Mehrere schwarz-weiße Kühe sind in einem schwach beleuchteten Stall aufgereiht und fressen aus einem Trog mit Futter. Vom Futter steigt Dampf oder Nebel auf, und aus dem Hintergrund dringt Sonnenlicht ein.

Ketose bei der Kuh: Ursachen, Symptome, Behandlung und Vorbeugung

Ketose gehört zu den häufigsten Stoffwechselstörungen bei Milchkühen in der frühen Laktation. Sie tritt besonders häufig in den ersten Wochen nach der Abkalbung auf. In dieser Phase kann es passieren, dass eine Kuh mehr Energie für die Milchproduktion benötigt, als sie über das Futter aufnehmen kann.

Gerät der Energiehaushalt aus dem Gleichgewicht, beginnt der Körper, Fettreserven abzubauen. Dabei entstehen sogenannte Ketonkörper, die sich im Blut anreichern können. In diesem Fall spricht man von Ketose.

Vielleicht hast du den Begriff im Stall schon einmal gehört: „Die Kuh hat Ketose“, „Die hat Zucker“ oder einfach „Die hat Stoffwechsel“. Gemeint ist damit meist dieselbe Problematik – eine Störung im Energiestoffwechsel der Kuh rund um den Beginn der Laktation.

Besonders häufig tritt Ketose in den ersten Wochen nach der Kalbung auf. In dieser Phase steigt der Energiebedarf durch die einsetzende Milchproduktion stark an, während die Futteraufnahme oft noch nicht Schritt halten kann.

Was im Betriebsalltag leicht unterschätzt wird: Die klinisch sichtbare Ketose ist nur die Spitze des Eisbergs. Deutlich häufiger ist die sogenannte subklinische Ketose, bei der keine eindeutigen Krankheitszeichen auftreten, der Stoffwechsel der Kuh jedoch bereits stark belastet ist.

Der folgende Artikel erklärt, wie Ketose entsteht, welche Kühe besonders gefährdet sind, wie sie erkannt wird und welche Möglichkeiten zur Behandlung und Vorbeugung es gibt. Ziel ist ein solides Grundverständnis der Erkrankung, damit sie im Betriebsalltag frühzeitig erkannt und konsequent angegangen werden kann.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • ? Ketose ist eine häufige Stoffwechselstörung in den ersten Wochen nach der Kalbung.
  • ? Sie entsteht, wenn der Energiebedarf der Kuh nach der Kalbung höher ist als die Energieaufnahme über das Futter (negative Energiebilanz).
  • ? Um die Energielücke zu schließen, mobilisiert der Körper Fettreserven. Dabei entstehen Ketonkörper, die sich im Blut anreichern können.
  • ? Besonders tückisch ist die subklinische Ketose: Sie verursacht oft keine eindeutigen Symptome, kann aber Leistung, Fruchtbarkeit und Gesundheit deutlich beeinträchtigen.
  • ? Ketose tritt häufig nicht allein auf, sondern steht in engem Zusammenhang mit Labmagenverlagerung, Fettleber, Metritis, Milchfieber und Mastitis.
  • ? Eine frühzeitige Diagnose, zum Beispiel über die BHB-Messung im Blut, hilft, betroffene Kühe rechtzeitig zu erkennen.
  • ? Vorbeugend sind vor allem ein gutes Transition-Management, eine angepasste Fütterung und die regelmäßige BCS-Kontrolle wichtig.

Was ist Ketose bei der Kuh?

Ketose ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der im Körper der Kuh mehr Ketonkörper gebildet werden, als gleichzeitig abgebaut werden können. Ketonkörper – dazu gehören vor allem Beta-Hydroxybutyrat (BHB), Acetoacetat und Aceton – sind eigentlich normale Zwischenprodukte des Fettstoffwechsels. Problematisch werden sie erst dann, wenn ihre Konzentration im Blut einen bestimmten Schwellenwert überschreitet.

