Nahaufnahme des Gesichts einer schwarz-weißen Kuh, auf der ihre Augen, ihre Stirn und ihre charakteristischen Abzeichen zu sehen sind – Merkmale, die häufig bei Fällen von BCSE beobachtet werden. Das Bild zeigt außerdem einen Teil der rosafarbenen Nase der Kuh sowie eine weitere Kuh im Hintergrund.

Schielen und hervortretende Augen beim Rind: Was ich über BCSE gelernt habe und was ich dir rate

Es fiel uns beim Besamen auf. Eine unserer Schwarzbunten – als Kalb völlig unauffällig – hatte plötzlich Augen, die… anders aussahen. Irgendwie zu groß. Zu weit draußen. Und sie schielten leicht nach innen.

Schielen und hervortretende Augen beim Rind – das ist BCSE. Ein Begriff, den die meisten noch nie gehört haben, obwohl der Defekt in mehreren großen Milchrassen vorkommt.

Das Wichtigste in Kürze

• BCSE steht für Bilateral Convergent Strabismus with Exophthalmus – beide Augäpfel treten hervor und schielen nach innen.
• Die Erkrankung zeigt sich meist erst ab dem ersten Lebensjahr und verläuft progressiv, bis hin zur vollständigen Erblindung.
• Betroffen sind u. a. Deutsches Braunvieh, Fleckvieh, Holsteins und Jersey.
• Eine Therapie gibt es nicht. Betroffene Tiere sollten nicht zur Zucht eingesetzt werden – auch nahe Verwandte kritisch beurteilen.
• Solange der Lidschluss intakt ist, haben die Tiere meist keine Schmerzen.

Was bedeutet BCSE überhaupt?

BCSE steht für:

  • Bilateral = beide Augen betroffen
  • Convergent = die Augen schielen nach innen
  • Strabismus = Schielen
  • Exophthalmus = die Augäpfel treten aus den Augenhöhlen hervor

Kurz gesagt: BCSE ist ein erblicher Augendefekt beim Rind, bei dem beide Augäpfel hervortreten und nach innen schielen – verursacht durch eine gestörte zentrale Steuerung der Augenmuskeln.

Die Erkrankung trifft also immer beide Augen gleichzeitig. Eine Kuh mit BCSE schaut ein bisschen, als würde sie dich dauerhaft schräg von der Seite mustern – dabei kann sie vermutlich einfach nicht anders.

Wichtig zu verstehen: Die Augen selbst sind bei BCSE oft strukturell intakt. Das Problem liegt in der zentralen Steuerung der Augenmuskeln – konkret in einer unzureichenden Funktion der seitlichen Augenmuskeln (Musculus rectus lateralis und Musculus retractor bulbi). Die Augen können sich schlicht nicht richtig ausrichten.

Warum fällt es erst spät auf?

Das ist das Tückische an BCSE: Als Kalb war unsere Kuh völlig unauffällig. Kein Hinweis, keine Auffälligkeit. Erst im Laufe ihres Lebens wurden die Veränderungen sichtbar – ue mustern – dabei kann sie vermutlich einfach nicht anders.

Wichtig zu verstehen: Die Augen selbst sind bei BCSE oft strukturell intakt. Das Problem liegt in der zentralen Steuerung der Augenmuskeln – konkret in einer unzureichenden Funktion der seitlichen Augenmuskeln (Musculus rectus lateralis und Musculus retractor bulbi). Die Augen können sich schlicht nicht richtig ausrichten.

Wie geht es der Kuh damit?

Unsere Kuh hat inzwischen abgekalbt. Sie wird gemolken, sie frisst, sie verhält sich normal. Der Lidschluss ist noch intakt – und das ist entscheidend.

Denn: Solange die Augen sich noch schließen lassen, können sie sich selbst schützen und feucht halten. Schmerzen sind dann unwahrscheinlich. Gut sehen kann sie aber nicht mehr, das ist klar. BCSE verläuft progressiv – und kann im schlimmsten Fall zur völligen Erblindung führen. Das hat man im Hinterkopf zu behalten.

Unser Umgang damit: Wir behalten sie, solange es ihr gut geht. Der fehlende Lidschluss wäre für mich das Signal, die Situation neu zu bewerten – dann würde das Auge austrocknen, das wäre für das Tier schmerzhaft. Bis dahin: kein Grund zum Eingreifen.

Woher kommt BCSE?

BCSE ist erblich bedingt – das gilt als gesichert, auch wenn der genaue Erbgang noch nicht bei allen Rassen abschließend geklärt ist. Der genaue Erbgang unterscheidet sich je nach Rasse und ist noch nicht bei allen Populationen vollständig aufgeklärt. Beim Deutschen Braunvieh wird die Häufigkeit von BCSE auf rund 0,9 % der Tiere geschätzt. Die Forschung spricht für einen autosomal-dominanten Erbgang. Das bedeutet: Schon eine einzige fehlerhafte Genkopie kann reichen – Träger müssen nicht immer krank aussehen, aber das Risiko ist real.

