Eine Herde schwarz-weißer Kühe grast auf einer grünen, von Bäumen gesäumten Wiese mit belaubten Ästen im Vordergrund unter einem teilweise bewölkten Himmel.

Nachhaltige Nutztierhaltung: Warum Landwirtschaft nicht ohne Tiere auskommt

Kann Nutztierhaltung nachhaltig sein? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Tiere brauchen Futter, Fläche und Wasser und verursachen Treibhausgasemissionen. Weniger Tiere müssten also automatisch nachhaltiger sein.

Ganz so einfach ist es nicht.

Nachhaltige Nutztierhaltung kann eine wichtige Rolle in einer Kreislaufwirtschaft spielen – vorausgesetzt, Tiere fressen möglichst viel Biomasse, die Menschen nicht als Lebensmittel nutzen können. Gras von Dauergrünland, Nebenprodukte der Lebensmittelherstellung oder andere nicht essbare Biomasse können über Nutztiere in Lebensmittel umgewandelt werden.

Entscheidend ist deshalb nicht nur die Frage, ob wir Nutztiere halten, sondern auch, wie viele Tiere wir halten und womit wir sie füttern.

Auf dem Niedersächsischen Tierärztetag hörte ich dazu einen Vortrag von Prof. Dr. Wilhelm Windisch von der Technischen Universität München. Seine zentrale Frage: Wie schaffen wir es, eine wachsende Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren und gleichzeitig mit unseren begrenzten landwirtschaftlichen Ressourcen auszukommen?

Besonders spannend fand ich sein Konzept der Kaskade „Teller – Trog – Tank“. Was dahintersteckt und warum eine nachhaltigere Landwirtschaft wahrscheinlich weder völlig ohne Nutztiere noch mit beliebig viel Tierhaltung funktioniert, möchte ich in diesem Artikel erklären.

Das Wichtigste in Kürze

Nachhaltige Nutztierhaltung bedeutet, Tiere mit Biomasse zu füttern, die beim menschlichen Essen ohnehin als Nebenprodukt anfällt – nicht mit Getreide, das Menschen essen könnten.
• Nachhaltige Nutztierhaltung versucht, Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Tier möglichst gering zu halten.
• Nutztiere können Gras, Nebenprodukte und andere für Menschen nicht essbare Biomasse in Lebensmittel wie Milch, Fleisch oder Eier umwandeln.
• Besonders Wiederkäuer können Gras von Flächen verwerten, die sich nicht oder nur eingeschränkt für den Ackerbau eignen.
• Tierhaltung verursacht gleichzeitig Treibhausgasemissionen und benötigt Ressourcen. Mehr Tierhaltung ist deshalb nicht automatisch besser.Beschwerden entstehen, spricht man von einer Intoleranz.
• Entscheidend ist eine Tierzahl, die sich an den verfügbaren Ressourcen und landwirtschaftlichen Kreisläufen orientiert.
• Das Prinzip „Teller – Trog – Tank“ setzt Prioritäten: essbare Pflanzen zuerst für Menschen, geeignete nicht essbare Biomasse anschließend als Tierfutter und danach eine mögliche energetische Nutzung.
• Nachhaltigkeit umfasst neben Klima und Ressourceneffizienz auch Tiergesundheit, Tierwohl und wirtschaftliche Tragfähigkeit.

Warum wird Ackerfläche weltweit knapper?

Weniger Ackerfläche pro Mensch

Landwirtschaftliche Fläche ist eine begrenzte Ressource. Gleichzeitig müssen immer mehr Menschen ernährt werden. Nach Daten der Welternährungsorganisation FAO, die von der Weltbank veröffentlicht werden, standen im Jahr 2023 weltweit noch rund 0,17 Hektar beziehungsweise 1.700 Quadratmeter Ackerfläche pro Mensch zur Verfügung. Die langfristige Datenreihe zeigt, dass die Ackerfläche pro Kopf seit den 1960er-Jahren deutlich abgenommen hat.

Dabei ist wichtig: Eine sinkende Ackerfläche pro Kopf bedeutet nicht automatisch, dass weltweit im gleichen Umfang Ackerland verschwindet. Ein wesentlicher Faktor ist auch das Wachstum der Weltbevölkerung. Gleichzeitig gehen jedoch tatsächlich fruchtbare Böden durch Bodendegradation, Versiegelung und andere Landnutzungsänderungen verloren.

Die Konsequenz ist dieselbe: Mit den vorhandenen Flächen müssen wir möglichst effizient Lebensmittel für Menschen erzeugen.