Auslöser ist fast immer eine negative Energiebilanz (NEB). Das bedeutet: Die Kuh nimmt über das Futter weniger Energie auf, als sie für Milchproduktion, Erhaltung und Körperfunktionen benötigt. Der Organismus versucht, dieses Energiedefizit auszugleichen, indem er körpereigene Fettreserven mobilisiert.

Dabei werden sogenannte freie Fettsäuren (NEFA – Non-Esterified Fatty Acids) aus dem Fettgewebe freigesetzt und über das Blut zur Leber transportiert. In der Leber werden diese Fettsäuren teilweise zu Ketonkörpern umgebaut. Dieser Mechanismus ist grundsätzlich ein normaler Anpassungsprozess des Stoffwechsels. Wird jedoch zu viel Fett mobilisiert, steigt auch die Produktion von Ketonkörpern stark an.

Kann der Körper diese Stoffe nicht mehr ausreichend verwerten oder abbauen, reichern sie sich im Blut an – und es entsteht eine Ketose.

Der Begriff Acetonämie leitet sich davon ab, dass Aceton als einer dieser Ketonkörper im Blut nachweisbar ist („-ämie“ bedeutet „im Blut“). Ein typisches, wenn auch nicht immer vorhandenes Merkmal ist der süßlich-fruchtige Geruch von Atemluft, Milch oder Urin, der durch die erhöhte Acetonkonzentration verursacht wird.

Warum entsteht Ketose gerade nach der Abkalbung?

Stoffwechselprozesse im Gleichgewicht: Gluconeogenese, Lipolyse und Fettverbrennung

Die metabolische Entgleisung bei der Ketose entsteht im Kern durch das Zusammenspiel mehrerer Stoffwechselprozesse: Gluconeogenese, Lipolyse und Fettverbrennung.

Gluconeogenese bezeichnet die Neubildung von Glukose in der Leber. Da Wiederkäuer nur wenig Glukose direkt aus dem Futter aufnehmen, muss ein Großteil des benötigten Zuckers im Körper selbst gebildet werden. Glukose wird vor allem für die Milchbildung benötigt, insbesondere für die Bildung von Milchzucker (Laktose). Pro Liter Milch müssen etwa 50 g Laktose bereitgestellt werden.

Lipolyse ist der Abbau von Körperfett. Wenn die Energieaufnahme über das Futter nicht ausreicht, mobilisiert der Organismus Fettreserven aus dem Fettgewebe.

Bei der anschließenden Fettverbrennung werden diese Fettsäuren in der Leber verarbeitet. Dabei entstehen unter anderem Ketonkörper.

Geraten diese Prozesse aus dem Gleichgewicht, kann es zu einer übermäßigen Bildung von Ketonkörpern kommen.

Besonderheiten des Energiestoffwechsels der Milchkuh

Eine besondere Rolle spielen die spezifischen Eigenschaften des Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsels der Milchkuh. Im Gegensatz zu vielen anderen Tierarten wird der größte Teil der Kohlenhydrate im Pansen bereits zu flüchtigen Fettsäuren umgebaut.

Glukose steht deshalb nur begrenzt direkt zur Verfügung und muss in der Leber neu gebildet werden.

Energiebedarf und Futteraufnahme verlaufen nicht parallel

Nach der Abkalbung steigt der Energiebedarf der Kuh sehr schnell an, weil die Milchproduktion einsetzt. Der Höhepunkt des Energiebedarfs wird in der Regel zwei bis sechs Wochen nach dem Kalben erreicht.

Das Problem: Der Zeitpunkt der höchsten Milchleistung fällt nicht mit der Phase der größten Futteraufnahme zusammen. In der frühen Laktation kann die Kuh ihren Energiebedarf über das Futter oft noch nicht vollständig decken.

Die Futteraufnahme steigt erst später im Laktationsverlauf deutlich an. Gegen Ende der Laktation sowie in der Trockenstehzeit – also in Phasen mit geringerem Energiebedarf – ist der Appetit meist größer.

