Melkstand vs Melkroboter

Wir bekommen Ende des Jahres zwei Melkroboter (offiziell spricht man von einem AMS = automatisches Melksystem). Aus diesem Grund habe ich mich mit den Vor- und Nachteilen beider Melksysteme beschäftigt. Über die Arbeit im Melkstand kann ich mir ein genaues Bild machen und kenne die Vor- und Nachteile gut. Mit dem Melkroboter habe ich noch keine praktische Erfahrung. Hier muss ich mich zur Zeit auf Infos von anderen Betrieben bzw. den Firmen, die Melkroboter verkaufen, verlassen. Trotzdem denke ich, dass ich mit meiner Sammlung pro und contra nicht so ganz falsch liege.  Ansonsten dürft ihr mich gerne in den Kommentaren berichtigen. Es kann natürlich sein, dass sich das eine oder andere Argument noch ändert oder ergänzt wird, wenn wir selbst mit einem Melkroboter melken (lassen). Häufig sind natürlich die Vorteile des einen die Nachteile des anderen Systems, sodass sich Argumente wiederholen.

Inhalt

Vorteile Melkstand

Beim Melkstand ist ein großer Vorteil, dass die Arbeit getan ist, wenn man mit dem Melken fertig ist. Bis zur nächsten Melkzeit wird man in puncto Melken in keiner Weise behelligt. Es gibt keinen Alarm außerhalb der Melkzeiten, um den man sich kümmern muss.

Man kann seine Kühe zweimal täglich genau in Augenschein nehmen. Jeder Kuh begegnet man im Melkstand zweimal am Tag und man kann sie sich genau ansehen. Durch eine Änderung der Milchleistung bekommt man schnell Hinweise auf den Gesundheitszustand. Verhärtungen im Euter oder Verletzungen bzw. Ekzeme am Euter oder Zwischenschenkelekzeme sind leicht erkennbar und auch leicht zugänglich.

Es ist egal, wie viele Kühe man melkt. Das macht sich nur in der Melkzeit bemerkbar. 

Als Melker kommt man mit allen Euterformen und Zitzenstellungen klar. Das Melkzeug wird von mir korrekt angehängt, egal ob die Zitzen eng stehen oder sich sogar überkreuzen. 

Nachteile Melkstand

Ein großer Nachteil des Melkens im Melkstand ist, dass man als Melker zeitlich sehr gebunden ist. Der Melker muss morgens und abends zum Melken anwesend sein. Dabei verschieben wir die Melkzeiten manchmal, weil wir zum Beispiel nach dem Melken einen gemeinsamen Termin haben. Das ist allerdings nur in begrenztem Maße möglich.

Die Kühe werden zu festen Uhrzeiten gemolken. Dabei ist es egal, ob die Kühe gerade anderweitig beschäftigt sind, also z. B. fressen wollen, sich gerade hingelegt haben etc. Sie müssen aufstehen und sich zum Melkstand begeben.

In unserem Melkstand werden immer sieben Kühe auf einer Seite gleichzeitig gemolken. Es sind allerdings nicht immer alle gleichzeitigfertig. Manche Kühe sind schwermelkend, d.h. sie geben die Milch relativ langsam. Andere Kühe wiederum sind leichtmelkend und geben schnell ihre Milch her. In einem Melkstand müssen die Kühe aufeinander warten. Während manche schon fertig sind, melken andere noch. Die Kühe können den Melkstand nur gemeinsam betreten und verlassen. Eine Ausnahme bildet der Tandem Melkstand, dort gibt es Einzelboxen zum Melken, dafür kann man nicht so viele Kühe auf einmal melken.

Bei unserem Melksystem gibt es eine automatische Abnahme, wenn der Milchfluss auf allen Vierteln zu klein ist. Gibt eine Kuh auf einem Viertel weniger Milch als auf den anderen Vierteln, wird dieses eine Zeit lang blind gemolken. Das bedeutet, das Melkvakuum bleibt bestehen, obwohl keine Milch mehr fließt. Das belastet die Zitzen und besonders den Schließmuskel der Zitze sehr. Erst wenn der Milchfluss insgesamt unter einen bestimmten Wert fällt, wird das Melkzeug abgezogen.

Kühe haben im Melkstand nur beschränkt die Möglichkeit, einander auszuweichen, wenn sie sich z. B. nicht mögen oder ranghöher sind. Jede Kuh hat ihre Vorlieben. Die eine möchte immer ganz vorne stehen, die andere auf gar keinen Fall, oder ganz hinten stehen oder immer auf der rechten Seite stehen. Zu Beginn des Melkens ist das kein Problem, dann können die Kühe noch zurückweichen, aber die Auswahl wird gegen Ende immer kleiner, sodass manche Kuh gegen ihre Vorliebe an einem Platz stehen muss, der ihr nicht behagt. Das äußert sich meistens in nervösen Abkoten oder unruhigem Getrippel.

