Nahaufnahme von zwei Kuhhufen, die in einer Mischung aus Erde und Stroh auf dem Boden stehen.

Klauengesundheit bei Milchkühen – der umfassende Praxisleitfaden

Die Klauengesundheit bei Kühen wird immer noch stiefmütterlich behandelt. Selbst in den besten Betrieben gibt es Kühe, die Klauenprobleme haben. Dies bedeutet, dass sich so gut wie jeder Milchkuhbetrieb in dieser Hinsicht verbessern kann. 90 % aller Lahmheiten beim Rind sind auf Klauenprobleme zurückzuführen.

Die Inhalte dieses Blogartikels


Warum Klauengesundheit betriebsentscheidend ist

Klauengesundheit ist kein Detailthema, sondern ein sehr starker Faktor für Tierwohl und Wirtschaftlichkeit. Lahmheiten wirken oft schleichend: Schon leichte Schmerzen verändern das Verhalten, die Tiere fressen weniger, ruhen unruhiger und fallen in der Herde zurück. Die Folgen sind reale Leistungseinbußen, Fruchtbarkeitsprobleme und am Ende eine kürzere Nutzungsdauer – selbst wenn im Alltag „nichts Dramatisches“ zu sein scheint.


Tierwohl, Leistung, Langlebigkeit

Eine Kuh mit Klauenproblemen leidet oft über längere Zeit unter erheblichen Schmerzen. Die Erhaltung der Klauengesundheit ist daher ein tierschutzrelevantes Anliegen. Weil Lahmheiten besonders häufig in den ersten Monaten nach dem Abkalben auftreten – also in der Phase maximaler Milchleistung – ist es zugleich aus betriebswirtschaftlicher Sicht dringend, sich dem Thema konsequent zu widmen. Lahme Kühe liegen mehr, fressen weniger und geben entsprechend weniger Milch. Müssen zur Therapie zusätzlich Antibiotika eingesetzt werden, geht während der Wartezeit weitere Milch verloren.

Eine der auffälligsten Folgen ist die schnelle Abmagerung. Nach Behebung des Klauenproblems muss die Kuh mit zusätzlichem Futter wieder angefüttert werden; geschieht das nicht konsequent, bleibt die Leistung häufig über einen längeren Zeitraum vermindert.

Auch die Fruchtbarkeit leidet. Lahme Kühe zeigen schwächere oder ausbleibende Brunstzeichen, werden später belegt, haben mehr Tage offen und damit verlängerte Zwischenkalbezeiten. Durch unsicheres Aufstehen und häufiges Liegen steigt zudem das Risiko für Euterentzündungen und Zitzenverletzungen.

All diese Folgewirkungen erhöhen letztlich das Abgangsrisiko. Chronische Klauenprobleme führen häufiger zu vorzeitigem Ausscheiden; die notwendige Remontierung verursacht zusätzliche Kosten und verjüngt die Herde, deren jüngere Tiere die Leistung und Stabilität erfahrener Kühe oft erst zeitverzögert erreichen. Lahmheiten sind mit 10 – 15 % nach der Fruchtbarkeit und der Eutergesundheit die dritthäufigste Abgangsursache bei Milchkühen.


Kosten von Lahmheit (versteckte Verluste)

Die größten Verluste entstehen jedoch im Verborgenen. Neben direkten Ausgaben für Behandlung, Verbandmaterial, Medikamente, Arbeitszeit und ggf. verworfene Milch während Wartezeiten wiegen die indirekten Effekte meist schwerer: weniger Milch über mehrere Wochen, zusätzliche Besamungen, mehr Tage offen sowie ein erhöhtes Mastitis- und Abgangsrisiko. Hinzu kommen Opportunitätskosten – verpasste Leistungsspitzen, schlechtere Auslastung von Boxen und Technik und damit höhere Fixkosten je Kilogramm Milch.

Eine Milchkuh, die weniger frisst, gibt weniger Milch. Schon ein leicht abnormer Gang (Lahmheitsscore 3) kostet im Mittel etwa 5 % Leistung; bei LS 4 sind es rund 17 %, und bei LS 5 – wenn die Kuh faktisch auf drei Beinen läuft – bis zu 36 %. Zusätzlich fallen Remontierungs- und Tierarztkosten an, häufig steigt der Antibiotikaverbrauch, und es entsteht mehr Arbeit im Alltag. Eine Schweizer Studie beziffert die Kosten je Lahmheitsfall – je nach Berechnung – auf 250 bis 900 CHF (umgerechnet je nach Kurs grob ≈ 260–920 €).

Für eine betriebliche Grobschätzung addierst du schlicht: Arbeitszeit × Stundensatz, Material/Medikamente, verworfene Milch, den geschätzten Milchverlust der nächsten 4–8 Wochen × Milchpreis, zusätzliche Tage offen × deinen Kostensatz pro Tag sowie – falls realistisch – das Abgangsrisiko × Remontierungskosten. Diese einfache Überschlagsrechnung zeigt schnell, warum konsequente Vorbeuge und frühe Behandlung sich rechnen.


Anatomie der Klaue

An jedem Fuß des Rindes lassen sich zwei Hauptklauen und zwei deutlich kleinere Afterklauen unterscheiden. Die Afterklauen sind rudimentäre Überreste zusätzlicher Zehen. Sie tragen beim normalen Auffußen keine Last, ihr Horn ist weicher und weniger widerstandsfähig als das der Hauptklauen. Klinisch relevant werden sie vor allem bei Verletzungen oder Quetschungen, während sie in der Klauenpflege gelegentlich als Orientierungspunkte dienen.

Die Rinderklaue besteht aus der Hornkapsel (Hornwand, weiße Linie, Sohle und Trachten/Ballen) mit dem Kronrand als Wachstumszone und der empfindlichen Lederhaut (Corium) darunter. Am Kronrand wird kontinuierlich neues Horn gebildet, das etwa 5 mm pro Monat wächst. In der Klaue liegen das Klauenbein (P3), die tiefe Beugesehne mit ihrem Ansatz am Klauenbein, das Endgelenk sowie das polsternde Fett- bzw. Digitalpolster. Horn schützt und trägt, die Lederhaut ernährt das Horn und reagiert auf Druck und Entzündung, während das Digitalpolster Stöße dämpft und die Last verteilt.