Maisacker während der Ernte mit Maishäcksler und Trecker mit Ladewagen

Warum fruchtbare Böden verloren gehen

Böden können ihre landwirtschaftliche Nutzbarkeit aus unterschiedlichen Gründen verlieren.

Flächenverbrauch und Versiegelung: Werden landwirtschaftliche Flächen für Siedlungen, Gewerbe oder Verkehrswege genutzt und versiegelt, stehen sie für die Lebensmittelproduktion nicht mehr zur Verfügung.

Bodendegradation: Durch Erosion, Verdichtung, Versalzung, Verlust organischer Substanz oder eine nicht standortangepasste Bewirtschaftung können Böden einen Teil ihrer Fruchtbarkeit verlieren. Auch Dürren und Starkregen können die Degradation verstärken.

Entwaldung und nicht nachhaltige Landnutzung: Werden beispielsweise Wälder gerodet, um neue landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen, kann das kurzfristig zusätzliche Nutzfläche schaffen. Eine unangepasste Bewirtschaftung kann jedoch Erosion und den Verlust der Bodenfruchtbarkeit fördern.

Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass weltweit erhebliche Mengen fruchtbarer Ackerfläche durch Bodendegradation verloren gehen.

Warum Nahrungskonkurrenz zum Problem wird

In der Mitte des letzten Jahrhunderts führten Fortschritte bei Mechanisierung, Düngung, Pflanzenschutz und Pflanzenzüchtung zu enormen Ertragssteigerungen im Pflanzenbau. Getreide stand zunehmend auch für die Nutztierfütterung zur Verfügung. Daraus entwickelte sich die sogenannte Veredlungswirtschaft: Pflanzliche Futtermittel wurden über Nutztiere in Lebensmittel wie Milch, Fleisch und Eier umgewandelt.

Heute müssen wir diese Nutzung von Ackerflächen kritischer betrachten. Werden auf Flächen Futtermittel angebaut, die grundsätzlich auch der menschlichen Ernährung dienen könnten, konkurrieren Mensch und Tier um dieselben Ressourcen.

Für eine nachhaltige Nutztierhaltung ist deshalb entscheidend, diese Nahrungskonkurrenz möglichst gering zu halten.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass eine Landwirtschaft ganz ohne Nutztiere die effizienteste Lösung wäre. Denn bei der Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel entsteht große Mengen Biomasse, die wir Menschen nicht essen können.

Was ist nicht essbare Biomasse?

Bei einer Nutzpflanze landet längst nicht die gesamte Pflanze auf unserem Teller.

Beim Getreide nutzen wir beispielsweise vor allem das Korn, während Stroh auf dem Feld zurückbleibt. Auch bei der Verarbeitung pflanzlicher Rohstoffe entstehen Nebenprodukte wie Kleie, Presskuchen oder Pülpe.

Hinzu kommen Pflanzen, die für Menschen überhaupt nicht direkt als Lebensmittel nutzbar sind. Das wichtigste Beispiel ist Gras. Auf Dauergrünland wächst Biomasse, die wir Menschen nicht verdauen können.

Vorndran, Steinhoff-Wagner und Windisch haben 2024 untersucht, wie viel essbare und nicht essbare Biomasse im deutschen Agrar- und Verarbeitungssektor entsteht. Ihre Untersuchung zeigt, dass erhebliche Mengen nicht essbarer Biomasse anfallen, die grundsätzlich als Futtermittel genutzt werden können.

Wichtig ist allerdings: Nicht jeder Pflanzenrest sollte verfüttert werden. Ein Teil der Biomasse hat beispielsweise für Bodenfruchtbarkeit und Humusaufbau eine wichtige Funktion und sollte im landwirtschaftlichen System verbleiben.

Warum Nutztiere in einer Kreislaufwirtschaft sinnvoll sein können

Hier kommen Nutztiere ins Spiel. Sie können einen Teil der für Menschen nicht essbaren Biomasse verwerten und daraus Lebensmittel erzeugen.

Wenn eine Kuh Gras frisst oder ein Nutztier ein geeignetes Nebenprodukt der Lebensmittelherstellung verwertet, nimmt es dem Menschen damit nicht unmittelbar ein Lebensmittel vom Teller.

Gleichzeitig entstehen Mist und Gülle. Die darin enthaltenen Pflanzennährstoffe können wieder auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht werden und stehen damit für das Wachstum neuer Pflanzen zur Verfügung.

