Nahaufnahme eines Kuheuters mit vier Zitzen, die detaillierte Hauttextur und Adern zeigen. Die Hinterbeine und der Schwanz der Kuh sind teilweise auf beiden Seiten des Euters sichtbar.

Mastitis bei der Kuh

Es ist kurz nach sieben Uhr morgens. Der Melkroboter hat bereits die erste Meldung des Tages ausgegeben: Kuh Nummer 47, erhöhte Leitfähigkeit vorne links, die Milchmenge im betroffenen Viertel ist gesunken.

Noch bevor ich mir den Kaffee geholt habe, ist klar, worauf ich im Stall achten muss. Oft bestätigt sich der Verdacht schnell: ein geschwollenes, warmes Euterviertel, veränderte Milch – manchmal sieht man der Kuh auch an, dass sie sich nicht wohlfühlt.

Mastitis, also eine Entzündung des Euters, gehört zu den häufigsten Erkrankungen bei Milchkühen. Das gilt weltweit – und auch im eigenen Bestand. Nicht, weil jemand unachtsam arbeitet, sondern weil das Euter ein empfindliches System ist. Beim Melken öffnet sich der Zitzenkanal, und genau in diesem Moment können Keime eindringen.

Viele Verbraucher kennen Mastitis vor allem aus Schlagzeilen: „Antibiotika in der Milch“ oder „kranke Kühe im Stall“. Was dahintersteckt, ist deutlich komplexer. In diesem Artikel erkläre ich, wie eine Euterentzündung entsteht, woran man sie erkennt und welche Rolle das Management im Stall dabei spielt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • ▪ Mastitis ist eine Entzündung des Euters und gehört zu den häufigsten Erkrankungen bei Milchkühen.
  • ▪ Ursache sind meist Bakterien, die über den Zitzenkanal ins Euter gelangen.
  • ▪ Man unterscheidet klinische (sichtbare) und subklinische (versteckte) Verläufe.
  • ▪ Frühe Erkennung ist entscheidend – z. B. durch Vormelken, Zellzahl oder Melkroboterdaten.
  • ▪ Die Behandlung richtet sich nach Verlauf und Ursache und umfasst je nach Fall Antibiotika und unterstützende Maßnahmen.
  • ▪ Mastitis entsteht selten durch einen einzelnen Faktor, sondern durch ein Zusammenspiel aus Keimen, Management und Tiergesundheit.
  • ▪ Vorbeugung ist der wichtigste Hebel: Hygiene, Stallmanagement und gesunde Kühe reduzieren das Risiko deutlich.
  • ▪ Milch von behandelten Kühen gelangt nicht in den Tank – jede Lieferung wird kontrolliert.

Was ist Mastitis?

Mastitis ist eine Entzündung des Euters. In den meisten Fällen wird sie durch Bakterien ausgelöst, die über den Zitzenkanal eindringen und sich im Euter vermehren.

Mastitis ist nicht gleich Mastitis. Man unterscheidet zwei grundlegende Formen – und die eine ist deutlich tückischer als die andere.

Bei der klinischen Mastitis sind die Veränderungen sichtbar: flockige oder wässrige Milch, ein geschwollenes, warmes oder schmerzhaftes Viertel. In schweren Fällen ist auch das Allgemeinbefinden der Kuh beeinträchtigt – sie frisst weniger, wirkt matt oder hat Fieber.

Die subklinische Mastitis dagegen zeigt sich nicht auf den ersten Blick. Die Milch wirkt unauffällig, das Euter erscheint normal. Genau das macht sie so problematisch: Sie bleibt oft wochenlang unbemerkt. Der wichtigste Hinweis ist eine erhöhte Zellzahl in der Milch – ein Wert, der im Stall täglich eine Rolle spielt, vielen Verbrauchern aber kaum bekannt ist.

Wie entsteht eine Mastitis?

Damit Mastitis entstehen kann, müssen Keime ins Euter gelangen – und der Weg dorthin führt fast immer über den Zitzenkanal.

Dieser Kanal ist die natürliche Schutzbarriere zwischen Außenwelt und Eutergewebe. Beim Melken öffnet er sich, danach schließt er sich wieder. In dieser Phase ist das Euter besonders anfällig.

Wie lange der Zitzenkanal nach dem Melken offen bleibt, hängt von verschiedenen Faktoren ab – zum Beispiel von der Kuh selbst, von der Melktechnik oder vom Zustand der Zitzenhaut. Legt sich eine Kuh direkt nach dem Melken auf eine verschmutzte Liegefläche, können Keime eindringen, bevor sich der Kanal vollständig geschlossen hat.