Im Melkstand ist das Infektionsrisiko für Euterentzündungen (Mastitiden) höher als beim AMS, weil Keime schneller von einem Euter zum nächsten gelangen können. Beim AMS wird nach jeder Me3lkung das Melkzeug gespült und gereinigt. Das passiert im Melkstand im Allgemeinen nicht. Wir machen das nur nach dem Melken von Kühen mit hohen Zellzahlen. Das kann ein Indiz dafür sein, dass vermehrt Abwehrzellen in der Milch sind, um eine beginnende Entzündung zu bekämpfen. Um hier die Keimverschleppung zu minimieren, spülen wir das Melkzeug dann gründlich mit Wasser durch. Auch beim Vormelken der Kühe können Keime von einer Kuh zur anderen übertragen werden.


Vorteile AMS

Beim AMS kann die Kuh selbst bestimmen, wann sie zum Melken geht. Der Melkroboter ist nahezu 24 Stunden am Tag melkbereit. Das ist für die Kuh stressfreier. Sie kann ranghöheren Kühen gut aus dem Weg gehen (zumindest  bei ungelenktem Kuhverkehr). Das erhöht das Tierwohl.

Das AMS erhebt viele Daten zur Kuh, was das Melken betrifft. Zum einen wird natürlich die Häufigkeit des Besuchs im AMS erfasst. Zum anderen werden die Inhaltsstoffe der Milch analysiert. Auch wird die Leitfähigkeit der Milch ermittelt. Das ist ein wichtiger Parameter, um Erkrankungen des Euters sehr früh, also bevor es sichtbar wird, zu erkennen. Kombiniert mit einem weiteren System zur Brunsterkennung und Gesundheitsüberwachung bekommt man schnell einen Eindruck vom Gesundheitsstatus und dem Wohlbefinden der Kuh. Wir haben seit kurzem dazu den cow manager und sind sehr zufrieden.

Für den Landwirt bedeutet ein AMS eine freie Arbeitseinteilung. Man ist nicht mehr an die festen Melkzeiten gebunden, sondern kann die Stallarbeit flexibler handhaben. Zudem ist man  nicht mehr längere Zeit durch das Melken „blockiert“, sondern hat mehr Zeit für andere Arbeiten oder Freizeit. Wir melken zur Zeit zwischen zweieinhalb und drei Stunden pro Melkzeit. Über sieben Tage kommen da schon einige Stunden zusammen

Nachteile AMS

Ein gravierender Nachteil eines AMS sind die hohen Investitionskosten. In unserem Fall muss der Stallumgebaut werden, um alle Vorteile des AMS nutzen zu können. Wir bekommen am Melkroboter große Strohställe für frisch abgekalbte oder kranke Kühe mit Zugang zum Roboter und Selektion. Das bedeutet, man kann über den PC den Roboter so steuern kann, das er bestimmte Kühe, die man ins System eingibt, durch ein Selektionstor in einen separaten Bereich des Stalles sortiert. Man muss die einzelnen Kühe dann nicht im Stall suchen und umtreiben, sondern sie werden automatisch selektiert.

Weil man nicht mehr längere Zeit beim Melken verbringt, wo man jede Kuh zweimal täglich sieht, geht der Kontakt zu den Kühen beim AMS zurück. Deswegen muss man noch genauer beobachten, wenn man durch den Stall geht, um z. B. die Liegeboxen zu säubern und frisch einzustreuen. Das geht bei uns mit dem Melkstand-melken deutlich schöner, denn die Kühe sind umgetrieben und aller Boxen eines Abschnittes leer. So kann man sie in Ruhe der Reihe nach reinigen.

Der Melkroboter ist 24 Stunden am Tag betriebsbereit. Hierfür wird natürlich Strom benötigt. Insofern sind die unterhaltenden Kosten bei einem AMS sicherlich höher als bei einer Melkmaschine, die zur Melkzeit läuft, das Spülprogramm durchläuft und anschließend aus ist. Auch die Wartungskosten sind beim AMS höher, da einen engmaschigere Wartung nötig ist als bei der Melkmaschine, die in der Regel nur einmal jährlich gewartet wird.

Ein Melkroboter kann eine bestimmte maximale Anzahl an Kühen melken. Man sagt, etwa 60 Kühe pro AMS. Wenn man Aufstocken will, also seine Kuhzahl erhöhen möchte, ist man an diese Zahl gebunden, um einen neuen Roboter auszulasten. Die Kosten für ein AMS müssen ja irgendwie wieder verdient werden und wir wollen unsere Roboter somit voll ausnutzen. 

Bei eng stehenden Zitzen oder sich überkreuzenden Zitzen hat der Melkroboter Probleme, die Zitzenbecher korrekt anzusetzen.