Eine schwarz-weiße Kuh leckt sanft ihr neugeborenes Kalb, das auf einem Strohbett liegt. Das Kalb sieht nass und frisch geboren aus, seine Augen sind geschlossen.

Nachgeburtsverhaltung bei der Kuh

Die Kalbung ist geschafft, das Kalb steht – eigentlich könnte jetzt Ruhe einkehren. Doch manchmal bleibt etwas zurück, das später noch Probleme verursacht: die Nachgeburt.
Geht sie nicht vollständig ab, spricht man von Retentio secundinarum (Ret sec), auch Nachgeburtsverhalten genannt.

Diese Störung kommt in der Milchviehhaltung regelmäßig vor und ist auf den ersten Blick oft harmlos – kann aber langfristig erhebliche Folgen für Gesundheit und Fruchtbarkeit der Kuh haben.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Bezeichnet das Ausbleiben des vollständigen Nachgeburtsabgangs innerhalb von 12 Stunden nach der Kalbung. Die Nachgeburt bleibt teilweise oder vollständig in der Gebärmutter zurück.
  • Ursachen können Entzündungen der Plazentaverbindungen, Nachwehenschwäche oder Stoffwechsel- und Spurenelementmängel sein.
  • Besonders rund um die Abkalbung ist das Immunsystem der Kuh stark gefordert.
  • Problematisch ist weniger die Retentio selbst als ihre möglichen Folgen: Gebärmutterentzündungen, verminderte Futteraufnahme, Stoffwechselstörungen und eine schlechtere Fruchtbarkeit. Entscheidend sind daher gutes Management vor der Kalbung und ein wachsames Auge in den ersten Tagen danach.

Was bedeutet Nachgeburtsverhaltung?

Von einer Nachgeburtsverhaltung spricht man, wenn die Nachgeburt nicht innerhalb von 12 Stunden nach der Kalbung vollständig abgegangen ist.
Häufig hängen dann noch Teile der Nachgeburt sichtbar aus der Scheide. In anderen Fällen bleibt sie vollständig in der Gebärmutter zurück und fällt erst durch Folgeprobleme auf.

Wie läuft der normale Nachgeburtsabgang ab?

Unmittelbar nach der Geburt des Kalbes reißt der Nabelstrang. Dadurch kommt es zu einem plötzlichen Druckabfall im Blutkreislauf der Plazenta. Besonders betroffen sind die Verbindungsstellen zwischen mütterlichem Gewebe und Plazenta, die sogenannten Karunkeln.

Kurz erklärt:
Karunkeln sind spezielle Schleimhautbereiche in der Gebärmutter der Kuh. Während der Trächtigkeit bilden sie zusammen mit den kindlichen Anteilen die feste Verbindung zwischen Kuh und Kalb und ermöglichen den Stoffaustausch.

Durch den Druckabfall nach dem Abreißen des Nabelstrangs:

  • bricht die Durchblutung in diesen Verbindungsstellen zusammen
  • die zuvor bestehende Spannung zwischen Gebärmutter und Plazenta nimmt ab
  • die natürlichen Lösungsvorgänge können beginnen

Bis zur Geburt hat das Gewebe der Plazenta die lebenswichtige Aufgabe der Versorgung des ungeborenen Kalbes übernommen. Mit der Geburt ist diese Funktion erfüllt.
Das Plazentagewebe wird nun nicht mehr durchblutet, stirbt ab und liegt damit als funktionsloses, abgestorbenes Gewebe in der Gebärmutterhöhle.

Die Gebärmutter kann dieses Gewebe anschließend durch Kontraktionen als Nachgeburt ausstoßen. Erfolgt dieser Prozess vollständig und zeitgerecht, spricht man von einem normalen Nachgeburtsabgang.

Was passiert beim gestörten Nachgeburtsabgang?

Bleibt die Nachgeburt in der Gebärmutter zurück, wird der eigentlich normale Vorgang zum Problem. Das abgestorbene Nachgeburtsgewebe kann nicht ausgestoßen werden und beginnt, sich in der Gebärmutterhöhle zu zersetzen.