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Wege, über die Erreger ins Euter gelangen können – und genau diese Unterscheidung findet sich später auch im Ergebnis einer Milchprobe wieder.

Zum einen gibt es umweltassoziierte Erreger. Sie stammen aus der Umgebung der Kuh, etwa aus Einstreu, Kot oder feuchten Liegeflächen. Hier spielt die Stallhygiene eine zentrale Rolle.

Zum anderen gibt es kuhassoziierte Erreger. Diese werden vor allem während des Melkens von Tier zu Tier übertragen, zum Beispiel über Melkzeug oder Hände. In solchen Fällen kann sich eine Infektion im Bestand weiterverbreiten.

Neben diesen direkten Ursachen gibt es einen weiteren entscheidenden Faktor: die Kuh selbst. Ein stabiles Immunsystem, eine intakte Zitzenhaut und ein guter Allgemeinzustand helfen, eingedrungene Keime abzuwehren. Stress, Stoffwechselprobleme oder die Phase rund um die Kalbung können diese Abwehr schwächen – und das Risiko für eine Mastitis deutlich erhöhen.

Typische Erreger der Mastitis

Es gibt nicht den einen Mastitiserreger. In der Praxis begegnen mir dennoch immer wieder dieselben Keime – und je nach Erreger unterscheiden sich Verlauf, Behandlung und Vorbeugung deutlich.

Staphylococcus aureus

Dieser Erreger gehört zu den hartnäckigsten Erregern. Er siedelt sich im Eutergewebe an, bildet dort kleine Abszesse und ist für das Immunsystem der Kuh – und auch für Antibiotika – schwer zu erreichen. Chronische Verläufe sind typisch. Eine einmal infizierte Kuh wird oft nicht mehr vollständig geheilt.

Streptococcus agalactiae

Er ist hochansteckend und wird vor allem beim Melken von Tier zu Tier übertragen. In der Regel spricht dieser Erreger gut auf Antibiotika an – lässt sich im Bestand aber nur dauerhaft kontrollieren, wenn konsequent alle infizierten Tiere erfasst und behandelt werden.

Streptococcus uberis

Er stammt aus der Umwelt, vor allem aus der Einstreu. Probleme treten häufig in der Trockenstehphase und rund um die Kalbung auf – also genau dann, wenn das Immunsystem der Kuh besonders gefordert ist.

Escherichia coli

Dieser Erreger verursacht oft akute und schwere Verläufe mit Fieber und deutlich gestörtem Allgemeinbefinden. Die Kuh wird schnell krank – bei rechtzeitiger Behandlung bestehen aber gute Heilungschancen. Der Erreger stammt aus Kot und feuchter Einstreu und ist damit direkt an die Stallumgebung gebunden.

Klebsiella spp.

Klebsiellen verursachen ähnlich schwere, perakute Verläufe wie E. coli – können aber noch widerstandsfähiger sein. Sie überleben lange in organischer Einstreu wie Sägemehl und sprechen schlechter auf Antibiotika an. Eine Klebsiellen-Mastitis kann sich innerhalb weniger Stunden zu einem lebensbedrohlichen Zustand entwickeln.

Koagulase-negative Staphylokokken (KNS)

Sie werden häufig unterschätzt, weil sie meist mildere Verläufe verursachen. Gleichzeitig gehören sie zu den häufigsten Befunden bei subklinischer Mastitis und können die Zellzahl im Bestand dauerhaft erhöhen.

Als Faustregel gilt: Kuhassoziierte Erreger erfordern vor allem konsequente Melkhygiene und ein sauberes Herdenmanagement. Umweltassoziierte Erreger lassen sich in erster Linie über trockene, saubere Liegeflächen und ein gut organisiertes Trockenstellen kontrollieren.