Beschrieben wurde BCSE bislang bei:

  • Deutschem Braunvieh
  • Deutschem Fleckvieh
  • Deutschen Holsteins
  • Jersey

– also einem breiten Spektrum europäischer Milchrassen. Die Häufigkeit unterscheidet sich zwischen Populationen, was erklärt, warum manche Betriebe noch nie einen Fall gesehen haben und andere plötzlich gleich mehrere.

Genau das macht die Sache so tückisch. Bei unserer Kuh sind die unmittelbaren Elterntiere unauffällig. Trotzdem hat sie BCSE. Wie mir heute jemand von einer Zuchtorganisation bestätigt hat: In einzelnen Bullenlinien hat sich das Merkmal offenbar im Laufe der Zeit aufgebaut – unbemerkt, weil Träger selbst keine Symptome zeigen.

Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden. Aber es zeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen – auch bei Tieren, die äußerlich gesund wirken.

Was tun, wenn man eine solche Kuh im Stall hat?

Meine persönliche Einschätzung:

  • Nicht sofort ausmerzen. Eine Kuh mit intaktem Lidschluss und normalem Verhalten hat keine schlechte Lebensqualität. Sie verdient die Chance, so lange zu bleiben, wie es ihr gut geht.
  • Den Lidschluss im Auge behalten – im wörtlichen Sinne. Kann das Auge sich nicht mehr vollständig schließen, wird es ein Tierschutzthema. Dann ist Handeln angesagt.
  • Nicht weiterzüchten. Das ist für uns klar. Unsere Kuh wird beim nächsten Mal mit einer Fleischrasse besamt. Wir wollen das Merkmal nicht weitergeben – auch wenn wir die genaue Herkunft nicht kennen. Und auch nahe Verwandte des betroffenen Tieres sollte man züchterisch kritisch im Blick behalten.
Nahaufnahme des Gesichts einer Kuh, die ein großes, hervorstehendes Auge mit sichtbarem rosafarbenem Gewebe zeigt, was wahrscheinlich auf eine Erkrankung hindeutet. Im Hintergrund sind Metallstangen und Stroh zu sehen.
Nahaufnahme des Auges der Kuh mit BCSE

Was bedeutet das für die Zucht generell?

Genomische Selektion hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. BCSE zeigt aber: Auch in einer Zeit genomischer Selektion können erbliche Defekte unbemerkt durch Bullenlinien laufen. Viele Erbkrankheiten werden heute zuverlässig erfasst und ausgeschlossen. Und da rezessive Merkmale so lange unsichtbar bleiben, bis zwei Träger zusammentreffen, braucht es manchmal einfach Zeit – und Fälle wie diesen –, bis eine Erkrankung überhaupt auffällt.

Wer eine Kuh mit hervortretenden Augen im Stall hat und nicht weiß, was das ist: Meld dich gerne. Und haltet eure Beobachtungen fest – solche Einzelfälle helfen dabei, das Gesamtbild zu schärfen.

Was ist BCSE beim Rind?

BCSE (Bilateral Convergent Strabismus with Exophthalmus) ist ein erblicher Defekt beim Rind, bei dem beide Augäpfel hervortreten und nach innen schielen. Die Ursache liegt in einer gestörten zentralen Steuerung der Augenmuskeln. Eine Therapie gibt es nicht.

Welche Rassen sind von BCSE betroffen?

Beschrieben wurde BCSE vor allem bei Deutschem Braunvieh, Deutschem Fleckvieh, Deutschen Holsteins und Jersey. Beim Deutschen Braunvieh liegt die geschätzte Häufigkeit bei rund 0,9 %.

Kann eine Kuh mit BCSE noch gemolken werden?

Ja – solange der Lidschluss intakt ist und keine Schmerzen vorliegen, können betroffene Tiere normal gemelkt werden. Ich würde die Augen regelmäßig prüfen: Sobald das Lid sich nicht mehr vollständig schließt, wird es ein Tierschutzthema.

Muss ich eine Kuh mit BCSE sofort ausmerzen?

Nicht zwingend. Entscheidend ist der Lidschluss und das allgemeine Wohlbefinden des Tieres. Zur Zucht sollte sie aber nicht mehr eingesetzt werden – und auch nahe Verwandte sollte man züchterisch kritisch bewerten.

Ist BCSE heilbar?

Nein. Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es keine wirksame Therapie. Der Verlauf ist progressiv und kann zur vollständigen Erblindung führen.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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