Ich habe neulich ein kurzes Reel auf Instagram gesehen – Maria Furtwängler war bei einem Bio-Verband zu Gast und stellte dort eine einfache, aber kraftvolle Frage:
„Gehört Landwirtschaft eigentlich zur kritischen Infrastruktur?“
Seitdem lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los.
Wir reden ständig über Energie, Wasser, Verkehr oder Gesundheit, wenn es um „kritische Infrastruktur“ geht – aber über die Landwirtschaft? Eher selten. Dabei ist sie die Grundlage von allem, was wir essen, trinken und täglich brauchen.
Als Landwirtin und Tierärztin frage ich mich:
Wenn unsere Arbeit so wichtig ist, dass ohne sie keine Milch, kein Brot, kein Fleisch, kein Gemüse produziert würde – warum wird sie dann in politischen und gesellschaftlichen Krisenplänen kaum mitgedacht?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ohne Landwirtschaft keine Versorgung – so einfach ist das.
- Trotzdem gilt sie offiziell noch nicht als „kritische Infrastruktur“.
- Was passiert, wenn Strom, Diesel oder Futter knapp werden?
- Und warum der Schutz unserer Lebensmittelproduktion auch das Leben unzähliger Nutztiere sichert, erfährst du hier.
Was bedeutet eigentlich „kritische Infrastruktur“?
Der Begriff klingt erstmal technisch – nach Hochspannungsleitungen, Serverräumen und Wasserwerken. Und tatsächlich: Wenn Behörden oder Medien von „kritischer Infrastruktur“ sprechen, meinen sie genau das.
Offiziell definiert das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) kritische Infrastrukturen als Einrichtungen, Anlagen oder Systeme, die für das Funktionieren des Gemeinwesens von entscheidender Bedeutung sind. Fällt eine davon aus, hat das „nachhaltige Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen“.
Dazu zählen aktuell unter anderem:
- Energieversorgung (Strom, Gas, Öl)
- Wasser und Abwasser
- Informations- und Kommunikationstechnik
- Transport und Verkehr
- Gesundheit
- Finanzen und Versicherungen
- Staat und Verwaltung
- Medien und Kultur
- Siedlungsabfallentsorgung
- Ernährung
Gehört die Landwirtschaft automatisch dazu?
Auf dem Papier scheint es klar: Der Sektor Ernährung gehört offiziell zu den kritischen Infrastrukturen – und ohne Landwirtschaft gäbe es keine Ernährung.
Da dachte ich mir: Na klar, dann gehört die Landwirtschaft im Sektor Ernährung bestimmt automatisch dazu!
Aber genau da liegt das Missverständnis.
In der behördlichen Definition geht es beim Bereich „Ernährung“ vor allem um:
- die Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln (z. B. Molkereien, Schlachthöfe, Bäckereien, Getränkehersteller),
- Verpackung, Lagerung und Transport,
- sowie den Groß- und Einzelhandel.
Die Primärproduktion, also Landwirtschaft, Gartenbau und Fischerei, fehlt in dieser Systematik.
Das bedeutet: Sie wird nicht automatisch als kritische Infrastruktur geschützt oder priorisiert, wenn es z. B. um Notfallpläne, Energieversorgung oder Treibstoffverteilung geht.
Mit anderen Worten:
Die Landwirtschaft ist zwar die Grundlage des KRITIS-Sektors „Ernährung“, wird aber selbst nicht wie eine kritische Infrastruktur behandelt.
Ernährung – eine kritische Infrastruktur
Nahrung ist die Grundlage allen Lebens – sowohl für das einzelne Individuum als auch für die Stabilität der Gesellschaft.
Bislang war Deutschland von keiner länger andauernden Versorgungskrise betroffen. Doch genau deshalb fehlt vielen das Bewusstsein dafür, wie verletzlich unser Ernährungssystem wirklich ist.
Kommt es zu Störungen oder gar einem Einbruch der Versorgung, hätte das massive Auswirkungen auf die Bevölkerung.
