicht einfach gefiltertes Futter. Sie wird im Euter neu gebildet.
Das ist wichtig, wenn wir darüber sprechen, ob das Futter „in der Milch landet“.
Was kann die Fütterung an der Milch verändern?
Trotz dieses Umwegs über Pansen, Darm, Leber und Stoffwechsel hat die Fütterung durchaus Einfluss darauf, was am Ende im Milchtank landet.
Die Milchmenge
Eine Milchkuh braucht sehr viel Energie. Je höher ihre Milchleistung ist, desto schwieriger wird es, diesen Bedarf allein über große Futtermengen zu decken. Deshalb enthält die Ration neben Grundfutter wie Gras- und Maissilage auch energiereichere Komponenten. Entscheidend ist dabei aber nicht einfach: viel Kraftfutter gleich viel Milch. Die gesamte Ration muss stimmen. Zu viel leicht verdauliche Stärke bei gleichzeitig zu wenig Struktur kann den Pansen belasten. Das Ziel ist deshalb nicht, möglichst viel Energie in die Kuh hineinzubekommen, sondern sie bedarfsgerecht zu versorgen und gleichzeitig den Pansen gesund zu halten.
Der Fettgehalt
Beim Milchfett kann man den Einfluss der Fütterung besonders gut sehen. Für einen gesunden Pansen braucht die Kuh ausreichend strukturwirksame Faser. Sie regt zum Wiederkäuen an. Dabei produziert die Kuh große Mengen Speichel, der wiederum dabei hilft, den pH-Wert im Pansen zu stabilisieren. Ist eine Ration ungünstig zusammengesetzt – zum Beispiel sehr stärkereich und gleichzeitig strukturarm –, kann der Milchfettgehalt absinken. Für uns Landwirte sind die Milchinhaltsstoffe deshalb übrigens nicht nur Werte auf der Milchabrechnung. Sie können auch Hinweise darauf geben, ob bei Fütterung und Stoffwechsel etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Der Eiweißgehalt
Auch der Eiweißgehalt der Milch wird von der Fütterung beeinflusst – allerdings nicht nach dem einfachen Prinzip: mehr Eiweiß füttern, mehr Eiweiß in der Milch. Die Pansenmikroben brauchen eine passende Versorgung mit Energie und Stickstoff, um hochwertiges mikrobielles Protein zu bilden. Außerdem spielen Milchleistung, Laktationsstadium, Genetik und Gesundheitszustand der Kuh eine Rolle. Gerade für die Käseherstellung ist Milcheiweiß interessant, denn insbesondere das Casein ist entscheidend dafür, wie gut sich Milch zu Käse verarbeiten lässt.
Das Fettsäuremuster
Hier kommen wir zu einem Punkt, bei dem frisches Gras tatsächlich einen messbaren Unterschied machen kann. Die Fütterung beeinflusst die Zusammensetzung der Fettsäuren im Milchfett. Milch von Kühen mit viel frischem Gras in der Ration kann beispielsweise höhere Gehalte bestimmter ungesättigter Fettsäuren aufweisen. Aber auch hier reicht die Kuh nicht einfach die Fettsäuren aus dem Gras eins zu eins an die Milch weiter. Schon im Pansen werden viele ungesättigte Fettsäuren durch die Mikroorganismen verändert. Zusätzlich bildet die Milchdrüse einen Teil der Milchfettsäuren selbst. Zwischen Wiese und Milchtüte passiert also eine ganze Menge.
Schmeckt man, was die Kuh gefressen hat?
Teilweise. Futter kann den Geruch und Geschmack der Milch beeinflussen. Bestimmte Pflanzen oder sehr aromatische Futtermittel können sich bemerkbar machen. Auch die Qualität des Futters spielt eine Rolle. Eine schlecht konservierte Silage beispielsweise wollen wir schon aus Gründen der Tiergesundheit nicht im Futtertrog haben. Fehlgärungen, Erwärmung oder Schimmel sind Warnsignale dafür, dass bei der Konservierung etwas schiefgelaufen ist. Bei guter Silage ist das anders. Genau deshalb achten wir bei der Ernte, beim Verdichten, Abdecken und später bei der Entnahme so genau darauf, dass möglichst wenig Luft an die Silage gelangt. Bei der Milch aus dem Supermarkt kommt noch etwas hinzu: Dort trinkst du nicht die Milch einer einzelnen Kuh. Die Milch vieler Kühe und Betriebe wird gesammelt und in der Molkerei verarbeitet. Sie wird unter anderem pasteurisiert und homogenisiert. Unterschiede zwischen einzelnen Kühen oder einzelnen Mahlzeiten verschwinden dadurch weitgehend.