Nutztiere können damit Teil eines landwirtschaftlichen Stoffkreislaufs sein:

Pflanzen erzeugen Lebensmittel und nicht essbare Biomasse → Tiere verwerten einen Teil dieser Biomasse → Nährstoffe gelangen über organischen Dünger zurück auf die Fläche.

Was das auf unserem Milchviehbetrieb bedeutet

Dieser Unterschied zwischen essbarer und nicht essbarer Biomasse ist für mich nicht nur Theorie. Auf unserem Milchviehbetrieb sehe ich ihn jeden Tag bei der Fütterung unserer Kühe.

Ein großer Teil des Futters besteht aus Gras- und Maissilage. Besonders beim Gras ist der Unterschied offensichtlich: Wir Menschen können Gras nicht als Lebensmittel verwerten, eine Kuh kann daraus dank ihres besonderen Verdauungssystems Milch erzeugen.

Trotzdem wäre es zu einfach zu sagen: Eine Kuh frisst grundsätzlich nur das, was Menschen nicht essen können. Auch in der Milchviehfütterung werden Futtermittel eingesetzt, bei denen Nahrungskonkurrenz entstehen kann.

Genau deshalb finde ich diesen Ansatz so interessant: Für die Nachhaltigkeit kommt es nicht allein darauf an, dass wir Tiere halten, sondern auch darauf, womit wir sie füttern.

Warum Wiederkäuer eine besondere Rolle spielen

Rinder, Schafe und Ziegen haben bei der Nutzung nicht essbarer Biomasse einen entscheidenden Vorteil: Als Wiederkäuer können sie mithilfe der Mikroorganismen in ihrem Pansen Zellulose und andere Pflanzenbestandteile verwerten, die wir Menschen nicht verdauen können.

Das macht sie besonders für die Nutzung von Grünland interessant.

Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes gibt es in Deutschland rund 4,74 Millionen Hektar Dauergrünland. Das entspricht knapp 29 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche.

Nicht jede dieser Flächen ließe sich sinnvoll in Ackerland umwandeln. Wiederkäuer können das dort wachsende Gras verwerten und daraus Lebensmittel erzeugen.

Auch Fruchtfolgen können Pflanzen wie Kleegras enthalten. Sie liefern ebenfalls Biomasse, die für Menschen nicht direkt essbar ist, von Wiederkäuern aber genutzt werden kann.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Haltung von Wiederkäuern deshalb automatisch nachhaltig ist. Auch Rinder benötigen Ressourcen und verursachen insbesondere durch ihre Verdauung Methanemissionen. Entscheidend ist deshalb immer die Bilanz des gesamten Produktionssystems.

Pflanzliche Lebensmittel erzeugen auch Futtermittel

Nicht essbare Biomasse entsteht auch bei der Herstellung pflanzlicher Lebensmittel.

Prof. Wilhelm Windisch zeigt dies beispielhaft an verschiedenen Verarbeitungsprozessen. Je nachdem, welches Lebensmittel aus einem pflanzlichen Rohstoff gewonnen wird, verbleibt ein unterschiedlich großer Anteil als Nebenprodukt oder Reststoff.

Beim Beispiel Haferdrink entstehen neben dem eigentlichen Getränk unter anderem Haferpülpe und weitere Biomasse. Auch bei der Verarbeitung von Soja oder Lupinen und bei der Herstellung von Seitan aus Weizen entstehen Stoffströme, die teilweise als Futtermittel genutzt werden können.

Das macht einen Punkt deutlich, der in der Diskussion um pflanzliche und tierische Lebensmittel leicht übersehen wird:

Auch die Herstellung pflanzlicher Lebensmittel erzeugt Futtermittel.

Werden geeignete Nebenprodukte an Nutztiere verfüttert, können daraus zusätzliche Lebensmittel entstehen, ohne dass dafür eigens nahrungskonkurrentes Futter angebaut werden muss.

Windisch beschreibt diesen Effekt anschaulich am Haferdrink: Die bei seiner Herstellung entstehende, für Menschen nicht genutzte Biomasse kann wiederum als Futtermittel dienen.

Sind vegane Ernährung und Nutztierhaltung Gegensätze?

Damit kommen wir zu einer Frage, die in Diskussionen über nachhaltige Ernährung häufig auftaucht: Müssen wir uns zwischen mehr pflanzlicher Ernährung und Nutztierhaltung entscheiden?

Nicht unbedingt.