Wir sind an ein hohes und verlässliches Versorgungsniveau gewöhnt – alles ist jederzeit verfügbar. Doch Krisen, Engpässe oder auch nur Verunreinigungen einzelner Lebensmittel könnten nicht nur zu gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden führen, sondern auch das Vertrauen der Menschen in staatliches Handeln erschüttern.
Was das praktisch bedeutet
Wenn also der Strom ausfällt oder Lieferketten zusammenbrechen, gelten Molkereien und Lebensmittellager als KRITIS-relevant – nicht aber der Milchviehbetrieb, der die Rohmilch liefert.
Das führt zu absurden Situationen: Die Verarbeitung wird geschützt, aber die Erzeugung, ohne die es gar keine Produkte gäbe, bleibt außen vor.
Viele Fachleute fordern deshalb, dass Landwirtschaft als eigenständiger Teil des KRITIS-Sektors „Ernährung“ anerkannt wird – oder zumindest im Krisenmanagement stärker berücksichtigt wird.
Denn wenn die Grundlage der Versorgung – Acker, Stall, Tier, Mensch – nicht als systemrelevant betrachtet wird, wie stabil ist das ganze System dann wirklich?
Warum Landwirtschaft dazugehören sollte
Wer in der Landwirtschaft arbeitet, weiß, wie viele Zahnräder ineinandergreifen müssen, damit am Ende ein Liter Milch, ein Brot oder ein Stück Fleisch auf dem Tisch landen. Wenn eines dieser Zahnräder ausfällt, steht schnell das ganze System still.
Abhängigkeit von Energie und Technik
Ein Beispiel:
Fällt der Strom aus, funktionieren Melkanlagen, Fütterungstechnik, Lüftungssysteme und Milchkühlung nicht mehr.
Ohne Treibstoff bleiben Traktoren, Futterlieferungen und Güllepumpen stehen.
Und wenn Futter oder Wasser nicht mehr verfügbar sind, wird es innerhalb von Stunden kritisch – für Tiere, aber auch für Menschen, die Verantwortung tragen.
In vielen Ställen hat heute die Automatisierung Einzug gehalten – auch bei uns. Die Melktechnik mit Melkrobotern läuft digital, jede Kuh bekommt ihre Futterration im Melkroboter individuell zugeteilt. Das Grundfutter wird mit Radlader, Traktor und Futtermischwagen „zubereitet“ und verteilt.
Ohne technische Unterstützung wäre es bei der heutigen Tierzahl unmöglich, alle Tiere zuverlässig zu versorgen.
Und das gilt nicht nur für Milchviehbetriebe:
In Geflügelställen ist die Lüftung überlebenswichtig – fällt sie aus, sterben die Tiere innerhalb kurzer Zeit.
Auch in Schweineställen läuft ohne Strom nichts: Lüftung, Fütterung, Klimaregelung, Tränken – alles hängt an der Energieversorgung.
Ein längerer Stromausfall würde hier zur akuten Lebensgefahr für die Tiere führen.
Trotzdem sind Betriebe in solchen Situationen meist auf sich allein gestellt. Während andere KRITIS-Sektoren klare Notfallpläne, Vorrangregelungen oder Unterstützung durch Behörden haben, bleibt die Landwirtschaft oft außen vor. Dabei gilt auch hier:
Einen Stall kann man nicht einfach „abschalten“. Tiere müssen versorgt werden – jeden Tag, zu jeder Uhrzeit, auch in einer Krise.
Unabhängigkeit und Ernährungssicherheit
Hinzu kommt: Landwirte arbeiten längst im Grenzbereich der Versorgungssicherheit. Viele Betriebe lagern kaum noch große Mengen an Futter oder Diesel. Alles ist auf Effizienz getrimmt – also auf just in time. Das macht das System anfällig.
