In der Rinderzucht wird üblicherweise künstlich besamt. Das hat mit der Zuchtauswahl zu tun, die bei der künstlichen Besamung viel größer ist, mit der Hygiene und mit der Haltung von Zuchtbullen, die nicht ungefährlich ist. In diesem Artikel werde ich auf die Aspekte näher eingehen.
Auswahl an Zuchtbullen
Wenn man einen eigenen Zuchtbullen hält, hat man natürlich auf nur sein Vererbungspotenzial. In der modernen Rinderzucht gibt es allerdings die Möglichkeit, aus einem ganzen Pool von Zuchtbullen auszuwählen. Bei der künstlichen Besamung kann der Landwirt für jede einzelne Kuh oder das einzelne Rind den optimal passenden Bullen auswählen. Dazu gibt es von jedem Bullen im Angebot eine Seite im Katalog, in dem sein Vererbungspotenzial aufgelistet ist.
Ein Relativer Zuchtwert von 100 ist Durchschnitt. An den Zahlen kann man dann erkennen, ob der Bulle die Eigenschaft über- oder unterdurchschnittlich gut vererbt.
Die Abkürzungen und ihre Bedeutung:
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- RZG (Gesamtzuchtwert): Der Gesamtzuchtwert (RZG) umfasst alle wirtschaftlich relevanten Merkmale gemäß ihrer Gewichtung im Zuchtziel. Dazu gehören Milchleistung, funktionale Nutzungsdauer, Gesundheit, Exterieur und Töchterfruchtbarkeit.
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- RZM (Milchleistung): Der RZM ist der mittlere Zuchtwert aus den Laktationen 1, 2 und 3. Er berücksichtigt das Verhältnis von Eiweiß- und Fettmenge in der Milch.
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- RZN (Funktionale Nutzungsdauer): Die RZN beschreibt die genetisch bedingte Vitalität, Gesundheit, Robustheit und Fruchtbarkeit einer Kuh. Sie ist ein wichtiger Indikator für die Lebensdauer einer Kuh.
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- RZE (Exterieur): Der RZE basiert auf der linearen Beschreibung und Bewertung von Kühen in der ersten Laktation. Er bewertet das äußere Erscheinungsbild und die Körperstruktur der Tiere.
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- RZR (Töchterfruchtbarkeit): Hier werden Zuchtwerte für verschiedene weibliche Fruchtbarkeitsmerkmale geschätzt, z. B. Zyklusbeginn, Konzeption und Überlebensrate von Kälbern und Jungtieren.
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- RZGesund: Der Zuchtwert RZGesund umfasst verschiedene Gesundheitsmerkmale in der deutschen Holsteinzucht. Die wichtigsten Merkmale sind der RZEuterfit, der RZKlaue, der RZRepro und RZMetabol. Es werden aber je nach Zuchtverband noch andere Merkmale in diesem Zuchtwert zusammengefasst.
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- RZEuterfit: Hier werden Merkmale zu klinischer (also sichtbarer) Mastitis (Euterentzündung) und subklinischer (also nicht offensichtlicher) Mastitis zusammengefasst.
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- RZKlaue: Dieser Zuchtwert ist mit der Klauengesundheit verbunden. Er kombiniert sechs wichtige Klauenerkrankungen (Dermatitis Digitalis (Mortellaro), Klauengeschwüre, Panaritium, Weiße Linie Defekte, Klauenrehe und Limax (Zwischenklauenwulst)).
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- RZRepro: Dieser Zuchtwert bezieht sich auf die Gesundheit des Fortpflanzungstraktes.
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- RZMetabol: Dieser Zuchtwert berücksichtigt Stoffwechselerkrankungen wie Labmagenverlagerung, Milchfieber und Ketose.
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- RZKälberfit: Der Zuchtwert RZKälberfit beschreibt die genetisch bedingte Fähigkeit von Kälbern, die Aufzuchtperiode vom 2. Lebenstag bis zum Alter von 15 Monaten zu überleben. Hohe Werte bedeuten dabei weniger Kälberverluste.