Ist Weidemilch also die bessere Milch?
Weidehaltung hat Vorteile. Kühe können sich viel bewegen, und frisches Gras ist ein hervorragendes Futtermittel. Auch das Fettsäuremuster der Milch kann sich bei einem hohen Anteil frischen Grases verändern. Trotzdem ist der Schluss „Weidemilch ist gute Milch, Stallmilch ist schlechtere Milch“ zu einfach. Denn ob Weidehaltung sinnvoll und praktikabel ist, hängt stark vom einzelnen Betrieb ab.
Bei uns spielen zum Beispiel die Melkroboter eine Rolle. Die Kühe entscheiden selbst, wann sie zum Melken gehen. Ein funktionierendes System braucht deshalb vernünftige Laufwege und einen Kuhverkehr, der dazu passt. Große Entfernungen zwischen Weide und Roboter können das schwieriger machen. Auch die Bodenverhältnisse spielen eine Rolle. Bei Hitze suchen Kühe Schattenplätze auf. Halten sich dort viele Tiere auf, können solche Bereiche bei feuchtem Wetter schnell stark belastet und matschig werden. Saubere Liegeflächen und saubere Euter sind aber wichtige Faktoren für die Eutergesundheit.
Und schließlich ist da wieder der Pansen: Ein Wechsel zwischen größeren Mengen frischen Weidegrases und einer ganz anders zusammengesetzten Stallration muss bei der Fütterung berücksichtigt werden. Weidehaltung kann sehr gut funktionieren. Aber sie muss zum Betrieb, zum Fütterungssystem und zu den Kühen passen.
Und was ist mit Heumilch?
Auch Heumilch finde ich spannend. Dabei wird auf vergorene Futtermittel wie Silage verzichtet. Stattdessen bekommen die Kühe unter anderem frisches Gras und Heu. Gerade bei bestimmten Käsesorten kann diese Art der Fütterung Vorteile haben. Aber auch hier gibt es eine praktische Seite, die man im Supermarkt nicht sieht. Heumilch muss getrennt erfasst, gesammelt und verarbeitet werden. Dafür braucht es entsprechende Vermarktungswege und Molkereien, die diese Milch separat abnehmen können. Wenn diese Strukturen in einer Region fehlen, kann ein einzelner Betrieb nicht einfach beschließen: Ab morgen produzieren wir Heumilch.
Landwirtschaft besteht eben nicht nur aus der Frage, was theoretisch möglich wäre. Es muss auch praktisch funktionieren.
Können unerwünschte Stoffe aus dem Futter in die Milch gelangen?
Ja – und deshalb wird Futtermittelqualität so ernst genommen. Ein gutes Beispiel sind bestimmte Schimmelpilzgifte. Nimmt eine Kuh beispielsweise Aflatoxin B1 über belastetes Futter auf, kann daraus in ihrem Körper Aflatoxin M1 entstehen. Dieses kann in die Milch übergehen. Deshalb gibt es sowohl für Futtermittel als auch für Milch gesetzliche Vorgaben und Kontrollen. Dieses Beispiel zeigt ziemlich gut, warum die Antwort auf die Ausgangsfrage nicht einfach Ja oder Nein lautet. Nicht alles, was eine Kuh frisst, landet in der Milch. Bestimmte Stoffe oder deren Stoffwechselprodukte können aber durchaus darin auftauchen.