Eine detaillierte Übersicht zur Anatomie der Rinderklaue findest du hier:

Die zentralen Stützteile

Die zentralen Stützteile bestehen aus Klauenbein, dem unteren Teil des Kronbeins sowie einem kleinen Knochen, der die Hinterwand des Klauengelenkes bildet und ein Gleitlager für die tiefe Beugesehne darstellt, das Sesambein. Beim Pferd heißt dieser vergleichbare Knochen Strahlbein. Ebenfalls zu den zentralen Stützteilen gehören die Sehnen (Streck- und Beugesehnen) und Bänder sowie das Klauengelenk.

Unterhaut und Lederhaut

Unterhaut (Subcutis) und Lederhaut (Corium) bestehen aus Bindegewebe, sind stark durchblutet und dicht mit Nerven versorgt – entsprechend sind sie sehr schmerzempfindlich. Schmerzen entstehen immer dann, wenn diese Schichten durch mechanische Belastung (Druck, Scherkräfte) oder durch Infektionen gereizt werden. Die Unterhaut übernimmt vor allem eine polsternde Funktion. Unterhautpolster liegen u. a. am Kronrand, wo sie den Übergang von behaarter Haut zur relativ starren Hornkapsel abfedern. Das größte Polster findet sich im Bereich des Ballen und dient der federnden Dämpfung der Belastung beim Auffußen; es verteilt Lastspitzen und schützt so die empfindliche Lederhaut.

Die Lederhaut hat zwei Kernaufgaben: Sie verankert die Oberhaut beziehungsweise die Hornkapsel mechanisch fest und versorgt die Oberhaut, die selbst keine Blutgefäße besitzt. Damit beides zuverlässig funktioniert, braucht die Lederhaut eine große Kontaktfläche zur Oberhaut. Diese Oberflächenvergrößerung entsteht durch Papillen (Zotten) – insbesondere im Bereich von Sohle und Ballen – sowie durch Lamellen (Lederhautblättchen) an der Hornwand. Papillen und Lamellen verzahnen Lederhaut und Oberhaut wie Klett, verbessern die Nährstoffversorgung der hornbildenden Zellen und stabilisieren die Verbindung zwischen lebendem Gewebe und Hornkapsel. Die Zellen der Lederhaut sind hoch stoffwechselaktiv und reagieren empfindlich auf die Zufuhr von Nährstoffen, den Abtransport von Stoffwechselprodukten sowie auf toxische Einflüsse.

Oberhaut und ihr Hornschuh

In der Oberhaut teilen sich vor allem die Zellen der Keimschicht (Basal- und Stachelzellschicht). Mit der Verhornung (Keratinisierung) lagern sie Keratinfilamente ein, werden nach oben geschoben, sterben schließlich ab und werden zu Hornzellen (Korneozyten). Die Keratinfilamente geben den Zellen innere Stabilität, der „Zwischenzellkitt“ aus Lipiden und Korneodesmosomen verbindet sie fest miteinander und sorgt für den Zusammenhalt der Hornschicht. Obwohl Hornzellen tot sind, müssen sie über Monate belastbar bleiben – vom Bildungsort bis zum Tragrand bzw. zur Sohlenfläche, wo sie schließlich abgerieben, abgeschnitten oder abgeschliffen werden. Neues Horn entsteht ausschließlich durch Zellteilung in der Keimschicht (insbesondere am Kronrand und in der Sohlenregion). Entscheidend ist daher, dass während Bildung und Reifung strapazierfähiges, zugleich ausreichend elastisches Horn entsteht – nur dann hält es den mechanischen Belastungen dauerhaft stand.

Röhrchenhorn

Das Horn der Klaue ist überwiegend als Röhrchenhorn aufgebaut. Es besteht aus Hornröhrchen und dem dazwischenliegenden Zwischenröhrchenhorn. Die Röhrchen sind – vergleichbar mit technischen Rohren – zu einer sehr druck- und biegefesten Konstruktion angeordnet. Mikroskopisch feine Hornröhrchen verlaufen in der Regel von oben nach unten.

Gebildet werden die Hornröhrchen von den Zellen der Keimschicht der Oberhaut über den Lederhautzotten; das Zwischenröhrchenhorn entsteht aus den Oberhautzellen zwischen den Zotten. Die Röhrchenrinde, die den zentralen Röhrchenhohlraum umschließt, ist der tragfähigste Teil des Horns und verleiht der Klaue einen großen Teil ihrer mechanischen Stabilität.

Hinweis für die Praxis: Diese faser-/röhrenartige Architektur erklärt die hohe Belastbarkeit längs der Röhrchen – quer dazu ist Horn jedoch empfindlicher gegenüber Scherkräften und Unterwanderungen.


Die verschiedenen Klauenregionen

Nicht nur das Horn, auch die darunterliegenden Gewebe der Klaue – Keimschicht der Oberhaut, Lederhaut und Unterhaut – weisen deutliche regionale Besonderheiten auf. Daher teilt man die Klaue in funktionelle Regionen (Segmente) ein. Jedes Segment umfasst Oberhaut (mit Keimschicht) und Lederhaut; wo zusätzliche Dämpfung nötig ist, kommt eine polsternde Unterhaut hinzu. Diese regionale Spezialisierung erklärt Unterschiede in Belastbarkeit, Schmerzempfindlichkeit und Anfälligkeit für Erkrankungen zwischen Hornwand, weißer Linie, Sohle, Trachten/Ballen und Kronrand.

Vorne und an der Seite der Klaue findet man von oben nach unten das Saumsegment, das Kronsegment und das Wandsegment, die zusammen die Hornwand bilden.

Saumsegment

Das Saumsegment bildet ein weiches, feuchtes Horn (Saumhorn/Periopel), das die Hornwand im Bereich der oberen etwa zwei Zentimeter als dünner äußerer Überzug bedeckt. Weiter distal nutzt es sich ab und ist nicht mehr sichtbar. Es schützt die Hornwand vor Austrocknung und bildet den sanften Übergang vom Kronrand zur Hornkapsel.

Kronsegment

Die Lederhaut des Kronsegments liegt auf einem flachen, breiten Polster der Unterhaut, dem Kronwulst. Die dazugehörige Oberhaut bildet das Kronhorn – das härteste und belastungsfähigste Horn der Klaue. In seinen Außen- und Mittelzonen enthält es etwa 80 Hornröhrchen pro mm² Querschnittsfläche und damit besonders viele Trageelemente pro Fläche. Das erklärt die hohe Druck- und Biegefestigkeit der Hornwand im Kronbereich.

