Nahaufnahme eines Traktors mit einem Mähwerk, der Gras auf einem Feld mäht, mit einem anderen Traktor im Hintergrund und einem kleinen Schuppen auf der rechten Seite.

Landwirtschaft in der Zukunft

Die Landwirtschaft ist in stetigem Wandel. Immer wieder hat sie sich den neuen Gesetzen, neuen Verbraucherwünschen, neuen Umweltbedingungen angepasst. Wie sie wohl in Zukunft aussehen mag? Hierzu ein paar Gedanken.

Meine Wunschvorstellung

Kleine Betriebe

In Zukunft wünsche ich mir eine Stärkung der kleinen und Familienbetriebe. Dafür müssen nicht nur Gesetze angepasst werden, auch der Gedanke „Wachsen oder Weichen“ – also entweder der Betrieb wird größer oder er wird aufgegeben – sollte meiner Meinung nach ad acta gelegt werden. Zurzeit haben viele landwirtschaftliche Betriebe nur so eine Überlebenschance. Da oftmals die erzielten Preise für die erzeugten Produkte niedrig sind, bleibt für den Landwirt die Verdienstmöglichkeit nur erhalten über die erzeugte Menge. Damit hat man dann aber die zu Recht oder zu Unrecht kritisierte intensiven Landwirtschaft mit all ihren Auswirkungen. Deswegen würde ich mir wieder die „kleinere“ Form der Landwirtschaft wünschen. Es ist zwar nicht allgemeingültig, dass groß schlecht und klein gut ist, aber ich sehe schon Vorteile in einer kleinteiligen Landwirtschaft. Es stellt sich natürlich dann die Frage, ob in der hiesigen Landwirtschaft genug produziert wird, um den Bedarf in Deutschland zu decken. Nicht, dass wir hier wieder ein bisschen heile Welt haben und unsere Probleme einfach auslagern. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Subventionen

Um kleinen Betrieben eine Zukunft zu schaffen, müssten meiner Meinung nach die Subventionen nach anderen Gesichtspunkten verteilt werden. Im Moment wird sie nach der Fläche berechnet. Betriebe oder Eigentümer von viel landwirtschaftlicher Fläche bekommen viele Subventionen, kleine Betriebe dagegen demnach viel weniger. Das könnte in Zukunft anders verteilt werden, indem andere Gesichtspunkte wie Nachhaltigkeit, ergriffene Umweltmaßnahmen (werden jetzt schon teilweise unterstützt), besondere Tierhaltung oder auch die familiengeführten Betriebe weiter in den Fokus rücken. Damit würde schon dem Wachsen-oder-Weichen-Prinzip entgegengewirkt.

Besserer Rückhalt in der Gesellschaft

Ich denke auch, dass es durch so eine Form der Landwirtschaft wieder mehr Anerkennung in der Bevölkerung gibt. Es werden immer mehr Forderungen an Tierhaltung und den Ackerbau an die Landwirte herangetragen. Sei es die artgerechtere Tierhaltung oder den reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder weniger intensiv genutzte Ackerflächen. Dazu sind die meisten Landwirte meiner Meinung nach auch bereit, nur wollen sie die dadurch entstehenden Kosten bzw. die dadurch entstehenden geringeren Einnahmen nicht alleine tragen. Wenn etwas für das Allgemeinwohl getan wird, muss das auch wertgeschätzt werden. Das könnte einerseits durch höhere Erzeugerpreise, wie zum Beispiel bei Bio, oder aber in Ausgleichszahlungen in anderer Form geschehen.

Kleinere Äcker – kleinere Maschinen

Wenn die Betriebe wieder kleiner werden oder klein bleiben, werden die Äcker vielleicht auch wieder kleiner und es bleibt mehr Platz für naturnahe Rückzugsorte für die Tier- und Pflanzenwelt. Wenn ich mir manche Ackerflächen anschaue – bei uns in der Gegend eher die Ausnahme – dann glaube ich, dass man die Biodiversität mit kleineren Ackerflächen, die zum Beispiel von Hecken oder Baumreihen oder Gräben umgeben sind, viel einfacher unterstützen kann. Auch die Maschinen müssten nicht immer größer werden. Große, schwere Maschinen verdichten bei der Bearbeitung den Boden. Im Moment sind die Maschinen so groß, um viel Fläche in kurzer Zeit zu bearbeiten – denn auch hier zählt: Zeit ist Geld. Vielleicht können die Maschinen wieder kleiner werden, aber dafür smarter?