Dabei entstehen Abbauprodukte, die das innere Milieu der Gebärmutter deutlich belasten. Gleichzeitig finden Keime ideale Bedingungen, um sich festzusetzen und rasant zu vermehren:

  • abgestorbenes Gewebe als „Nährboden“
  • warme Temperaturen um 39 °C
  • ein geschwächtes Immunsystem rund um die Kalbung

Die Folge ist häufig eine Entzündung der Gebärmutter, die nicht auf dieses Organ begrenzt bleibt, sondern den gesamten Organismus der Kuh beeinträchtigen kann.

Mögliche Krankheitserscheinungen

Ein gestörter Nachgeburtsabgang bleibt selten ohne Folgen. Typische Anzeichen sind:

  • verminderte oder fehlende Futteraufnahme
  • deutliches Unwohlsein mit Müdigkeit
  • lange Liegezeiten, schweres oder verzögertes Aufstehen
  • schlechte Entwicklung der Milchleistung
  • Kreislaufschwäche
  • Fieber
  • in schweren Fällen auch Klauenrehe

Gerade die Kombination aus Leistungsabfall und Allgemeinstörungen wird im Alltag leicht unterschätzt – die Ursache liegt dann oft noch in der Gebärmutter.

Äußerlich erkennbare Hinweise

In vielen Fällen ist eine Retentio secundinarum bereits von außen sichtbar:

  • Teile der Nachgeburt hängen aus dem Schamspalt
  • übelriechendes, blutig-wässriges Sekret

Es gibt jedoch auch Fälle, in denen kein Nachgeburtsstrang sichtbar ist. Dann zeigen sich andere typische Hinweise:

  • Abgang eines stark stinkenden Sekrets aus dem Schamspalt
  • deutliche Verschmutzung im Bereich der Schamlippen und der Hüfthöcker
  • eingetrocknete, blutige Krusten im Hinterhandbereich

Gerade diese „versteckten“ Verläufe werden leicht übersehen – mit teils erheblichen Folgen für Fruchtbarkeit und Leistung.

Ursachen der Retentio secundinarum

Die Ursachen einer Retentio secundinarum lassen sich grundsätzlich in infektiöse und nicht infektiöse Faktoren einteilen. In der Praxis greifen beide Bereiche häufig ineinander.

Infektiöse Ursachen

Bestimmte Erreger können bereits während der Trächtigkeit oder rund um die Geburt Entzündungen im Bereich der Plazentaverbindungen (Plazentome) verursachen. Dabei handelt es sich um die Kontaktstellen zwischen mütterlicher Gebärmutterschleimhaut (Karunkeln) und den kindlichen Anteilen der Plazenta.

Zu den möglichen Erregern gehören unter anderem:

  • Chlamydia psittaci
  • Coxiella burnetii
  • Streptokokken
  • Staphylokokken
  • Escherichia coli
  • Actinomyces pyogenes (heute: Arcanobacterium pyogenes)
  • Bovines Herpesvirus Typ 1 (BHV-1)

Durch die Entzündung in den Plazentomen kommt es zu einer Störung der normalen Ablösungsvorgänge:

Unter physiologischen Bedingungen schrumpfen die Verankerungszellen nach dem Geburtsvorgang, die Spannung zwischen mütterlichem und kindlichem Gewebe nimmt ab und die Nachgeburt kann sich lösen.

Bei einer Entzündung jedoch:

  • schwellen die Zellen an
  • die Gewebe quellen auf
  • die Verbindung bleibt mechanisch bestehen

Die notwendige Schrumpfung bleibt aus – eine Lösung der Plazenta wird verhindert.

Nicht infektiöse Ursachen

Nicht immer stehen Erreger im Vordergrund. Häufig liegt die Ursache in funktionellen oder stoffwechselbedingten Störungen.