Wandsegment

Das Wandsegment ist beim Rind nur in der unteren Hälfte der Klaue ausgebildet. Kennzeichnend sind die Lederhautblättchen (Lamellen); zwischen ihnen liegen die Hornblättchen, die am Übergang vom Kron- ins Wandsegment gebildet werden und von oben nach unten wachsen. Diese Hornblättchen müssen fest mit den weichen Lederhautblättchen verzahnt sein, denn über diese Verbindung ist der innere Teil der Hornkapsel mechanisch aufgehängt und stabilisiert.

Hornwand

Das Horn von Saum-, Kron- und Wandsegment bildet gemeinsam die Hornwand, wobei das Kronhorn den größten und mechanisch wichtigsten Anteil ausmacht. An der Hornwand unterscheidet man den Zehenteil (Klauenrücken) an der Vorderseite mit seiner deutlichen Krümmung sowie die Seitenteile. Der große Seitenteil zieht an der Außenklaue außen bzw. an der Innenklaue innen weit nach hinten. Im Bereich des Zwischenklauenspalt(es) sind die Seitenteile dagegen deutlich kürzer; sie liegen nur in der vorderen Klauenhälfte und grenzen dort bereits an den Zwischenzehenteil des Ballens. Nach oben wird die Hornwand durch den Kronrand gegen die behaarte Haut abgegrenzt, nach unten endet sie im Tragrand, der einen wesentlichen Teil der Körperlast aufnimmt.

Weisse Linie

Das Horn der Weißen Linie bildet die Naht zwischen Sohlenhorn und Wandhorn. Im Vergleich zum harten Röhrchenhorn des Kronhorns ist es deutlich weicher (elastischer). Die Weiße Linie besteht ausschließlich aus Horn und erscheint auf der Sohlenfläche als schmaler, heller Streifen.

Sohlensegment

Das Sohlensegment bildet auf der Fußungsfläche einen schmalen Streifen, der sich innen unmittelbar an die Weiße Linie anschließt. Sein Horn ist erneut Röhrchenhorn; eine Unterhaut ist im Sohlensegment nicht ausgebildet.

Ballensegment

Das Ballensegment zeichnet sich durch eine deutliche Polsterung der Unterhaut aus. Am vorderen Ballenteil ist das Horn vergleichsweise hart und die Oberfläche leicht nach oben gewölbt. Dieser Abschnitt wird in der Umgangssprache häufig noch der Sohle zugerechnet und daher ebenfalls als Sohle bezeichnet. Daran schließt sich nach hinten der mittlere Ballenteil an, der auch als Ballenwulst bezeichnet wird. Er ist charakterisiert durch ein dickes Horn von eher weicher Konsistenz sowie durch ein besonders stark ausgeprägtes Unterhautpolster. Es folgt nach hinten und oben der hintere Ballenteil. Die seitlichen Ballenteile bedecken an der Zwischenklauenseite die hintere Hälfte. Sie gehen nach oben in das Saumsegment über und bestehen aus relativ weichem Horn, das dem Saumhorn sehr ähnlich ist.

Zwischenklauensegment

Zwischen Außen- und Innenklaue liegt das sogenannte Zwischenklauensegment. Die verhornte Oberhaut dieses Bereichs enthält ebenfalls Hornröhrchen und weist einen Aufbau auf, der dem Saumhorn sehr ähnlich ist.

Biomechanik der Klaue

Die Biomechanik der Rinderklaue erklärt, wie Gewicht und Kräfte beim Stehen und Laufen auf die Klauen verteilt werden. Entscheidend sind dabei die unterschiedliche Belastung von Vorder- und Hinterklauen, der Ablauf des Schrittes sowie die Funktion von Digitalpolster und Hornkapsel als Stoßdämpfer. Auch Untergrund und Gliedmaßenstellung spielen eine große Rolle – sie beeinflussen, wie gesund die Klauen bleiben und welche Bereiche besonders anfällig für Erkrankungen sind.

Unterschiedliche Belastung von Vorder- und Hinterklauen

Die Rinderklaue trägt das Körpergewicht nicht gleichmäßig. An den Vordergliedmaßen wird die Innenklaue stärker belastet, während an den Hintergliedmaßen die Außenklaue mehr Gewicht aufnimmt. Diese ungleiche Beanspruchung führt zu unterschiedlichem Abrieb und erklärt, warum besonders die Außenklauen der Hinterbeine anfällig für Erkrankungen sind, während vorne eher die Innenklaue für Probleme sorgt..

Ablauf des Schrittes

Beim Auffußen trifft die Klaue zuerst mit der Trachtenregion – dem hinteren Bereich der Klaue zwischen Sohle und Ballen – auf den Boden. Danach verteilt sich die Last über die gesamte Sohlenfläche, bevor die Klaue über die Zehe abrollt. Sohle und Weiße Linie übernehmen dabei eine wichtige Funktion als Übergangs- und Dämpfungszonen: Sie leiten Kräfte weiter und puffern Belastungsspitzen ab. Beim Laufen werden die hinteren Außenklauen besonders stark beansprucht – zeitweise tragen sie bis zu 90 % der Belastung der Hintergliedmaßen.

Funktion des Digitalpolsters

Eine Schlüsselrolle in der Stoßdämpfung spielt das Digitalpolster. Es wirkt wie ein elastisches Kissen, das beim Auftreten zusammengedrückt wird, die Energie aufnimmt und beim Abrollen wieder freigibt. Auf diese Weise werden Stöße abgefedert und die Last gleichmäßig auf Hornkapsel und Lederhaut verteilt.

Einfluss des Untergrunds

Der Bodentyp hat erheblichen Einfluss auf die Belastung der Klaue. Harte und glatte Untergründe führen zu hohen Druckspitzen und Scherkräften, die Risse und Entzündungen begünstigen. Weiche oder strukturierte Böden verteilen die Kräfte gleichmäßiger und fördern zudem den natürlichen Hornabrieb.

Bedeutung der Gliedmaßenstellung

Auch die Stellung der Gliedmaßen verändert die Biomechanik. Zehenenge oder -weite sowie X- oder O-Beinstellungen verschieben die Druckpunkte innerhalb der Klaue. Dadurch werden einzelne Bereiche übermäßig beansprucht. Regelmäßige Klauenpflege dient hier nicht nur der Formkorrektur, sondern gleicht auch Fehlbelastungen aus.