Also im Prinzip back to the roots – das ist meine Sicht der Dinge. Ich würde mich freuen, wenn der Trend in diese Richtung ginge und man trotzdem ein Einkommen damit erzielen kann, das zu einem ausreichenden Lebensstil befähigt.

Meine Wünsche an die Verbraucher

Einkaufsverhalten

Der Verbraucher sollte wieder mehr Bezug zu den Lebensmitteln bekommen. Oft hat man den Eindruck, vielen Menschen ist es egal, wie Lebensmittel erzeugt werden und woher sie kommen. Mittlerweile leben wir mit so einer Fülle an Lebensmitteln, die dazu auch noch jederzeit verfügbar sind, dass sich viele keine Gedanken über die Herkunft machen. Und wenn man dann noch sieht, wie viel davon in der Mülltonne landet, kommt mir das kalte Grausen. Laut dem BMEL werden jährlich 78 kg Lebensmittel pro Person weggeschmissen. Die Lebensmittel werden nicht nur weggeworfen, weil sie verdorben waren, sondern weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Der Handel darf solche Lebensmittel nicht mehr in den Verkehr bringen. Dabei bedeutet Mindesthaltbarkeit, dass das Lebensmittel bis zu diesem Zeitpunkt bei korrekter Lagerung seine spezifischen Eigenschaften beibehalten muss. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass diese Lebensmittel diese Eigenschaften durchaus auch länger behalten. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Wegwerfdatum! Jede*r von uns sollte sich auf seine Sinne verlassen und selbst prüfen (Geruch, Aussehen, Geschmack), ob das Lebensmittel noch genießbar ist. Das würde schon zu einer geringeren Wegwerfrate führen.

Muss es immer perfekt sein?

Auch das Einkaufverhalten darf sich gerne ändern. In den Obst- und Gemüseabteilungen finden sich oft nur perfekt aussehende Produkte. Ist der Apfel mit einer kleinen Druckstelle oder die krumme Gurke weniger wert? Wie sollen Landwirte ausschließlich perfekt aussehende Produkte erzeugen? Auch hier wird schon vieles aussortiert, was sich nicht vermarkten lässt. Man sollte wieder zu einer realistischen Planung kommen und sich Gedanken machen, ob man die Sachen, die man kauft, auch wirklich verzehren wird/kann, bevor sie verderben.

Mahlzeiten selber zubereiten

Selbst kochen und die Zutaten selbst auswählen. Das ist nicht nur gesünder, sondern vermittelt auch wieder Wissen über die regionalen und saisonalen Produkte. Überhaupt sollte die Ernährung sich an den regionalen und saisonalen Produkten orientieren. Die „exotische“ Frucht darf natürlich auch auf den Tisch, aber Erdbeeren im Winter muss meiner Meinung nach nicht sein.

Wenn sich wieder mehr Menschen mit ihren Lebensmitteln auseinandersetzen und sich über die Erzeugung Gedanken machen, erfahren diese Dinge auch automatisch mehr Wertschätzung.

Meine Wünsche an die Politik

Dieses Kapitel ist am schwierigsten für mich. Die Landwirtschaft ist so vielfältig, dass eine Gesetzgebung für alle wirklich schwer realisierbar ist. Aber statt immer neue Gesetze auf den Weg zu bringen, die einen unüberschaubaren Bürokratismus mit sich bringen, sollte lieber versucht werden, mehr Freiräume zu schaffen. Die Landwirte haben eine mehrjährige Ausbildung, manche sogar ein Studium der Landwirtschaft, aber trotzdem wird den Landwirten nicht zugetraut, ihre Arbeit danach zu verrichten. Wie es beim Fußball 80 Millionen Bundestrainer gibt, hat man das Gefühl, in puncto Landwirtschaft wissen es auch viele besser. Das nervt kolossal.