Man kann deshalb sagen: Die Fresslust hinkt der Laktationskurve hinterher.

Negative Energiebilanz: Der Körper greift auf Reserven zurück

Um die entstandene Energielücke auszugleichen, greift der Organismus zunächst auf körpereigene Energiereserven zurück. Körperfett wird mobilisiert und zur Energiegewinnung genutzt.

Erst später, wenn die Futteraufnahme steigt und der Energiebedarf wieder sinkt, kann die Kuh ihre Reserven wieder aufbauen.

Genau diese Phase der negativen Energiebilanz in der frühen Laktation ist der entscheidende Moment, in dem Ketose entstehen kann.

Fettmobilisierung und Bildung von Ketonkörpern

Um diese Energielücke zu schließen, beginnt der Organismus der Kuh, Körperfett zu mobilisieren. Dabei werden freie Fettsäuren – sogenannte NEFA (Non-Esterified Fatty Acids) – aus dem Fettgewebe freigesetzt und über den Blutkreislauf zur Leber transportiert.

In der Leber können diese Fettsäuren grundsätzlich auf zwei verschiedene Arten weiterverarbeitet werden. Ein Teil wird vollständig oxidiert, also zur Energiegewinnung verbrannt. Wenn jedoch enorme Mengen an Fettsäuren gleichzeitig in der Leber ankommen, reicht die Kapazität dieser vollständigen Verbrennung nicht mehr aus.

In diesem Fall werden vermehrt Ketonkörper gebildet.

Je mehr NEFA aus dem Fettgewebe mobilisiert werden, desto stärker steigt auch die Produktion von Ketonkörpern.

Warum Glukosemangel die Ketose zusätzlich verstärkt

Für die vollständige Verbrennung von Fettsäuren benötigt die Leber das Molekül Oxalacetat. Dieses entsteht im Stoffwechsel vor allem aus Glukose oder Glukosevorstufen.

Genau daran mangelt es jedoch häufig in der frühen Laktation. Während der Phase der negativen Energiebilanz steht dem Organismus nur wenig Glukose zur Verfügung, da ein großer Teil der vorhandenen Glukose für die Bildung von Milchzucker in der Milchdrüse benötigt wird.

Dadurch fehlt in der Leber Oxalacetat als Akzeptormolekül für den Fettabbau.

Die Folge: Die vollständige Fettverbrennung wird eingeschränkt, und der Stoffwechsel weicht verstärkt auf die Bildung von Ketonkörpern (Ketogenese) aus. Wenn diese Ketonkörper schneller entstehen, als sie im Körper verwertet werden können, steigt ihre Konzentration im Blut – und es kommt zur Ketose.

Primäre und sekundäre Ketose

Grundsätzlich werden zwei Entstehungsformen unterschieden.

Primäre Ketose

Die primäre Ketose entsteht direkt durch eine unzureichende Energieaufnahme bei gleichzeitig hohem Energiebedarf. Typischerweise tritt sie in der frühen Laktation auf, wenn die Milchproduktion stark ansteigt, die Futteraufnahme aber noch nicht Schritt halten kann.

Eine andere Grunderkrankung liegt dabei nicht vor.

Sekundäre Ketose

Bei der sekundären Ketose ist eine andere Erkrankung der eigentliche Auslöser. Diese Erkrankung führt dazu, dass die Kuh weniger frisst und dadurch in eine negative Energiebilanz gerät.

Typische Auslöser sind zum Beispiel:

Die Kuh frisst aufgrund der Grunderkrankung weniger und entwickelt in der Folge eine Ketose.

Die Unterscheidung ist für die Therapie entscheidend: Bei einer sekundären Ketose muss immer zuerst die Grunderkrankung behandelt werden.

Klinische Ketose: Symptome, die sichtbar werden

Bei der klinischen Ketose zeigt die Kuh eindeutige Krankheitszeichen. Der Verlauf kann unterschiedlich sein.