Risikofaktoren im Alltag

Neben Anatomie und Biomechanik entscheidet vor allem der Alltag darüber, wie gesund die Klauen bleiben. Haltungsbedingungen, Fütterung und Hygiene wirken jeden Tag direkt auf die Klaue ein. Werden hier Fehler gemacht, steigt das Risiko für Lahmheiten erheblich.


Haltung: Boden und Liegekomfort

Ein guter Bodenbelag verteilt den Druck gleichmäßig, bietet ausreichend Haftung und weist keine scharfkantigen oder hervorstehenden Teile auf, an denen Kühe ihre Klauen verletzen könnten. Rutschfeste Böden geben den Tieren Sicherheit: Sie bewegen sich ruhiger, laufen häufiger und früher zu Futter, Wasser, Liegeplatz oder – falls vorhanden – zum Melkroboter.

Ebenso wichtig ist, dass alle Kühe ausreichend und komfortabel liegen können. Idealerweise verbringt keine Kuh länger als eine Stunde am Stück und nicht mehr als rund 2,25 Stunden pro Tag gezwungenermaßen im Stehen. Ruhe, Platzangebot und strukturierte Bewegungsflächen sorgen dafür, dass die Tiere möglichst wenig unerwartete oder erzwungene Bewegungen machen müssen. Das reduziert Stress und schont die Klauen.

Mehr zu Kuh-Komfort findest du hier: 5 Tipps, damit sich deine Kühe wohler fühlen – und warum das zählt

Fütterung und Pansenstabilität

Eine stabile Pansenfermentation ist die Grundlage für gesunde Klauen. Gerät der Pansen aus dem Gleichgewicht – zum Beispiel durch zu viel schnell verfügbare Stärke, zu wenig Rohfaser oder große Futterpausen – entstehen Säuren, die das Pansenmilieu übersäuern. Dadurch sterben bestimmte Bakterien ab und setzen Giftstoffe frei, die in die Blutbahn gelangen und Durchblutungsstörungen in der Klauenlederhaut verursachen können. Diese Übersäuerung (Pansenazidose) kann die Durchblutung in den Klauen stören und entzündliche Prozesse auslösen. Ein bekanntes Risiko ist die Rehe: Sie schwächt das Horn, macht es brüchiger und anfälliger für Defekte an Sohle und Weißer Linie.

Aber auch eine zu energiearme Fütterung kann problematisch sein. Eine Energieunterversorgung belastet den gesamten Stoffwechsel, insbesondere die Leber. Ist die Leber stark beansprucht, kann sie giftige Stoffwechselprodukte im Blutkreislauf nicht mehr ausreichend abbauen. Diese Stoffwechselprodukte stören wiederum die Durchblutung der Klauenlederhaut und können ebenfalls Klauenrehe begünstigen.

Eine gleichmäßige, rohfaserreiche und ausgewogene Ration, kontinuierliche Futteraufnahme und frisches Wasser sind deshalb zentrale Bausteine für die Klauengesundheit. Auch kleine Management-Details – wie ein stets gut gefüllter Futtertisch oder genügend Platz zum gleichzeitigen Fressen – tragen dazu bei, die Pansenstabilität zu sichern und Rehe-Risiken zu minimieren.

Futterzusatzstoffe

Biotin spielt eine wichtige Rolle beim Keratinaufbau und damit beim Wachstum stabiler Hornstrukturen. Es verbessert die Hornqualität und kann die Stabilität von Sohle und Weißer Linie erhöhen. In der Praxis wird Biotin oft als Futterzusatz in Mineralfutter oder Mischrationen eingesetzt, meist mit einer Dosierung von etwa 20 mg pro Kuh und Tag. Erste Effekte zeigen sich in der Regel nach drei bis sechs Monaten, wenn das nachwachsende Horn fester und weniger brüchig wird. Allerdings ist Biotin kein Wundermittel: Es kann vor allem bei eingeschränkter Hornqualität hilfreich sein, ersetzt aber weder eine regelmäßige Klauenpflege noch ein gutes Management und eine ausgewogene Fütterung.

Neben Biotin können auch andere Nährstoffe die Klauengesundheit beeinflussen. Methionin, eine schwefelhaltige Aminosäure, gilt als wichtiger Baustein für den Keratinaufbau. Beim Wiederkäuer ist jedoch nicht eindeutig geklärt, in welchem Umfang Methionin tatsächlich für die Hornbildung verfügbar wird, da es im Pansen weitgehend abgebaut wird. Zink spielt eine zentrale Rolle bei der Verhornung und unterstützt die Wundheilung, besonders in gut verfügbaren organisch gebundenen Formen wie Zink-Methionin. Schwefel wiederum ist Bestandteil der Aminosäuren Methionin und Cystein und trägt über Disulfidbrücken zur Stabilität des Keratins bei. Bei Zink und Schwefel muss allerdings bedacht werden, dass sie die Kupferaufnahme hemmen können – hier kommt es also auf eine ausgewogene Mineralstoffversorgung an. Insgesamt kann die gezielte Ergänzung dieser Nährstoffe die Hornqualität verbessern und die Klauen widerstandsfähiger machen, ersetzt aber keine gute Fütterung und kein sorgfältiges Management.


Hygiene & Nässemanagement

Feuchtigkeit ist einer der größten Risikofaktoren für Klauenprobleme. Nasse, verschmutzte Laufgänge weichen das Horn auf und machen es anfälliger für Verletzungen und Infektionen. Besonders die Weiße Linie und die Ballenregion verlieren an Widerstandskraft, wenn sie ständig in Gülle oder Feuchtigkeit stehen. Gleichzeitig steigt das Risiko für bakterielle Klauenerkrankungen wie Mortellaro oder Fäulnis.

Ein konsequentes Nässemanagement – etwa durch saubere, trockene Laufgänge, gut eingestreute Liegeboxen und ausreichend Entmistung – trägt entscheidend zur Klauengesundheit bei. Auch Klauenbäder können in Problemherden sinnvoll sein, sollten aber immer in ein durchdachtes Hygienekonzept eingebettet sein. Je trockener und sauberer die Klauen, desto widerstandsfähiger bleiben sie.