Gutes Futter soll nicht nur gute Milch machen
Bei der ganzen Diskussion über Omega-3-Fettsäuren, Milchfett und Eiweiß möchte ich einen Punkt nicht aus den Augen verlieren: Für mich muss eine gute Ration zuallererst zur Kuh passen. Frisst sie ausreichend? Wiederkäut sie gut? Funktioniert ihr Pansen? Bleibt ihr Stoffwechsel stabil? Ist sie gesund? Eine Milchkuh setzt jeden Tag enorme Mengen an Nährstoffen um. Wenn die Fütterung nicht stimmt, sehen wir die Folgen häufig zuerst am Tier – und irgendwann auch an Milchmenge und Milchinhaltsstoffen. Deshalb ist das Ziel nicht, mit möglichst viel Kraftfutter möglichst viel Milch aus einer Kuh herauszuholen. Das Ziel ist eine Ration, die ihren Bedarf deckt und ihren Pansen gesund hält.
Was landet nun wirklich im Glas?
Der Satz „Was die Kuh frisst, landet in der Milch“ stimmt also – und stimmt gleichzeitig auch nicht. Zwischen einem Grashalm und einem Glas Milch liegen Milliarden von Pansenmikroben, mehrere Verdauungsabschnitte, Stoffwechselprozesse, Blutkreislauf und schließlich die Milchbildung im Euter. Das Futter wird zerlegt, umgebaut und neu zusammengesetzt. Und trotzdem macht es einen Unterschied, was im Futtertrog liegt.
Futterqualität und die Zusammensetzung der Ration beeinflussen die Gesundheit der Kuh, ihre Milchleistung und auch die Zusammensetzung ihrer Milch. Frisches Gras kann andere Effekte haben als eine Silageration. Das macht die eine Milch aber nicht automatisch „gut“ und die andere „schlecht“. Vielleicht müsste die Überschrift deshalb eigentlich heißen:
Was die Kuh frisst, landet nicht einfach in deinem Glas – aber es beeinflusst, was am Ende darin ist.
Und genau deshalb beschäftigen wir uns als Landwirte ziemlich intensiv damit, was jeden Tag im Futtertrog unserer Kühe landet.
Häufig gestellte Fragen
Wie viel frisst eine Milchkuh am Tag?
Das lässt sich nicht sinnvoll mit einer einzigen Kilogrammzahl beantworten, denn Gras, Silage und Kraftfutter enthalten sehr unterschiedlich viel Wasser. In der Fütterung rechnen wir deshalb mit der Trockenmasse – also dem, was vom Futter übrig bleibt, wenn man das Wasser herausrechnet.
Eine leistungsstarke Milchkuh nimmt häufig etwa 20 bis 25 Kilogramm Trockenmasse pro Tag auf. Wie viel es tatsächlich ist, hängt unter anderem von Körpergewicht, Milchleistung, Laktationsstadium, Futterqualität und Zusammensetzung der Ration ab.
Als tatsächliche Futtermenge im Trog sind das deutlich mehr Kilogramm, weil beispielsweise Gras- und Maissilage viel Wasser enthalten.
Schmeckt Weidemilch wirklich anders als Stallmilch?
Im direkten Vergleich frischer Rohmilch kann es Unterschiede geben – frisches Gras beeinflusst Geruch und Geschmack leicht. Im Supermarkt verschwinden diese Unterschiede weitgehend, weil dort Milch vieler Kühe und Betriebe gemischt, pasteurisiert und homogenisiert wird.
Können Schadstoffe aus dem Futter in die Milch gelangen?
Ja, in bestimmten Fällen schon. Ein bekanntes Beispiel ist Aflatoxin: Nimmt eine Kuh über belastetes Futter Aflatoxin B1 auf, kann ein Stoffwechselprodukt davon in die Milch übergehen. Deshalb gibt es strenge gesetzliche Grenzwerte und regelmäßige Kontrollen – sowohl für Futtermittel als auch für Milch.
Was macht Weidemilch wirklich besser?
Der messbarste Unterschied liegt im Fettsäuremuster: Milch von Kühen mit viel frischem Gras kann höhere Gehalte bestimmter ungesättigter Fettsäuren aufweisen. Das macht sie nutritiv interessant – aber Weidehaltung ist nicht für jeden Betrieb praktikabel und macht die andere Milch nicht automatisch schlechter.


Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…