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- DDControl: Der Zuchtwert DDControl kennzeichnet deutsche Holsteinbullen, die eine besonders hohe Resistenz gegen die Mortellaro-Erkrankung an ihre Nachkommen weitergeben. Diese Erkrankung, auch als Dermatitis Digitalis (DD) bekannt, ist eine Faktorenerkrankung. Obwohl die Haltungsumwelt den größten Einfluss auf das Auftreten von DD hat, gibt es auch eine erblich vermittelte Resistenz
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- RZS (Zellzahl): Der Zuchtwert RZS bezieht sich auf die somatische Zellzahl bei Rindern. Dieser Wert ist ein wichtiger Indikator für die Eutergesundheit. Die somatische Zellzahl ist ein Maß für die Anzahl der Zellen in der Milch, die auf eine Entzündung im Euter hinweisen. Höhere Zellzahlen können auf Mastitis (Euterentzündung) hindeuten. Dieser Zuchtwert bezieht sich speziell auf die Verbesserung der Eutergesundheit durch die Reduzierung der somatischen Zellzahl.
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- RZD (Melkbarkeit): Dieser Zuchtwert umfasst die Milchflussrate (gemessen in Kilogramm pro Minute), aber auch die subjektive Einschätzung des Besitzers fließt hier mit rein. Ein zu niedriger Milchfluss ist unerwünscht, da er die Melkroutine behindern kann.
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- RZKd: Dieser Zuchtwert beschreibt die Leichtkalbigkeit.
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- RZKm: Dieser Zuchtwert beschreibt ebenfalls die Leichtkalbigkeit, und zwar von der Mutter ausgehend (maternal)
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- RZPersistenz: Der neue Zuchtwert RZPersistenz beschreibt das Durchhaltevermögen der Milchleistung in der Laktation. Das bedeutet, die Persistenz spiegelt wider, wie gut die Milchkühe ihre Milchleistung im Laufe der Laktation nach dem Peak aufrechterhalten können.
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- RZRobot: Der Zuchtwert RZRobot ist ein wichtiger Indikator für Betriebe mit automatischen Melksystemen (AMS). Er fasst verschiedene Merkmale zusammen, die bei der Bullenauswahl in AMS-Betrieben eine besondere Bedeutung haben. Hier sind die Hauptmerkmale, die in den RZRobot einfließen: Neben der Melkbarkeit und der Eutergesundheit ist die Strichlänge und die Strichplatzierung hinten ein wichtiges Kriterium. Die Striche dürfen nicht zu kurz und hinten nicht zu eng sein. Diese beiden Kriterien sind wichtig, damit die Zitzen vom AMS erkannt werden können und genügend Abstand zueinander aufweisen, wodurch ein fehlerfreies Ansetzen des Melkzeuges gelingen kann. Kühe mit guten Klauen gehen deutlich öfter zum Melken und bereiten weniger Arbeit bei der Klauenpflege. Somit ist der Fundament-ZW ebenfalls Bestandteil beim RZRobot. Auch der Zuchtwert für das Euter ist wichtig, da gerade hier auch die Euterform stark zum guten Ansetzverhalten des Roboters beitragen kann. Der RZRobot kombiniert diese Merkmale, um einen umfassenden Zuchtwert für die Tauglichkeit im automatischen Melksystem zu liefern.
Früher wurden vielversprechende Bullen als sogenannte Testbullen eingesetzt. Sie mussten also erst ein bestimmtes Alter erreichen, dann wurde Sperma von ihnen gewonnen und bei Kühen eingesetzt. Anschließend musste man warten, bis die ersten Kälber aus dieser Besamung selber abgekalbt hatten. Dann wurden sie beurteilt, um zu sehen, was für Eigenschaften der Bulle vererbt. Hier gab es natürlich große Unsicherheiten und nach einigen Jahren konnte sich dann herausstellen, dass der Bulle für den Zuchteinsatz nicht geeignet ist.
Mittlerweile werden sowohl weibliche Kälber als auch männliche Kälber aus einer bestimmten Anpaarung genomisch getestet. Das bedeutet, dass schon für das Kalb – mit zwar unterschiedlichen Sicherheiten – feststeht, welche Eigenschaften es haben wird. Wir lassen zum Beispiel alle weiblichen Kälber testen und suchen danach die Bullen für die Besamung als Rind aus. Das wird auch mit vielversprechenden Bullkälbern gemacht, sodass die teure Aufzucht und der Einsatz als Testbulle für die Zuchtorganisation wegfällt. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass schnell neue Bullen im Programm erscheinen – das Ganze ist viel schnelllebiger geworden.