Jungvieh & Erstlaktierende als Risikogruppe

Jungtiere und Erstlaktierende sind eine besondere Risikogruppe für Klauenerkrankungen. In der Aufzuchtphase wird oft zu wenig auf die Klauenentwicklung geachtet – dabei bildet eine gute Hornqualität die Grundlage für ein gesundes Kuhleben. Stehen die Tiere auf zu harten, nassen oder unebenen Böden, können sich Fehlstellungen und Schwachstellen schon früh entwickeln. Regelmäßige Kontrollen und rechtzeitiges Eingreifen, zum Beispiel durch gezielte Klauenpflege, können viele Probleme im weiteren Leben der Kuh verhindern.

Mit Beginn der ersten Laktation steigt die Belastung zusätzlich: Der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren, die Futteraufnahme muss sich steigern, und gleichzeitig belasten Rangkämpfe und Umstallungen die Tiere. All das erhöht das Risiko für Klauenrehe und andere Schäden. Regelmäßige Kontrollen und rechtzeitiges Eingreifen, zum Beispiel durch gezielte Klauenpflege, helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen und spätere Schäden zu vermeiden.

Früherkennung & Diagnose

Früherkennung ist der Schlüssel zur Klauengesundheit. Wer Veränderungen im Gangbild, im Klauenstand oder an der Hornsubstanz rechtzeitig bemerkt, kann schnell reagieren und größere Schäden verhindern. Neben der direkten Beobachtung spielen dabei auch systematische Methoden wie das Lahmheits-Scoring, regelmäßige Klaueninspektionen und eine konsequente Dokumentation eine wichtige Rolle. So lassen sich nicht nur einzelne ‚Wiederholungstäter‘ im Bestand identifizieren, sondern auch typische Problemstellen im Stall („Hotspots“) aufdecken und gezielt verbessern.

Lahmheits-Scoring (LS 1–5)

Das Lahmheits-Scoring (Locomotion Score) ist ein bewährtes Werkzeug, um Gangbildveränderungen systematisch zu erfassen. Es ist vergleichbar mit dem BCS (Body Condition Scoring), ein objektives Maß zur Beurteilung der Körperkondition. Es dient dazu, schon kleinste Auffälligkeiten früh zu erkennen, bevor Kühe deutlich lahm werden. Es gibt verschiedene Skalen, die sich aber sehr ähneln. Man sollte sich für eine entscheiden und nach dieser bewerten. Bewertet wird nach einer Skala von 1 bis 5

LS 1: ungestörter Bewegungsablauf

  • gleichmäßige Belastung der Gliedmaßen
  • symmetrische Schrittlänge

LS 2: leichte lahm

  • m. o . w. gleichmäßige Belastung der Gliedmaßen
  • ungleiche Schrittlänge
  • es ist nicht klar erkennbar, welche Gliedmaße primär betroffen ist
  • Kuh steht mit geradem Rücken, wölbt aber den Rücken beim Laufen auf

LS 3: mittelmäßig lahm

  • ungleiche Belastung der Gliedmaßen
  • ungleiche Schrittlänge
  • die Stütz- oder Vorführphase einer oder mehrerer Gliedmaßen ist eindeutig verkürzt (sichtbar lahm)
  • die betroffene(n) Gliedmaße(n) ist/sind erkennbar
  • Rücken ist im Stehen und beim Laufen gekrümmt

LS 4: lahm

  • tritt auf einem oder mehreren Beinen nur noch teilweise auf
  • Rücken sowohl im Stehen als auch beim Laufen gekrümmt

LS 5: schwer lahm

  • gekrümmter Rücken
  • belastet ein Bein nicht mehr
  • steht nicht mehr oder nur unter großem Schwierigkeiten auf

Praktisch lässt sich das Scoring im Alltag gut einbauen: Etwa beim Austreiben zum Melken oder auf dem Futtergang, wenn die Kühe in Bewegung sind. Schon eine kurze, regelmäßige Beobachtung hilft, Lahmheiten frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln.

Klauenstand, Inspektion, Dokumentation

Klauenstand: Sicherer Arbeitsplatz für Mensch und Tier

Für eine gründliche Untersuchung und Behandlung der Klauen ist der Klauenstand unverzichtbar. Er fixiert die Kuh sicher und stressarm, schützt Mensch und Tier und ermöglicht ein ruhiges, präzises Arbeiten. Im Stand können alle Bereiche der Klaue – von der Sohle über die Weiße Linie bis zu Trachten und Ballen – systematisch kontrolliert werden. So lassen sich auch kleine Defekte oder Druckstellen erkennen, die im Laufgang leicht übersehen werden.

Behandlung und Routinepflege im Klauenstand

Neben der Diagnostik erleichtert der Klauenstand auch die Behandlung: Horn kann gezielt korrigiert, entzündete Stellen versorgt oder Verbände angelegt werden. Gleichzeitig ist er ein wertvolles Arbeitsmittel für die Routinepflege, besonders in größeren Beständen, weil die Arbeit effizienter und körperlich weniger belastend wird.

Dokumentation für langfristige Klauengesundheit

Darüber hinaus bietet der Klauenstand eine gute Gelegenheit zur Dokumentation. Befunde können direkt notiert oder digital erfasst werden, sodass sich der Gesundheitsstatus der Herde über die Zeit nachvollziehen lässt. Moderne Pflegestände sind mit hydraulischen Systemen und einer Höhenverstellung ausgestattet und sorgen so für ein rückenschonendes Arbeiten.

Sorgfältige Inspektion: Probleme früh erkennen

Besonders wichtig ist die Inspektion der Klauen im Stand: Druckstellen, Risse, Einblutungen oder erste Ulzera lassen sich so rechtzeitig erkennen. Auch die Hornqualität gibt Hinweise auf Fütterung und Belastung. Eine sorgfältige Kontrolle deckt Probleme früh auf, bevor sie zu chronischen Erkrankungen führen.

Strukturierte Datennutzung im Stall

Damit solche Beobachtungen nicht im Alltag untergehen, ist eine konsequente Dokumentation entscheidend. Befunde können direkt im Pflegestand notiert oder digital erfasst werden. So lassen sich nicht nur einzelne „Wiederholungstäter“ im Bestand identifizieren, sondern auch typische Problemzonen im Stall („Hotspots“) aufdecken und gezielt verbessern. Regelmäßige Beobachtung, sorgfältige Inspektion und strukturierte Datennutzung bilden zusammen die Basis für eine erfolgreiche Früherkennung von Klauenproblemen.