Langfristige Denkweise

Wenn eine Partei an die Macht kommt, werden oft Gesetze auf den Weg gebracht, die Aktionismus zur Grundlage haben. Es müsste einfach mal langfristiger gedacht werden. Zum Beispiel beim Nitrat im Boden. Die Gesetze werden im Jahrestakt verschärft, aber bis die Maßnahmen wirksam werden und sich in den Werten zeigen, dauert es manchmal seine Zeit. Oft sind die Grundlagen für manche Verschärfungen gar nicht plausibel oder müssten genauer erklärt werden. Dazu habe ich auch in meinem Artikel „Warum die Bauern demonstrieren„ geschrieben.

Einbeziehung der Landwirte

In der Politik wird oft über Maßnahmen in der Landwirtschaft entschieden, ohne die Meinung der Landwirte dazu anzuhören. Es wird nach ihrer Meinung vieles über ihre Köpfe hinweg entschieden und dann werden sie gezwungen, diese Dinge umzusetzen – egal, ob sie ihrer Meinung nach sinnvoll sind oder nicht. Das ist in anderen Bereichen sicherlich auch so. Die Politiker sollten wieder mehr den Gruppen zuhören, die von ihren Gesetzen betroffen sind. In Niedersachsen gibt es den sogenannten Niedersächsischen Weg, der das versucht. Alle betroffenen Gruppen an einen Tisch zu setzen und nach Kompromissen zu suchen, mit denen jede Gruppe leben kann. Das wünsche ich mir von der Politik. Und nicht das Fähnchen nach dem Wind hängen oder sich an den größten Wählergruppen orientieren, sondern Politik für alle. Wie genau das umgesetzt werden kann, weiß ich allerdings auch nicht. Aber hier geht es um Wünsche und Visionen.

Bürokratieabbau

Der Bürokratieabbau ist in allen Branchen ein Thema, so auch in der Landwirtschaft. Der gläserne Hof – so kommt es einem vor. Was alles dokumentiert werden muss, ist der helle Wahnsinn. Man verbringt mittlerweile die Hälfte der Arbeitszeit im Büro, hier wird teilweise das Geld verdient. Denn stimmt mit der Dokumentation etwas nicht, gibt es später Abzüge bei den Subventionen. Ein Beispiel: Bis zum Frühjahr muss in einem Antrag dokumentiert werden, auf welcher Fläche welche Frucht angebaut wird. Spielt das Wetter im Frühjahr nicht mit und man entscheidet sich daraufhin für eine andere Frucht, muss das sofort gemeldet werden. Die Äcker werden mit Satellitenaufnahmen überwacht und die Behörde erkennt genau, ob es die angegebene Frucht ist oder nicht. Bei Zweifeln muss der Landwirt dann mit Fotos nachweisen, dass er antragskonform angebaut hat.

Wissenschaftsbasierte Gesetze

Auch andere Fristen, die eingehalten werden müssen, sind nicht immer nachvollziehbar. In den letzten Jahren musste der Mais im September geerntet sein, weil auf den Flächen für das Greening – also zum Beispiel werden Zwischenfrüchte wie Senf, Raps oder Leguminosen nach der Hauptkultur angebaut, um den Boden zu verbessern, Nährstoffe zu binden und Erosion zu verhindern – bis zum ersten Oktober eingesät sein musste. Wenn der Mais aber witterungsbedingt erst später gelegt werden konnte, passte dieser Erntetermin gar nicht. Das meinte ich, mit nicht zu Ende gedacht. Greening-Maßnahmen sind durchaus sinnvoll, damit Äcker auch im Winter bewachsen sind, aber den Zeitpunkt der Aussaat dermaßen festzulegen ist meiner Meinung nach Irrsinn. Der Landwirt muss praktisch wider besseres Wissen handeln, um Gesetze einzuhalten.

Was sind deine Wünsche an die Landwirtschaft der Zukunft? Was erwartest du und welche Forderungen müssten deiner Meinung nach auf jeden Fall umgesetzt werden? Schreibe es gerne in die Kommentare, ich bin gespannt!

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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