ErregerGruppeTypischer VerlaufTherapie
Staphylococcus aureuskuhassoziiertChronisch, schleichend, bildet oft Abszesse im Eutergewebe Schwierig – oft nur Kontrolle, keine Heilung
Streptococcus agalactiaekuhassoziiertSubklinisch, ansteckend, verursacht hohe ZellzahlenGut – spricht auf Antibiotika an
Streptococcus uberisumweltassoziiertSubklinisch bis klinischMäßig – Rückfälle häufig
Escherichia coliumweltassoziiertAkut, oft schwer bis tödlich (Toxinschock), oft kurz nach der KalbungGut bei früher Behandlung
Klebsiella spp.umweltassoziiertPerakut, sehr schwerSchwierig – schlechtes Ansprechen auf Antibiotika
Koagulase-neg. StaphylokokkenkuhassoziiertMild, subklinisch, häufig bei FärsenOft selbstlimitierend
Welcher Erreger tatsächlich beteiligt ist, lässt sich nur durch eine bakteriologische Untersuchung der Milch sicher feststellen. Im Alltag passiert das nicht bei jeder Kuh – bei chronischen oder immer wiederkehrenden Fällen ist es aber oft der entscheidende Schritt.

Symptome der Mastitis

Die Anzeichen einer Mastitis können sehr unterschiedlich sein – je nachdem, welcher Erreger beteiligt ist und wie weit die Entzündung fortgeschritten ist. Manche Kühe fallen sofort auf, andere zeigen über längere Zeit keine sichtbaren Veränderungen.

Am Euter

Das klassische Bild einer klinischen Mastitis ist bekannt: Das betroffene Viertel ist geschwollen, warm, oft schmerzhaft. Die Kuh weicht beim Anrüsten zurück oder tritt. Im schweren Fall hängt das Viertel deutlich tiefer als die anderen, die Haut wirkt gespannt oder verfärbt.

In der Milch

Die Milch ist das erste, was auffällt – und deshalb gehört das Vormelken in jeden Melkprozess. Flocken, Fäden, wässrige Konsistenz oder eine veränderte Farbe sind deutliche Warnsignale. Bei einer schweren E.-coli-Mastitis kann die Milch fast wasserartig aussehen, bei S.-aureus-Infektionen eher eitrig-schleimig.

Im Allgemeinbefinden

Bei schweren Verläufen bleibt es nicht beim Euter. Die Kuh frisst weniger oder gar nicht, wirkt matt und teilnahmslos. Fieber über 39,5 °C, eine erhöhte Herzfrequenz, Apathie – das sind Zeichen, dass die Entzündung den gesamten Organismus belastet. In solchen Fällen ist schnelles Handeln entscheidend.

Die unsichtbare Form: subklinische Mastitis

Keine Schwellung, keine veränderte Milch, keine auffällige Kuh. Und trotzdem stimmt etwas nicht. Die subklinische Mastitis zeigt sich nicht am Tier, sondern an Zahlen: einer erhöhten Zellzahl in der Einzeltier- oder Tankmilch, einem auffälligen California-Mastitis-Test, oder – bei uns im Betrieb – an den Leitfähigkeitsdaten des Melkroboters, die schon Alarm schlagen, bevor ich überhaupt im Stall bin.

Eine Rolle dabei spielt die sogenannte Blut-Euter-Schranke – eine physiologische Barriere, die regelt, was aus dem Blut in die Milch übergeht. Solange das Immunsystem eine Infektion lokal kontrollieren kann, bleibt sie weitgehend intakt. Sobald aber eine Entzündung erkannt wird, öffnet sie sich gezielt: Weiße Blutkörperchen strömen ins Eutergewebe, um die Bakterien zu bekämpfen. Genau das erklärt, warum bei einer Mastitis die Zellzahl in der Milch so stark ansteigt. Gleichzeitig gelangen mehr Blutbestandteile in die Milch – Enzyme, Antikörper – was ihre Zusammensetzung und Qualität verändert.

Wie erkennt man Mastitis?

Die erste und wichtigste Maßnahme kostet nichts und dauert nur Sekunden: das Vormelken. Dabei werden die ersten Milchstrahlen jedes Viertels in einen dunklen Vormelkbecher gemolken und auf Veränderungen kontrolliert – Flocken, Fäden, wässrige Konsistenz oder Verfärbungen. Wer das konsequent macht, erkennt eine klinische Mastitis in den meisten Fällen frühzeitig.

Für die subklinische Mastitis braucht es mehr. Der California-Mastitis-Test – kurz CMT – ist ein einfacher Schnelltest direkt am Tier. Ein Reagenz wird mit etwas Milch vermischt; je höher die Zellzahl, desto zähflüssiger wird die Mischung. Der Test lässt sich ohne großen Aufwand durchführen und gibt schnell eine erste Orientierung.