Früherkennung durch Beobachtung und Sensorik

Viele Anzeichen von Lahmheiten lassen sich schon mit bloßem Auge erkennen. Das tägliche Beobachten im Stall liefert wichtige Hinweise: Steht eine Kuh nur zögerlich auf, entlastet sie im Stehen häufiger eine Klaue oder stellt den Fuß schräg, um Druck zu vermeiden? Auch modernes Monitoring kann unterstützen: Sensoren erfassen Bewegungsmuster und zeigen zum Beispiel an, wenn eine Kuh ungewöhnlich lange liegt oder ihre Aktivität deutlich nachlässt.


Die häufigsten Klauenerkrankungen im Überblick

Klauenerkrankungen sind ein zentrales Risiko für Tierwohl und Leistung. Im Folgenden findest du die wichtigsten Krankheitsbilder in Kürze – ausführlich beschrieben habe ich sie in meinem Artikel zu Klauenerkrankungen.

Mortellaro (Dermatitis digitalis): Eine bakterielle Entzündung der Haut in der Ballenregion, die stark schmerzhaft ist und zu akuter Lahmheit führt. Feuchtigkeit und Hygieneprobleme begünstigen die Ausbreitung.

Sohlengeschwür: Durch Druck und Überlastung in der Trachtenregion entstehen Defekte im Horn, die bis in die empfindliche Lederhaut reichen können. Betroffene Kühe lahmen oft deutlich.

Weiße-Linie-Defekt: Risse oder Spalten in der Weißen Linie, meist ausgelöst durch Belastung oder Fehlstellungen. Dadurch können Steine oder Schmutz eindringen und Entzündungen verursachen.

Ballenhornfäule: Weiches, zersetztes Horn an den Ballen infolge von Nässe und mangelnder Hygiene. Eröffnet Eintrittspforten für Bakterien und schwächt die Klauenstabilität.

Dermatitis interdigitalis: Bakterielle Entzündung in der Zwischenklauenspalte. Typisch sind Rötungen, Schwellungen und Schmerzen – ein Risikofaktor für weitere Klauenprobleme.

Klauenrehe: Stoffwechselbedingte Erkrankung, bei der die Durchblutung in der Lederhaut gestört ist. Das Horn wird brüchig, die Klaue deformiert und dauerhaft geschädigt.


Therapieprinzipien

Wenn Klauenerkrankungen auftreten, gilt: Je früher die Behandlung, desto besser die Heilungschancen. Ziel ist es immer, Schmerzen zu lindern, die Ursache zu beseitigen und die Klaue so zu entlasten, dass gesundes Horn nachwachsen kann. Dabei folgen die Maßnahmen klaren Prinzipien, die sich in der Praxis bewährt haben.


Funktionelle Klauenpflege & Druckentlastung (Klötzchen)

Die funktionelle Klauenpflege ist das zentrale Werkzeug in der Behandlung von Klauenerkrankungen. Ziel ist es, die Klaue so zu bearbeiten, dass sie wieder eine natürliche Form erhält und die Last gleichmäßig verteilt wird. Bei ausgewachsenen Kühen lässt sich eine ungünstige Gliedmaßenstellung zwar nicht immer vollständig korrigieren, in den meisten Fällen kann sie durch den richtigen Klauenschnitt jedoch deutlich verbessert werden. Manchmal sind dafür mehrere Korrekturen in kurzen Abständen notwendig. Überstehendes oder ungleichmäßig abgenutztes Horn wird entfernt, die Sohle geglättet und die Trachtenregion so gestaltet, dass die Kuh stabil und schmerzfrei auftreten kann.

Liegt bereits eine Schädigung wie ein Sohlengeschwür oder eine Verletzung der Weißen Linie vor, steht die Druckentlastung im Vordergrund. Dabei wird das betroffene Areal gezielt ausgespart, während die gesunden Klauenanteile die Hauptlast tragen. Häufig kommt ein Holz- oder Kunststoffklotz auf der gesunden Partnerklaue zum Einsatz: Er hebt die erkrankte Klaue etwas an, reduziert den Druck auf die Wunde und ermöglicht so eine schnellere Heilung. Der Klotz sollte allerdings nur so lange bleiben, bis sich neues Horn gebildet hat – bleibt er zu lange, drohen Fehlbelastungen an der gesunden Klaue.


Wundmanagement, Verband, Hygiene

Offene Läsionen wie Sohlengeschwüre oder Defekte in der Weißen Linie brauchen neben der Druckentlastung ein sauberes Wundmanagement. Zunächst wird loses, unterminiertes Horn entfernt, damit sich keine Hohlräume bilden, in denen sich Schmutz und Bakterien festsetzen können. Die Ränder einer Läsion werden flach ausgeschnitten, damit sich das Horn nicht zu schnell wieder über die Wunde schließt, sondern kontrolliert und gleichmäßig über die verletzte Stelle nachwachsen kann. Die Wunde sollte möglichst trocken und sauber bleiben – Spülungen sind nur in Ausnahmefällen nötig, wichtig ist vor allem die konsequente Reinigung beim Bearbeiten.

Ein Verband schützt die verletzte Stelle vor Schmutz, Feuchtigkeit und mechanischer Belastung. Er sollte jedoch regelmäßig gewechselt und nach einigen Tagen wieder entfernt werden, damit die Wunde unter Luftabschluss nicht aufweicht.

Hygiene spielt eine entscheidende Rolle: Sowohl der Arbeitsplatz als auch die Werkzeuge müssen sauber sein, um zusätzliche Infektionen zu vermeiden. Auch die Stallumgebung trägt zum Heilungserfolg bei – je trockener und sauberer die Laufflächen, desto schneller kann gesundes Horn nachwachsen.


Analgesie; Antibiotika–ja/nein und wann

Schmerzmanagement ist ein zentraler Bestandteil jeder Klauenbehandlung. Lahmheiten sind nicht nur ein Leistungsproblem, sondern vor allem ein Tierschutzthema. Entzündungen und Läsionen sind für die Kuh hochgradig schmerzhaft, daher sollte – je nach Schweregrad – eine gezielte Gabe von Schmerzmitteln (NSAIDs) erfolgen. Sie verbessern nicht nur das Wohlbefinden, sondern fördern auch Heilung und Futteraufnahme.