Wenn bei uns eine Kuh bullt, d. h. besamt werden kann, rufen wir den Besamungstechniker an, der dann im Laufe des Tages vorbeikommt. Er hat dann sehr viele Bullen als tiefgefrorene Spermaportionen in seinem Auto dabei. Man lässt vorher seine Kühe und Rinder beurteilen, um zu sehen, wo noch „Verbesserungsbedarf“ herrscht und sucht danach einen Bullen aus. Der Besamungstechniker nimmt dann eine Portion dieses Bullen aus dem Kessel, der mit flüssigem Stickstoff gefüllt ist und in dem die Portionen tiefgefroren lagern. Die Portion wird aufgetaut und in eine Besamungspipette eingeführt. Diese Spermaportion wird dann vom Besamungstechniker direkt in die Gebärmutter eingebracht. Damit ist die Kuh besamt und 21 bis 24 Tage später weiß man, ob es geklappt hat.
Die Spermaportionen bei der künstlichen Besamung sind viel kleiner als beim Natursprung, also wenn der Bulle die Kuh deckt. Aus einem Ejakulat eines Bullen können zwischen 100 und 1000 Portionen hergestellt werden. Genaueres dazu findest du in meinem Artikel zum Reproduktionszyklus der Kuh.
Die Hygiene
Ein weiterer Vorteil der künstlichen Besamung ist die Hygiene. Beim Deckbullen herrscht gar keine Hygiene und so können mögliche Krankheitserreger von einer Kuh auf die nächste übertragen werden. Wie auch beim Menschen gibt es ansteckende Krankheiten, die beim Geschlechtsakt übertragen werden. Dieses Risiko wird bei der künstlichen Besamung minimiert. Der Besamungstechniker benutzt für jede Kuh eine neue Pipette mit einer neuen Plastikhülle. So können Krankheitserreger nicht von Kuh zu Kuh verbracht werden. Man muss aber trotzdem sauber arbeiten, denn die Spermaportion wird direkt in die Gebärmutter eingebracht. Hier darf natürlich kein Dreck oder Kot an der Pipette haften, der dann auch in die Gebärmutter gebracht werden würde und zu einer Gebärmutterentzündung führen könnte. Dazu wird der Bereich der Schamlippen trocken mit einem Papiertuch gereinigt. Zum Einführen der Pipette werden dann die Schamlippen etwas gespreizt und die Besamungspipette eingeführt. Der Deckbulle ist ein sogenannter Scheidenbesamer. Das bedeutet, er deponiert das Ejakulat in der Scheide und die Spermien müssen dann den Weg über den Gebärmutterhals in die Gebärmutter finden.
Haltung von Zuchtbullen
Die Haltung von Zuchtbullen ist nicht ohne Risiko. Es passieren immer wieder Unfälle im Umgang mit Bullen, von denen einige auch tödlich enden. Laut einer Statistik der SVLFG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau) ereigneten sich im Jahr 2020 5000 Unfälle bei der Arbeit mit Rindern, sechs davon tödlich. Bullen verursachten knapp 400 Unfälle, von denen zwei tödlich endeten. Bullen, die in einer Milchkuhherde frei mitlaufen, stellen ein besonders großes Risiko dar. Sie verteidigen ihre „Frauen“ zum Beispiel gegen andere Personen im Stall, die etwas von ihren „Frauen“ möchten. Auch beim Deckakt muss man sehr aufpassen, da der Bulle dann vollends mit der Bedeckung der Kuh beschäftigt ist und keine Rücksicht auf seine nähere Umgebung nimmt.
Wenn man einen Deckbullen halten möchte, sollte der auf jeden Fall separat untergebracht werden. Der Stall sollte so beschaffen sein, dass möglichst wenig direkter Kontakt nötig ist. Die brünstige Kuh wird dann zum Bullen und nach erfolgter Bedeckung wieder in den Kuhstall gebracht.
Fazit
Die künstliche Besamung ist dem Einsatz eines Deckbullen vorzuziehen. Bei Kühen, die auch nach mehrmaliger künstlicher Besamung nicht tragend werden wollen, kann der Einsatz eines Bullen sinnvoll sein. Allerdings nur für diese Situation einen eigenen Deckbullen zu halten, finde ich wegen des Risikos nicht praktikabel. Hinzu kommt, dass man bei der künstlichen Besamung den Besamungszeitpunkt genau weiß. Dementsprechend kann man die weitere Laktation und unter anderem das Trockenstellen der Kuh genau planen. Einen besonders großen Vorteil der künstlichen Besamung sehe ich in der Auswahl von verschiedenen Bullen. Durch die künstliche Besamung hat man die Möglichkeit, gezielt und individuell einen Bullen für die jeweilige Anpaarung auszusuchen. Beim Deckbullen hat man nur einen Vererber zur Verfügung und weiß oft auch nicht genau, welche Eigenschaften er vererbt. Aus diesen Gründen haben wir uns in unserem Betrieb ausschließlich für die künstliche Besamung entschieden.
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Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…