Genauer wird es mit der Zellzahlbestimmung. Im Rahmen der monatlichen Milchleistungsprüfung wird bei jeder Kuh die Zellzahl im Einzelgemelk gemessen. Werte über 200.000 Zellen pro Milliliter gelten als Hinweis auf eine Entzündung, über 400.000 ist der Grenzwert für die Tankmilch – wird er überschritten, hat das direkte Konsequenzen für die Molkerei-Abrechnung.

Bei uns im Betrieb kommt noch eine weitere Ebene dazu: der Melkroboter. Er misst bei jedem Melkvorgang die elektrische Leitfähigkeit der Milch – ein Wert, der bei Entzündungen ansteigt, weil sich die Zusammensetzung der Milch verändert. Zusammen mit Milchmengenrückgang und Melkfrequenz ergibt das ein zuverlässiges Frühwarnsystem. Oft schaue ich morgens zuerst in die Roboterdaten – und weiß schon, welche Kuh ich mir im Stall genauer ansehen muss.

Wenn der Verdacht auf Mastitis bestätigt ist, stellt sich die nächste Frage: Welcher Erreger steckt dahinter? Das lässt sich nur durch eine bakteriologische Untersuchung der Milch sicher klären. Im Alltag passiert das nicht bei jeder Kuh – bei chronischen, wiederkehrenden oder schwer behandelbaren Fällen ist es aber oft der entscheidende Schritt.

Wie wird Mastitis behandelt?

Die Diagnose steht – und jetzt? Die Behandlung hängt davon ab, wie schwer die Mastitis verläuft, welche Symptome die Kuh zeigt und welcher Erreger wahrscheinlich beteiligt ist.

Intramammäre Behandlung

Bei einer klinischen Mastitis mit veränderter Milch und lokalen Euterveränderungen ist die häufigste Maßnahme die intramammäre Behandlung: Ein Antibiotikum wird direkt über den Zitzenkanal ins betroffene Viertel eingegeben und wirkt dort gezielt im Euter.

Praxistipp:
Vor der ersten Behandlung immer eine Milchprobe aus dem betroffenen Viertel entnehmen und kühl lagern oder einfrieren. Schlägt die Therapie an, ist alles gut. Wenn nicht, kann die Probe nachträglich bakteriologisch untersucht und ein Antibiogramm erstellt werden. So lässt sich die Behandlung gezielt anpassen, statt ins Blaue weiterzutherapieren.

Schwere Verläufe: systemische Behandlung

Bei schweren Verläufen mit Fieber und gestörtem Allgemeinbefinden reicht das oft nicht aus. Dann kommen systemische Antibiotika dazu – also eine Injektion, die den gesamten Organismus erreicht. Ergänzend werden entzündungshemmende Medikamente eingesetzt, um Schmerzen zu lindern und den Stoffwechsel zu entlasten. Kühe, die nicht mehr fressen oder stark geschwächt sind, drenche ich zusätzlich – also verabreiche ich gezielt große Mengen Flüssigkeit direkt in den Pansen. Das hält den Pansen in Gang, schwemmt Toxine aus und entlastet die Leber. Gerade bei schweren Mastitiden durch gramnegative Erreger wie E. coli oder Klebsiellen werden sogenannte Endotoxine freigesetzt, die den gesamten Stoffwechsel belasten – hier macht eine großzügige Flüssigkeitsversorgung einen spürbaren Unterschied.

Wann sind Antibiotika nicht nötig?

Nicht jede Mastitis muss zwingend mit Antibiotika behandelt werden. Milde Verläufe, insbesondere durch umweltassoziierte Erreger, heilen manchmal auch ohne antibiotische Therapie ab – unterstützt durch häufigeres Ausmelken des betroffenen Viertels. Ob das im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet der Tierarzt. Antibiotika gezielt und nur dann einzusetzen, wenn sie wirklich nötig sind, ist nicht nur eine Frage der Kosten, sondern auch der Verantwortung im Umgang mit Antibiotikaresistenzen.

Trockenstellen als Therapiechance

Eine besondere Situation ist das Trockenstellen. Beim Übergang von der Laktation in die Trockenstehperiode ist das Euter besonders anfällig für neue Infektionen – gleichzeitig ist es der beste Zeitpunkt, bestehende Infektionen zu behandeln. Beim selektiven Trockenstellen werden nur die Viertel antibiotisch versorgt, bei denen eine Infektion nachgewiesen oder wahrscheinlich ist. Gesunde Viertel erhalten stattdessen einen internen Zitzenversiegler, der den Zitzenkanal während der Trockenstehzeit verschließt und vor Neuinfektionen schützt.