In einem kreislauforientierten Ernährungssystem können sich beide ergänzen. Die Produktion pflanzlicher Lebensmittel hat dabei zunächst Vorrang. Die dabei entstehende und für Menschen nicht essbare Biomasse kann anschließend teilweise über Nutztiere verwertet werden.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Nutztiere werden in diesem Modell nicht gehalten, damit wir möglichst viele pflanzliche Lebensmittel eigens für sie anbauen. Sie bekommen vielmehr eine Funktion innerhalb des Kreislaufs.

Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger „pflanzlich oder tierisch?“, sondern: Wie können wir aus den vorhandenen Ressourcen möglichst viele Lebensmittel erzeugen, ohne unnötige Nahrungskonkurrenz zu schaffen?

Wie wirkt sich Tierhaltung auf den Klimawandel aus?

Ja, intensive Tierhaltung belastet das Klima – aber wie sehr, hängt entscheidend davon ab, womit die Tiere gefüttert werden. Denn dass Nutztiere in einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft eine sinnvolle Rolle spielen können, bedeutet nicht, dass Tierhaltung automatisch klimafreundlich ist.

Sie verursacht relevante Treibhausgasemissionen – insbesondere durch Methan aus der Verdauung von Wiederkäuern sowie durch Emissionen aus Wirtschaftsdünger, Futtermittelproduktion und Landnutzungsänderungen.

Nach aktuellen Daten der Welternährungsorganisation FAO verursachten die weltweiten Agrar- und Ernährungssysteme im Jahr 2023 rund 16,5 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente. Das entspricht etwa 32 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen.

Die Tierhaltung ist dabei ein wichtiger Faktor. Die FAO beziffert die Emissionen der Tierhaltung für 2023 auf rund 4,3 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente. Sie waren damit der größte einzelne Teilbereich innerhalb der von der FAO erfassten Emissionen des Agrar- und Ernährungssystems.

Entscheidend für die Bewertung ist deshalb nicht nur, ob Tiere gehalten werden, sondern wie sie in das landwirtschaftliche System eingebunden sind.

Werden Futtermittel gezielt auf Ackerflächen angebaut, die auch Lebensmittel für Menschen liefern könnten, entsteht Nahrungskonkurrenz. Können Nutztiere dagegen Gras von nicht ackerfähigem Grünland oder geeignete Nebenprodukte der Lebensmittelherstellung verwerten, nutzen sie Ressourcen, die für die direkte menschliche Ernährung nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.

Kreislaufwirtschaft: Chancen und Grenzen

Genau hier setzt die Idee der Kreislaufwirtschaft an. Nutztiere sollen möglichst wenig Nahrung verbrauchen, die auch Menschen essen könnten. Stattdessen verwerten sie nicht essbare Biomasse und erzeugen daraus zusätzliche Lebensmittel.

Gleichzeitig bleiben Nährstoffe im landwirtschaftlichen Kreislauf. Mist und Gülle enthalten Stickstoff, Phosphor, Kalium und weitere Pflanzennährstoffe und können als organischer Dünger wieder auf die Flächen zurückgeführt werden.

Auch eine Nutzung von Wirtschaftsdünger und anderer geeigneter Biomasse in Biogasanlagen ist möglich. Dabei wird Energie erzeugt, während die verbleibenden Gärreste wiederum als Dünger genutzt werden können.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Nutzung nicht essbarer Biomasse automatisch klimafreundlich ist. Auch bei ihrer Verwertung durch Nutztiere entstehen Emissionen.

Entscheidend ist die Bilanz des gesamten Systems: Welche Flächen werden benötigt? Welche Futtermittel werden eingesetzt? Welche Lebensmittel entstehen daraus? Welche Nährstoffe werden in den Kreislauf zurückgeführt? Und welche Treibhausgasemissionen entstehen dabei?

Auch nicht essbare Biomasse ist begrenzt

Eine solche Kreislaufwirtschaft setzt der Tierhaltung gleichzeitig Grenzen. Denn Gras, Nebenprodukte und andere nicht essbare Biomasse stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung.

Wenn Nutztiere zukünftig stärker mit solchen Ressourcen und weniger mit eigens angebautem, nahrungskonkurrentem Futter ernährt werden sollen, bestimmt die verfügbare Menge und Qualität dieser Biomasse mit, wie viele Tiere sinnvoll in das Ernährungssystem integriert werden können.

Das Ziel wäre nach diesem Prinzip also weder eine Landwirtschaft ohne Nutztiere noch eine möglichst große Tierhaltung.