Hypo- oder apetente Form (häufigste Form)

Die häufigste Verlaufsform ist die sogenannte hypo- oder apetente Ketose.

Typische Symptome sind:

  • deutlich reduzierte Futteraufnahme
  • besonders häufig Ablehnung von Kraftfutter
  • Rückgang der Milchleistung
  • Gewichtsverlust
  • trockener, glanzloser Kot
  • mattes Allgemeinbefinden

Diese Form entwickelt sich meist schleichend und wird im Stallalltag nicht selten als allgemeine Schwäche nach der Abkalbung fehlinterpretiert.

Nervöse Form (seltener, aber auffälliger)

Deutlich seltener tritt die nervöse Form der Ketose auf. Sie ist jedoch klinisch sehr auffällig.

Mögliche Symptome sind:

  • Unruhe oder Aggressivität
  • stereotype Bewegungen
  • Hyperästhesie (gesteigerte Berührungsempfindlichkeit)
  • Ataxie (Koordinationsstörungen)
  • Kreisbewegungen
  • in schweren Fällen Festliegen

Ein typischer, wenn auch nicht immer wahrnehmbarer Hinweis ist der süßlich-fruchtige Geruch der Atemluft. Dieser entsteht durch die erhöhte Acetonkonzentration im Atem, kann aber je nach Situation unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Subklinische Ketose – das häufig unterschätzte Problem

Die subklinische Ketose liegt vor, wenn die Konzentration der Ketonkörper im Blut erhöht ist, ohne dass klinische Symptome auftreten.

Als Grenzwert gilt:

  • 1,2–2,9 mmol/l BHB: subklinische Ketose
  • ab 3,0 mmol/l BHB: klinische Ketose

Die subklinische Form ist deutlich häufiger als die klinische Ketose. In vielen Herden zeigen 20 bis 40 % der Kühe in der Frühlaktation erhöhte Ketonkörperwerte, ohne dass dies sofort auffällt.

Trotz fehlender offensichtlicher Symptome kann die wirtschaftliche Bedeutung erheblich sein. Studien zeigen unter anderem:

  • bis zu vierfach erhöhtes Risiko für Labmagenverlagerungen
  • erhöhtes Risiko für Retentio secundinarum (Nachgeburtsverhaltung) und Metritis
  • verlängerte Rastzeit und geringere Konzeptionsrate
  • reduzierte Milchleistung (Schätzungen etwa 0,5 bis 1,4 kg Milch pro Tag)

Ohne gezielte Kontrollen bleibt die subklinische Ketose im Betrieb häufig unentdeckt – und genau darin liegt das zentrale Problem.

Ketose und Folgeerkrankungen im Übergangszeitraum

Ketose tritt nur selten als isolierte Erkrankung auf. Viel häufiger ist sie Teil eines ganzen Komplexes von Stoffwechsel- und Gesundheitsproblemen rund um die Kalbung. Dabei kann Ketose sowohl Ursache als auch Folge anderer Erkrankungen sein.

Typische Zusammenhänge sind:

Labmagenverlagerung
Bei erhöhten Ketonkörperkonzentrationen ist die Motilität des Verdauungstraktes häufig reduziert. Dadurch steigt nachweislich das Risiko für eine Labmagenverlagerung.

Fettlebersyndrom
Durch die massive Mobilisierung von Körperfett gelangen große Mengen freier Fettsäuren (NEFA) in die Leber. Werden diese nicht vollständig verarbeitet, lagern sich Triglyzeride in der Leber ein. Eine ausgeprägte Fettleber beeinträchtigt die Leberfunktion und verschärft die metabolische Krise zusätzlich.

Metritis und Retentio secundinarum
Ketose wirkt sich auch auf das Immunsystem aus. Die Abwehrkraft des Körpers ist reduziert, wodurch das Risiko für Gebärmutterentzündungen und Nachgeburtsverhalten steigt.