Nachwehenschwäche

Eine unzureichende Nachgeburtswehen-Tätigkeit führt dazu, dass sich die Gebärmutterwand nicht ausreichend zusammenzieht.
Die mechanische Unterstützung für die Ablösung fehlt – man spricht hier von einer Nachwehenschwäche.

Ohne ausreichende Kontraktion können sich die Plazentaverbindungen nicht vollständig lösen.

Stoffwechsel- und Mangelsituationen

Verschiedene Nährstoffmängel können die physiologischen Ablösungsprozesse erheblich beeinträchtigen, beispielsweise:

Fehlen diese Substanzen, sind zentrale Stoffwechselprozesse gestört, die normalerweise:

  • die Rückbildung der Plazentaverbindungen unterstützen
  • den Abbau des Plazentagewebes fördern
  • die Immunabwehr stabilisieren

Besonders Selen und Vitamin E spielen eine entscheidende Rolle, da sie antioxidativ wirken und entzündliche Prozesse begrenzen. Ein Mangel erhöht das Risiko für eine gestörte Ablösung deutlich.

Weitere begünstigende Faktoren

Neben infektiösen und stoffwechselbedingten Ursachen gibt es weitere Situationen, in denen das Risiko für eine Retentio secundinarum deutlich erhöht ist.

Verkürzte oder verlängerte Trächtigkeitsdauer

Kommt es zu einer Frühgeburt oder zu einer deutlich überzogenen Trächtigkeitsdauer, kann die physiologische Geburtsvorbereitung gestört sein.
Die hormonellen Abläufe, die normalerweise die Ablösung der Plazentaverbindungen vorbereiten, laufen dann nicht optimal ab. Die notwendige Reifung und Lockerung der Plazentome bleibt unvollständig – die Nachgeburt löst sich schlechter.

Mangelnde Geburtsvorbereitung

Eine unzureichende hormonelle Vorbereitung der Geburt – beispielsweise bei induzierten Geburten oder bei bestimmten Stoffwechselstörungen – kann dazu führen, dass:

  • die Plazentaverbindungen nicht ausreichend „auflockernd“ vorbereitet sind
  • die Gebärmutter nicht kräftig genug kontrahiert
  • die physiologischen Ablösungsprozesse verzögert oder unvollständig ablaufen

Geburtsstörungen

Schwergeburten, lange Austreibungsphasen oder mechanische Eingriffe erhöhen das Risiko ebenfalls deutlich.
Je länger und belastender die Geburt, desto stärker wird die Durchblutungssituation und die Funktion der Gebärmutter beeinträchtigt.

Zwillingsgeburten

Auch bei Zwillingsgeburten tritt eine Retentio secundinarum überdurchschnittlich häufig auf.
Die Gebärmutter ist stärker gedehnt, die hormonelle Situation verändert sich und die Nachgeburtsphase verläuft häufiger unkoordiniert.

Warum ist die Nachgeburtsverhaltung problematisch?

Die Nachgeburtsverhaltung selbst ist in den meisten Fällen nicht akut lebensbedrohlich. Das eigentliche Risiko liegt jedoch in den möglichen Folgeerkrankungen.

Bleibt abgestorbenes Plazentagewebe in der Gebärmutter zurück, entsteht ein ideales Milieu für Keime. Entzündliche Prozesse können sich entwickeln – zunächst lokal in der Gebärmutter, später mit Auswirkungen auf den gesamten Organismus.

Typische Konsequenzen sind:

  • Gebärmutterentzündungen (Endometritis/Metritis)
  • Verzögerte Rückbildung der Gebärmutter
  • Spätere oder stille Brunsten
  • Schlechtere Fruchtbarkeit und verlängerte Zwischenkalbezeiten
  • Leistungsabfall in der Frühlaktation

Viele betroffene Kühe fühlen sich schlichtweg nicht wohl. Sie fressen schlechter, sind matt und zeigen weniger Aktivität.

Die verminderte Futteraufnahme kann rasch zu weiteren Problemen führen:

  • Negative Energiebilanz verschärft sich
  • Erhöhtes Risiko für Ketose
  • Allgemeine Stoffwechselstörungen
  • Begünstigung einer Labmagenverlagerung

Gerade in der sensiblen Phase nach der Kalbung ist eine stabile Futteraufnahme entscheidend. Gerät sie ins Stocken, entsteht schnell eine Kettenreaktion.