Die Tierzahl würde sich vielmehr daran orientieren, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und wie diese möglichst effizient genutzt werden können.

Teller – Trog – Tank: ein Modell für die Landwirtschaft der Zukunft

Genau daraus entwickelt Prof. Wilhelm Windisch seine Kaskade „Teller – Trog – Tank“.

Das Prinzip legt eine klare Reihenfolge für die Nutzung landwirtschaftlicher Biomasse fest:

EbenePrioritätWofürBeispiel
Teller1.Pflanzliche Nahrung für MenschenBrot, Gemüse, Obst
Trog2.Nicht essbare Biomasse als TierfutterStroh, Kleegras, Kleie
Tank3.Restbiomasse für EnergieBiogas, Gärreste als Dünger

1. Teller: An erster Stelle steht die Produktion pflanzlicher Lebensmittel für Menschen.

2. Trog: Nicht essbare Biomasse, die dabei entsteht und sinnvoll verfüttert werden kann, wird von Nutztieren verwertet. So entstehen zusätzliche Lebensmittel.

3. Tank: Biomasse, die weder für Menschen noch sinnvoll als Tierfutter genutzt werden kann, kann beispielsweise in einer Biogasanlage zur Energiegewinnung eingesetzt werden.

Die Nutztierhaltung richtet sich in diesem Modell also nach den vorhandenen Ressourcen – und nicht umgekehrt.

Das gefällt mir an Windischs Ansatz besonders gut. Als Landwirtin weiß ich, dass Landwirtschaft nie nur aus einem einzelnen Stoffstrom besteht. Wir ernten nicht einfach ein Lebensmittel und alles andere verschwindet. Es entstehen Nebenprodukte, Erntereste, Wirtschaftsdünger und Futter unterschiedlicher Qualität.

Die entscheidende Frage ist, wie wir diese Stoffströme möglichst sinnvoll miteinander verbinden.

Gleichzeitig bedeutet dieses Modell auch eine unbequeme Konsequenz: Wenn die Tierhaltung stärker an die verfügbare nicht essbare Biomasse angepasst wird, können wir nicht automatisch die heutigen Mengen tierischer Lebensmittel produzieren.

Gerade deshalb ist „Teller – Trog – Tank“ für mich kein Argument für möglichst viel Tierhaltung. Es ist vielmehr ein Argument für eine andere Rolle der Nutztiere innerhalb unseres Ernährungssystems.

Mein Fazit: Nachhaltige Nutztierhaltung braucht das richtige Maß

Der Vortrag von Prof. Wilhelm Windisch hat meinen Blick auf die Diskussion um nachhaltige Ernährung verändert. Denn häufig wird sie auf eine scheinbar einfache Alternative reduziert: tierisch oder pflanzlich.

Für mich greift das zu kurz.

Als Tierärztin und Landwirtin sehe ich jeden Tag, dass Nutztiere Ressourcen brauchen und Emissionen verursachen. Ich sehe aber genauso, was besonders Wiederkäuer können: Sie machen aus Gras und anderer für uns Menschen nicht essbarer Biomasse Lebensmittel.

Für eine nachhaltige Nutztierhaltung bedeutet das für mich deshalb nicht: Wir müssen möglichst viele Tiere halten.

Aber auch „keine Tiere“ ist nicht automatisch die nachhaltigste Lösung.

Interessanter ist die Frage, welche Tierhaltung sinnvoll in unsere landwirtschaftlichen Kreisläufe passt. Wenn Nutztiere überwiegend Biomasse nutzen, die wir Menschen nicht essen können, und ihre Nährstoffe wieder in den Pflanzenbau zurückkehren, können sie eine wichtige Funktion im Ernährungssystem übernehmen.

Die Kaskade Teller – Trog – Tank bringt diese Idee für mich auf eine erstaunlich einfache Formel:

Was wir Menschen essen können, gehört zuerst auf den Teller. Was wir nicht essen können, können Nutztiere teilweise verwerten. Und erst was auch dafür nicht sinnvoll nutzbar ist, kommt beispielsweise für die Energiegewinnung infrage.

Das bedeutet vermutlich weniger tierische Lebensmittel als heute – aber nicht zwangsläufig eine Landwirtschaft ohne Tiere.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, ob Nutztiere grundsätzlich gut oder schlecht sind. Die spannendere Frage lautet:

Wie viele Tiere braucht ein nachhaltiges Ernährungssystem – und welche Aufgabe sollen sie darin übernehmen?