Wann ist Merzen die richtige Entscheidung?

Und dann gibt es Fälle, in denen eine Behandlung keinen Sinn mehr ergibt. Eine Kuh mit chronischer Mastitis, die bereits mehrere Viertel verloren hat und immer wieder rückfällig wird, leidet selbst – und wird gleichzeitig zum dauerhaften Infektionsherd im Bestand.

Beim Melken können Keime auf gesunde Tiere übertragen werden – still und unbemerkt, Melkvorgang für Melkvorgang.

Die Entscheidung, eine Kuh zu merzen, ist nie leicht. Aber sie gehört zum verantwortungsvollen Umgang mit Tiergesundheit dazu – und schützt letztlich die anderen Tiere im Bestand.

Das ist das Wesen der Nutztierhaltung: Tiergesundheit und wirtschaftliche Realität lassen sich nicht immer trennen. Eine Kuh, die trotz aller Bemühungen nicht gesund wird und dabei andere Tiere gefährdet, kann nicht dauerhaft im Bestand bleiben. Das ist keine Kälte, sondern Verantwortung – gegenüber dem einzelnen Tier und der gesamten Herde.

Wie lässt sich Mastitis vorbeugen?

Mastitis entsteht selten durch einen einzelnen Auslöser. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen – und genau hier setzt die Vorbeugung an. Es geht nicht um die eine Maßnahme, sondern um ein funktionierendes Gesamtsystem im Stall.

Melkhygiene

Der Melkvorgang ist einer der entscheidenden Momente. Saubere Zitzen, korrektes Vormelken und eine konsequente Nachdipproutine – also das Benetzen der Zitzen mit einem desinfizierenden Mittel direkt nach dem Melken – reduzieren das Risiko, dass Keime über den Zitzenkanal ins Euter gelangen. Der Zitzenkanal schließt sich nach dem Melken nicht sofort; genau in dieser Phase schützt das Dippen am effektivsten.

Auch das Melkzeug selbst spielt eine Rolle. Fehlfunktionen, falsche Einstellungen oder verschlissene Gummis können das Euter belasten und Infektionen begünstigen. Bei uns im Betrieb übernimmt das der Melkroboter – er reinigt und desinfiziert die Zitzenbecher automatisch zwischen den Melkungen. Das klingt nach einem Detail, macht aber einen Unterschied: Keime, die eine Kuh hinterlässt, landen so nicht direkt bei der nächsten.

Liegeflächen und Stallhygiene

Viele Mastitiserreger stammen aus der Umgebung der Kuh. Saubere, trockene Liegeflächen sind deshalb eine der wichtigsten Stellschrauben in der Vorbeugung. Feuchte Einstreu, verschmutzte Boxen oder mangelnder Vorschub erhöhen den Keimdruck deutlich. Hier entscheidet oft der Alltag: regelmäßig nachstreuen, sauber halten, kontrollieren.

Frischmelker im Blick behalten

Die Phase rund um die Kalbung ist besonders kritisch. Das Immunsystem der Kuh ist belastet, gleichzeitig steigt das Risiko für Neuinfektionen. Gerade in den ersten Wochen nach dem Abkalben lohnt sich ein genauer Blick: Auffällige Kühe früh erkennen, Zellzahlen beobachten, Veränderungen ernst nehmen.

Trockenstellen gezielt nutzen

Die Trockenstehperiode ist nicht nur eine Pause für das Euter, sondern auch eine Chance. Bestehende Infektionen können behandelt werden, gleichzeitig gilt es, Neuinfektionen zu verhindern. Selektives Trockenstellen mit gezieltem Antibiotikaeinsatz und der Einsatz von Zitzenversieglern sind heute zentrale Maßnahmen im Management.

Die Kuh selbst nicht vergessen

Neben Haltung und Technik spielt die Kuh selbst eine entscheidende Rolle. Eine stabile Stoffwechsellage, gute Körperkondition und ein funktionierendes Immunsystem sind die Grundlage für eine erfolgreiche Abwehr von Krankheitserregern. Probleme wie Ketose oder andere Stoffwechselstörungen erhöhen das Risiko für Mastitis deutlich – oft indirekt und nicht sofort sichtbar.