Eine Nachgeburtsverhaltung ist deshalb weniger ein akutes Drama – sondern vielmehr der Startpunkt einer ganzen Problemspirale, die sich sowohl tiergesundheitlich als auch wirtschaftlich deutlich bemerkbar machen kann.

Was tun, wenn die Nachgeburt nicht abgeht?

Grundsätzlich gilt:
Eine manuelle Entfernung der Nachgeburt sollte nicht routinemäßig und nicht gewaltsam erfolgen. Unüberlegtes Ziehen verschlechtert die Prognose deutlich.

Ist jedoch ein vorsichtiger Lösungsversuch angezeigt, erfolgt dieser unter strengen hygienischen Bedingungen.

Vorbereitung

Nach gründlicher Reinigung der äußeren Genitalregion wird folgendermaßen vorgegangen:

  • Mit einer Hand wird der heraushängende Nachgeburtsstrang gefasst und leicht gespannt.
  • Mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand werden vorsichtig die noch festsitzenden Kotyledonen von den Karunkeln gelöst.

Erklärung der Begriffe:

  • Kotyledonen sind die kindlichen Anteile der Plazenta.
  • Karunkeln sind die mütterlichen Schleimhautbereiche der Gebärmutter.

Gemeinsam bilden sie während der Trächtigkeit die sogenannten Plazentome, also die festen Verbindungsstellen zwischen Kuh und Kalb.

Wichtig: Keine Gewalt

Die Lösung darf ausschließlich schonend erfolgen.
Lässt sich die Nachgeburt nach etwa 10 Minuten nicht ohne Kraftanwendung lösen, sollte der Versuch abgebrochen werden.

Gewaltsames Abreißen führt zu:

  • Schleimhautverletzungen
  • verstärkter Entzündungsneigung
  • verzögerter Uterusrückbildung

Nicht selten verbleiben Eihautreste in den Hornspitzen der Gebärmutter – auch das sollte bedacht werden.

Weitere Maßnahmen

Ist eine vollständige manuelle Lösung nicht möglich, steht die keimhemmende Versorgung im Vordergrund. Hier kommen – je nach Befund und tierärztlicher Einschätzung – intrauterine Präparate (z. B. Kapseln oder Stäbe) zum Einsatz.

Ein erneuter vorsichtiger Lösungsversuch kann am 3. oder 4. Tag nach der Geburt sinnvoll sein. Erfahrungsgemäß lässt sich die Nachgeburt bei einem Teil der Tiere zu diesem Zeitpunkt leichter entfernen, da sich die Plazentaverbindungen weiter gelockert haben.

Unterstützende Therapie

Neben der lokalen Behandlung sind allgemeine stabilisierende Maßnahmen entscheidend. Dazu zählen:

  • Kreislaufunterstützende Therapie
  • Leberunterstützende Maßnahmen
  • Stimulierung der Uterusaktivität
  • Stabilisierung des Stoffwechsels

Ziel ist es, die körpereigene Abwehr und Regeneration zu fördern, anstatt ausschließlich lokal einzugreifen.

Wie lässt sich Nachgeburtsverhaltung vorbeugen?

Die wichtigste Arbeit passiert vor der Kalbung.

Bewährte Vorbeugemaßnahmen sind:

  • Ausgewogene Fütterung der Trockensteher
  • Sicheres Kalzium-Management rund um die Abkalbung
  • Gute Versorgung mit Spurenelementen (insbesondere Selen)
  • Stressarme und saubere Abkalbebedingungen
  • Frühes Erkennen und Behandeln von Stoffwechselstörungen

Die wichtigsten Punkte kompakt zusammengefasst?
Hier kannst du dir das PDF „Nachgeburtsverhaltung bei der Kuh“ mit den Basics als praktische Übersicht herunterladen.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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