Der Einsatz von Antibiotika ist dagegen nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Oberflächliche Horn- und Hautläsionen lassen sich in der Regel ohne Antibiotika behandeln, wenn Klauenpflege, Verband und Hygiene stimmen. Eine systemische Therapie ist nur dann angezeigt, wenn tiefere Strukturen betroffen sind – etwa bei einer schweren, hochgradig entzündlichen Zwischenklauenphlegmone (Dermatitis interdigitalis) mit massiver Schwellung oder wenn sich Infektionen in Gelenke und Sehnenscheiden ausbreiten. In solchen Fällen sollte die Behandlung immer in enger Abstimmung mit der Tierärztin oder dem Tierarzt erfolgen.


Prophylaxe

Vorbeugen ist besser als Heilen – das gilt besonders für Klauenerkrankungen. Eine konsequente Prophylaxe spart nicht nur Behandlungskosten und Arbeitszeit, sondern erhöht vor allem das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Kühe. Entscheidend sind dabei vier zentrale Bereiche: Haltung, Hygiene, Fütterung und Management.

Stallboden & Liegezeiten optimieren

Der Boden im Stall ist einer der wichtigsten Faktoren für gesunde Klauen. Ein rutschfester, ebener und sauberer Untergrund sorgt dafür, dass die Tiere ruhig und sicher laufen. Unebenheiten, scharfe Kanten oder Löcher bergen Verletzungsgefahr und führen zu Fehlbelastungen. Genauso wichtig sind die Liegezeiten: Kühe sollten mindestens 12 bis 14 Stunden pro Tag liegen können. Jede zusätzliche Stunde Liegen entlastet die Klauen und senkt das Risiko für Druckschäden. Komfortable, trockene Liegeboxen und ausreichend Platz zum gleichzeitigen Liegen sind deshalb ein zentrales Element der Vorbeugung.

Klauenbad

Klauenbäder sind ein wichtiges Hilfsmittel in der Prophylaxe, vor allem bei infektiösen Klauenerkrankungen wie Mortellaro und Klauenfäule. Sie wirken in erster Linie desinfizierend, härten die Haut in der Zwischenklauenspalte und helfen, die Ausbreitung von Erregern im Bestand einzudämmen.

Damit Klauenbäder wirksam sind, müssen sie sorgfältig angewendet und immer mit weiteren Maßnahmen kombiniert werden: saubere Klauen, trockene Böden, komfortable Liegeplätze, gute Lüftung, regelmäßige Klauenpflege und eine frühzeitige Behandlung bei schweren Infektionen. In feuchter Umgebung haben sich Mittel wie Formalin, Glutaraldehyd oder Kupfersulfat bewährt, weil sie eine widerstandsfähige Hornschicht aufbauen. Nass und verschmutzte Klauen erfordern dabei deutlich häufigere Bäder.

Wichtig ist, ausschließlich Mittel zu verwenden, deren Wirkung wissenschaftlich belegt ist und die möglichst als Tierarzneimittel zugelassen sind. Die Wirksamkeit von Formalin und Kupfersulfat ist zwar nachgewiesen, sie gelten jedoch nicht als Tierarzneimittel. Zudem sind beide problematisch: Kupfer belastet die Umwelt, Formalin ist bei langfristiger Exposition krebserregend. Deshalb sollten diese Substanzen mit Vorsicht und in Abstimmung mit Fachleuten eingesetzt werden.

Ein Klauenbad sollte nach spätestens 200–250 Kuhdurchgängen oder nach 12 Stunden erneuert werden, um seine Wirkung zu behalten. Entscheidend ist weniger der Einsatz starker Chemikalien als die richtige Anwendung und die konsequente Einbettung in ein Gesamtkonzept aus Hygiene, Haltung und Pflege.

Praxisbeispiel: In unserem Stall liegen Matten an den Ausgängen der Melkroboter, die regelmäßig und automatisch getränkt werden – dreimal pro Woche mit einer Formalinlösung, an zwei Tagen mit einem Klauenpflegemittel und an den übrigen Tagen mit Wasser. So läuft jede Kuh mehrmals täglich darüber und die Tiere gewöhnen sich schnell daran.

Fütterung

Die Qualität des Klauenhorns hängt eng mit der Fütterung zusammen. Nur wenn die Kuh ausreichend mit Energie, Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen versorgt ist, kann sich stabiles und widerstandsfähiges Horn bilden. Eine ausgewogene, strukturreiche Ration sorgt zudem für eine stabile Pansenfermentation – die beste Vorbeugung gegen Klauenrehe.

Biotin, Zink, Schwefel und Methionin können die Hornqualität positiv beeinflussen. Eine detaillierte Erklärung zu Wirkung, Einsatz und Grenzen dieser Nährstoffe findest du weiter oben im Artikel. Hier geht’s zurück zum Abschnitt Futterzusatzstoffe.

Neben der Nährstoffversorgung sind Futteraufnahme und Fütterungsmanagement entscheidend: Kühe brauchen jederzeit Zugang zu frischem, hygienisch einwandfreiem Futter und Wasser. Gleichmäßige Fütterung ohne lange Pausen stabilisiert den Pansen und sichert die kontinuierliche Hornbildung.

SOPs, Schulung, Verantwortlichkeiten

Vorbeugung von Klauenerkrankungen funktioniert nur, wenn alle im Betrieb an einem Strang ziehen. Klare Standardarbeitsanweisungen (SOPs) helfen, Routinen festzulegen – vom täglichen Kontrollgang über das Reinigen der Laufflächen bis zur Klauenpflege. So weiß jeder, was wann zu tun ist, und wichtige Aufgaben werden nicht übersehen.

Ebenso wichtig ist die Schulung aller Mitarbeitenden: Wer Anzeichen von Lahmheiten früh erkennt, kann rechtzeitig reagieren. Praktische Trainings oder gemeinsame Stallbegehungen mit Tierarzt oder Klauenpfleger sind hier sehr hilfreich.

Damit es nicht bei guten Vorsätzen bleibt, braucht es klare Verantwortlichkeiten. Wenn feststeht, wer für Klauenpflege, Dokumentation oder das Ansetzen der Klauenbäder zuständig ist, bleibt das Thema präsent und wird nicht zwischen anderen Arbeiten „vergessen“. Ein durchdachtes Management schafft damit die Grundlage für eine nachhaltige Klauengesundheit.

Jahresplan & Monitoring

Klauengesundheit lässt sich nur nachhaltig sichern, wenn sie regelmäßig überprüft und in die Jahresplanung eingebunden wird. Kennzahlen, Stallrundgänge und ein systematischer Maßnahmenplan helfen, den Überblick zu behalten und Fortschritte messbar zu machen.