Fazit zur Vorbeugung

Mastitis lässt sich nicht vollständig verhindern. Aber sie lässt sich beeinflussen. Wer die entscheidenden Stellschrauben im Blick hat – Hygiene, Management und Tiergesundheit – reduziert das Risiko deutlich. Und sorgt dafür, dass einzelne Fälle nicht zum Problem für den ganzen Bestand werden.

Was hat Mastitis mit unserer Milch zu tun?

Wer Milch kauft, denkt selten an Zellzahlen, Zitzenkanäle oder Melkhygiene. Aber Mastitis ist einer der Punkte, an denen Stallrealität und Verbraucherwahrnehmung besonders weit auseinanderliegen – und wo sich ein genauerer Blick lohnt.

Antibiotika in der Milch?

Das ist die Frage, die am häufigsten kommt. Die Antwort ist eindeutig: Milch von behandelten Kühen darf nicht in den Tank.

Während der Wartezeit – also solange Antibiotika noch im Körper der Kuh nachweisbar sind – wird die Milch konsequent verworfen. Jede Anlieferung an die Molkerei wird zusätzlich auf Hemmstoffe getestet. Fällt eine Probe positiv aus, wird die gesamte Tankladung gesperrt – mit direkten wirtschaftlichen Konsequenzen für den Betrieb.

Die Zellzahl – ein Qualitätsmerkmal, das kaum jemand kennt

Auf der Milchverpackung steht sie nicht. Trotzdem ist die Zellzahl eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale in der Milchwirtschaft.

Sie wird bei jeder Anlieferung gemessen und beeinflusst direkt die Auszahlung an den Landwirt. Wer dauerhaft hohe Zellzahlen liefert, bekommt Abzüge – gute Werte werden belohnt. Das System setzt also klare wirtschaftliche Anreize für gesunde Kühe und gutes Management.

Gesunde Kühe liegen im Interesse aller

Manchmal entsteht der Eindruck, Tiergesundheit sei vor allem ein Anliegen von außen. In der Praxis ist es genau umgekehrt.

Eine Kuh mit Mastitis verursacht Kosten: Tierarzt, verworfene Milch, zusätzlicher Arbeitsaufwand – im schlimmsten Fall der Verlust des Tieres. Eutergesundheit zu vernachlässigen, kann sich kein Betrieb leisten.

Gesunde Kühe sind die Grundlage eines funktionierenden Milchviehbetriebs – wirtschaftlich und ethisch.

Mastitis – häufig, aber beeinflussbar

Mastitis ist keine Randerscheinung in der Milchviehhaltung. Sie ist allgegenwärtig, fordert täglich Aufmerksamkeit und lässt sich trotz aller Sorgfalt nie vollständig ausschließen. Das ist die ehrliche Antwort – und gleichzeitig kein Grund zur Resignation.

Was mich nach Jahren im Stall und in der tierärztlichen Praxis begleitet: Eutergesundheit ist immer ein Spiegel des Gesamtbetriebs. Wie sauber sind die Boxen? Wie läuft das Melken? Wie gut kommen die Kühe durch die Transitphase? Wer diese Fragen im Blick hat, hat auch die Mastitis im Griff – nicht perfekt, aber gut genug.

Für Verbraucher bleibt vielleicht dieser Gedanke: Hinter jedem Glas Milch steht ein Betrieb, der täglich daran arbeitet, seine Tiere gesund zu halten. Nicht, weil es vorgeschrieben ist – sondern weil es die Grundlage für alles andere ist.

Hofs-News

Eine Mail aus dem echten Hofleben – jeden Freitag* in dein Postfach

Geschichten zwischen Stall, Familie und Feldweg. Mal lustig, mal nachdenklich, immer persönlich.

*Manchmal wird’s auch Samstag oder Sonntag – der Hof passt sich nicht immer dem Kalender an.

Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Schön, dass du dabei bist! Schau gleich in dein Postfach – dort wartet noch eine Bestätigungsmail.

Kein Spam – Abmeldung jederzeit mit einem Klick möglich.

Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

Mehr über mich erfährst du hier.

Suchst du ein bestimmtes Thema auf meinen Blog?

Eine Person, die eine Brille und eine blaue Jacke trägt, steht in einem Stall und hält den Kopf einer schwarz-weißen Kuh an ihre Brust. Im Hintergrund sind Heu und Metallboxen zu sehen.

Wer schreibt hier?

Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

Neu im Blog

Neueste Kommentare

aktuelle Beiträge

Schreibe einen Kommentar