Lebensmittelimporte aus dem Ausland sind in solchen Situationen keine echte Option – vielleicht kurzfristig, aber sicher nicht auf Dauer.
Auf lange Sicht muss Deutschland, besser noch Europa, wieder möglichst unabhängig produzieren können.
Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für andere Bereiche – man denke nur an Medikamente, Energie oder Saatgut.
Je mehr Grundversorgung ausgelagert wird, desto größer wird die Abhängigkeit – und desto instabiler das System im Krisenfall.
Und auch wenn jetzt manche Gegner der Tierhaltung sagen: „Brauchen wir ja nicht, wir ernähren uns pflanzlich.“
Auch die Grundstoffe einer vegetarischen oder veganen Ernährung entstehen in der Landwirtschaft – auf unseren Feldern, mit Maschinen, Wissen und viel Einsatz. Natürlich wird daran geforscht, Lebensmittel künftig in Bio-Hightech-Unternehmen herzustellen und es ist durchaus denkbar, dass in einer ferneren Zukunft Lebensmittel anders als heute erzeugt werden. Aber bis dahin bleibt die Landwirtschaft die Grundlage jeder Ernährung.
Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Bis dahin bleibt die landwirtschaftliche Erzeugung die Grundlage unserer Ernährung – für alle Ernährungsformen.
Fazit zur Systemrelevanz der Landwirtschaft
Gerade in Zeiten globaler Krisen, Kriege oder Extremwetter zeigt sich, wie wichtig regionale, resiliente Strukturen sind. Landwirtschaft ist nicht nur Lebensmittelproduktion, sie ist Versorgungsgrundlage – und sollte deshalb auch als solche anerkannt werden.
Wenn Energie, Wasser und Kommunikation geschützt werden, muss auch die Erzeugung unserer Nahrung dazugehören. Die Versorgung nach KRITIS-Vorgaben schützt damit nicht nur die Lebensmittelversorgung, sondern auch das Leben unzähliger Nutztiere.
Ohne sie nützt die beste Infrastruktur nichts.
Mein Fazit – Landwirtschaft ist systemrelevant
Diese Frage aus dem Reel von Maria Furtwängler hat mich seitdem nicht mehr losgelassen – und je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto klarer wurde mir:
Ja, Landwirtschaft gehört zur kritischen Infrastruktur.
Auch wenn sie auf dem Papier bisher nicht ausdrücklich dazugezählt wird, erfüllt sie doch genau das, was eine kritische Infrastruktur ausmacht:
Sie sichert die Versorgung, schützt Leben und hält das System am Laufen – jeden Tag, auch dann, wenn alles andere stillsteht.
Ohne Landwirte keine Rohstoffe, keine Lebensmittel, kein Vertrauen in Versorgungssicherheit.
Ohne Strom und Diesel kein Futter, keine Kühlung, keine Tierbetreuung.
Und ohne funktionierende Landwirtschaft keine stabile Gesellschaft.
Dabei geht es nicht nur um Milch, Fleisch oder Eier.
Auch die Grundstoffe einer pflanzlichen Ernährung – Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst, Ölsaaten – entstehen auf unseren Feldern und in unseren Betrieben.
Ganz gleich, wie jemand sich ernährt: Am Anfang steht immer die Landwirtschaft.
Und wenn wir über Zukunft und Krisenfestigkeit sprechen, gehört auch die Frage nach Nachhaltigkeit dazu.
Wie Landwirtschaft Ressourcen schont, Kreisläufe nutzt und Tierwohl mit Verantwortung verbindet, habe ich in meinem Artikel über die nachhaltige Nutztierhaltung ausführlicher beschrieben.
Landwirtschaft ist keine Randnotiz der Versorgung – sie ist ihr Fundament.
Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich das auch in den offiziellen Strukturen widerspiegelt.
Nicht, um Sonderrechte einzufordern, sondern um anzuerkennen, was längst Realität ist:
Wer das Land ernährt, gehört zur kritischen Infrastruktur. Punkt.


Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…