Gesundheitskennzahlen: Erfolge sichtbar machen

Ein wichtiger Baustein sind klare Gesundheitskennzahlen. Dazu zählen etwa die Lahmheitsprävalenz – also der Anteil der Kühe mit einem Lahmheits-Score ab 2 –, die Behandlungsrate im Jahresverlauf und die Rückfallquote bei bereits therapierten Tieren. Solche Kennzahlen machen sichtbar, ob die eingeleiteten Maßnahmen wirken oder ob es noch Nachholbedarf gibt.

Audits im Stall

Neben Zahlen sind Audits entscheidend. Bei systematischen Begehungen lohnt sich ein genauer Blick auf Treibwege, Kurven und enge Stellen, an denen Kühe drängeln oder stolpern. Auch im Melkzentrum, besonders im Wartebereich, sind lange Standzeiten und rutschige Böden typische Hotspots für Klauenprobleme. Wer diese Bereiche regelmäßig überprüft, kann Risiken gezielt entschärfen.

Maßnahmenplan & Auswertung

Schließlich braucht es einen klaren Maßnahmenplan. Konkrete Schritte – etwa „neuer Gummibelag im Treibgang bis März“ oder „Klauenbad-Intervall erhöhen“ – sollten schriftlich festgehalten, mit Verantwortlichen verknüpft und terminiert werden. In regelmäßigen Abständen, etwa vierteljährlich, erfolgt eine Auswertung: Was wurde umgesetzt, was hat gewirkt, und wo besteht noch Handlungsbedarf? So bleibt Klauengesundheit nicht nur ein guter Vorsatz, sondern wird zu einer messbaren, praktischen Managementaufgabe.

FAQ – Häufige Fragen zur Klauengesundheit

Wie oft sollte Klauenpflege durchgeführt werden?

Präventiv ist eine Klauenpflege drei- bis viermal im Jahr ratsam. Besonders wichtig sind die Termine zwei bis drei Monate vor dem Kalben oder beim Trockenstellen. In dieser Phase empfiehlt es sich, alle Klauen zu kontrollieren und gezielt die Tiere zu behandeln, die Anzeichen für Mortellaro oder andere infektiöse Klauenkrankheiten zeigen. Gleichzeitig dient die Klauenpflege in dieser Zeit der Korrektur der Klauenform – eine wichtige Voraussetzung für einen gesunden und erfolgreichen Start in die nächste Laktation.

Wann muss ein Klauenbad gewechselt werden?

Ein Klauenbad sollte nach spätestens 200–250 Kuhdurchgängen oder nach 12 Stunden erneuert werden. Danach ist die Lösung meist verschmutzt und verliert ihre Wirksamkeit. Wichtig ist außerdem, dass die Klauen vor dem Bad möglichst sauber sind und jede Klaue mindestens zwei Schritte im Bad macht. Nur so kann das Mittel seine volle Wirkung entfalten.

Welche Anzeichen deuten früh auf Lahmheiten hin?

Frühzeichen sind oft subtil: Eine Kuh steht nur zögerlich auf, macht verkürzte Schritte, entlastet im Stehen eine Klaue oder stellt den Fuß schräg, um Druck zu vermeiden. Auch vermehrtes Liegen, ein aufgewölbter Rücken beim Gehen oder eine veränderte Haltung am Futtertisch sind Warnsignale. Moderne Sensoren können zusätzlich Hinweise geben, etwa wenn eine Kuh ungewöhnlich lange liegt oder ihre Aktivität deutlich nachlässt.

Hilft Biotin wirklich für gesunde Klauen?

Ja, Biotin unterstützt den Keratinaufbau und verbessert die Hornqualität, insbesondere an Sohle und Weißer Linie. Bei regelmäßiger Fütterung zeigen sich meist nach drei bis sechs Monaten erste positive Effekte, weil das nachwachsende Horn fester und weniger brüchig wird. Biotin ist jedoch kein Wundermittel: Es kann die Klauengesundheit verbessern, ersetzt aber keine sorgfältige Klauenpflege, kein gutes Fütterungsmanagement und keine sauberen Haltungsbedingungen.

Brauchen alle Betriebe Klauenbäder?

Nicht jeder Betrieb benötigt Klauenbäder. Sie sind vor allem dort sinnvoll, wo infektiöse Erkrankungen wie Mortellaro oder Klauenfäule ein Problem darstellen. Entscheidend ist die konsequente Anwendung im richtigen Intervall und in Kombination mit Hygiene, trockenen Laufwegen und regelmäßiger Klauenpflege. Klauenbäder allein sind keine Lösung – sie sind nur ein Baustein im Gesamtpaket zur Vorbeugung.

Sind Lahmheiten immer ein Zeichen für Klauenerkrankungen?

In den meisten Fällen ja, denn die Mehrheit aller Lahmheiten bei Milchkühen geht auf Klauenprobleme zurück. Es gibt jedoch auch andere Ursachen wie Gelenkerkrankungen oder Verletzungen. Eine Stützbeinlahmheit – dabei belastet die Kuh das Bein nur ungern, steht zögerlich auf oder versucht, das Gewicht möglichst wenig auf die betroffene Klaue zu verlagern – deutet in der Regel auf ein Problem in der Klaue oder im unteren Fuß hin. Eine Hangbeinlahmheit dagegen zeigt sich, wenn das betroffene Bein nicht normal vorgeschwungen werden kann. Der Schmerz tritt nicht beim Aufsetzen, sondern während der Vorwärtsbewegung des Beins auf – das weist eher auf Probleme weiter oben, etwa in Gelenken, Muskeln oder Nerven, hin.

Fazit

Gesunde Klauen sind die Grundlage für Wohlbefinden und Leistung deiner Kühe. Mit einer guten Stallhygiene, ausgewogener Fütterung, regelmäßiger funktioneller Klauenpflege und dem richtigen Klauenbad-Management beugst du Lahmheiten effektiv vor. Nutze außerdem praktische Hilfsmittel wie Checklisten, Rechner und SOPs, um die Klauengesundheit dauerhaft im Blick zu behalten. So sicherst du nicht nur die Tiergesundheit, sondern auch den wirtschaftlichen Erfolg deines Betriebs.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Eine Person, die eine Brille und eine blaue Jacke trägt, steht in einem Stall und hält den Kopf einer schwarz-weißen Kuh an ihre Brust. Im Hintergrund sind Heu und Metallboxen zu sehen.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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