Wenn du mehr darüber wissen möchtest, wie moderne Milchviehhaltung in der Praxis aussieht, findest du hier meinen Überblick über die verschiedenen Haltungsformen von Milchkühen

Häufige Fragen zur nachhaltigen Nutztierhaltung

Was bedeutet nachhaltige Nutztierhaltung?

Nachhaltige Nutztierhaltung versucht, Tierhaltung so in landwirtschaftliche Kreisläufe einzubinden, dass Ressourcen effizient genutzt, Nahrungskonkurrenz möglichst vermieden und Umwelt- und Klimabelastungen begrenzt werden. Gleichzeitig gehören Tiergesundheit, Tierwohl und die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Betriebe zur Nachhaltigkeit.

Warum können Nutztiere für eine Kreislaufwirtschaft sinnvoll sein?

Nutztiere können Biomasse verwerten, die Menschen nicht essen können. Dazu gehören beispielsweise Gras und bestimmte Nebenprodukte der Lebensmittelherstellung. Daraus können sie Lebensmittel erzeugen. Mist und Gülle liefern außerdem Pflanzennährstoffe, die wieder im Pflanzenbau eingesetzt werden können.

Was bedeutet Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Tier?

Nahrungskonkurrenz entsteht, wenn Nutztiere Futtermittel verbrauchen, die auch direkt für die menschliche Ernährung genutzt werden könnten, oder wenn auf geeigneten Ackerflächen Futtermittel statt Lebensmittel angebaut werden. Je stärker Tiere dagegen nicht essbare Biomasse nutzen, desto geringer ist diese direkte Konkurrenz.

Warum spielen Wiederkäuer bei nachhaltiger Nutztierhaltung eine besondere Rolle?

Rinder, Schafe und Ziegen können mithilfe der Mikroorganismen in ihrem Pansen Zellulose verdauen. Dadurch können sie Gras und andere faserreiche Pflanzenbestandteile nutzen, die Menschen nicht verdauen können. Besonders auf Dauergrünland ermöglicht das die Erzeugung von Lebensmitteln auf Flächen, die nicht ohne Weiteres für den Ackerbau geeignet sind.

Was bedeutet „Teller – Trog – Tank“?

„Teller – Trog – Tank“ beschreibt eine Nutzungskaskade für landwirtschaftliche Biomasse. Für Menschen essbare Pflanzen sollen vorrangig als Lebensmittel dienen (Teller). Geeignete nicht essbare Biomasse kann anschließend an Nutztiere verfüttert werden (Trog). Was weder als Lebensmittel noch sinnvoll als Futter genutzt werden kann, kann beispielsweise energetisch verwertet werden (Tank).

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Sylvia Tornau

    Liebe Anke, danke für diesen Beitrag, mit dem du erklärst, wie die Landwirtschaft und Nutztierhaltung der Zukunft aussehen könnte. Ich bin keine Veganerin, sondern würde mich als moderate Fleischesserin betrachten. Für mich ist es wichtig zu wissen, woher das Fleisch kommt und wie die Tiere gehalten werden, wie mit ihnen umgegangen wird. Dafür bin ich auch heute schon bereit, mehr für das Fleisch zu zahlen. Ich habe mich noch nie in der Tiefe mit dem Thema beschäftigt und deswegen finde ich deinen Beitrag so wichtig und informativ. Wie viel nutzbarer Boden für die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf zur Verfügung steht, wie sich das mit steigender Weltbevölkerung verändert. Warum manche Böden überhaupt nicht mehr nutzbar sind und dass nur ein Teil dessen, was geerntet wird, wirklich als Nahrung für den Menschen genutzt werden kann. Letzteres war mir schon irgendwie bewusst, aber was mit dem Rest passiert, darüber habe ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Die von dir beschriebene effektive Teller-Trog-Tank-Nutzung klingt nach einem sinnvollen Weg, für eine ökologische Nahrungsmittelproduktion der Zukunft und vor allem nach einem Weg, der Natur, Tier und Mensch nicht gegeneinander ausspielt. Ich werde diesen Beitrag sicher noch ein paar Mal lesen müssen, um es noch tiefer zu verstehen. Herzliche Grüße Sylvia

    1. Anke

      Liebe Sylvia!
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich war wirklich begeistert vom Vortrag von Prof. Windisch und fand, er muss in Welt getragen werden. Es freut mich, wenn ich dein Wissen mehren konnte!
      Liebe Grüße
      Anke

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