Hypokalzämie (Milchfieber)
Ketose und Hypokalzämie treten im gleichen Zeitraum rund um die Kalbung auf und können sich gegenseitig verstärken. Der Begriff Hypokalzämie bedeutet eine verminderte Kalziumkonzentration im Blut.

Eutergesundheit
Auch zwischen negativer Energiebilanz, Ketose und einer erhöhten Mastitisanfälligkeit bestehen Zusammenhänge.

Diese Wechselwirkungen zeigen, warum Ketose in der Transition-Periode nicht als isoliertes Einzelproblem betrachtet werden sollte. Vielmehr ist sie häufig ein Hinweis darauf, dass das metabolische Gleichgewicht der Kuh in dieser sensiblen Phase gestört ist.

Flussdiagramm in deutscher Sprache mit dem Titel Der Teufelskreis der Übergangs-Erkrankungen mit "Ketose" in einem roten Kreis in der Mitte, der durch Pfeile mit sechs blauen Ovalen verbunden ist, auf denen verwandte Krankheiten verzeichnet sind.
Der Teufelskreis der Transition-Erkrankungen: Ketose steht häufig in Wechselwirkung mit Labmagenverlagerung, Fettleber, Metritis, Milchfieber und Mastitis

Diagnose: Wie wird Ketose nachgewiesen?

Bluttest (Goldstandard)

Der zuverlässigste Nachweis erfolgt über die Bestimmung von Beta-Hydroxybutyrat (BHB) im Blut.

Mit tragbaren Messgeräten kann die Untersuchung direkt im Stall durchgeführt werden.

Orientierende Grenzwerte:

  • unter 1,2 mmol/l: unauffällig
  • 1,2 – 2,9 mmol/l: subklinische Ketose
  • über 3,0 mmol/l: klinische Ketose

Milchtest

Ketonkörper können auch in der Milch nachgewiesen werden. Dafür stehen spezielle Teststreifen zur Verfügung, die sich besonders für ein schnelles Herdenscreening eignen.

Grenzwerte liegen etwa bei 0,10 bis 0,15 mmol/l BHB in der Milch. Die Sensitivität ist allerdings etwas geringer als beim Bluttest.

Harntest

Auch Teststreifen für den Harn können verwendet werden. Sie weisen vor allem Acetoacetat nach.

Der Vorteil ist die einfache und kostengünstige Anwendung. Allerdings schwankt die Ketonkörperausscheidung im Harn stark, weshalb die Sensitivität – besonders bei subklinischer Ketose – begrenzt ist.

Screening im Betrieb

Für ein systematisches Herdenscreening empfiehlt sich eine BHB-Messung im Blut bei Kühen zwischen dem 3. und 14. Tag nach der Kalbung.

Sinnvoll sind zwei Messzeitpunkte, zum Beispiel:

  • Tag 3–4 post partum
  • Tag 10–14 post partum

Auf diese Weise lassen sich subklinische Fälle frühzeitig erkennen und gezielt behandeln oder zumindest engmaschig überwachen.

Behandlung der Ketose

Die Behandlung der Ketose zielt darauf ab, den Energiemangel möglichst schnell auszugleichen, die Bildung von Ketonkörpern zu reduzieren und den Stoffwechsel der Kuh zu stabilisieren. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt davon ab, wie stark die Erkrankung ausgeprägt ist und ob zusätzlich andere Erkrankungen vorliegen.

Intravenöse Glukose-Infusion

Bei einer klinischen Ketose ist die intravenöse Gabe von 500 ml einer 40-%igen Glukoselösung eine häufig eingesetzte Akutmaßnahme. Dadurch steigt der Blutglukosespiegel rasch an, und die weitere Ketonkörperbildung wird zunächst gehemmt.

Der Effekt hält allerdings nur relativ kurz an – meist nur wenige Stunden. Deshalb muss die Infusion in der Regel durch weitere Maßnahmen ergänzt werden, um den Stoffwechsel dauerhaft zu stabilisieren.

Propylenglykol

Die orale Gabe von Propylenglykol ist eine bewährte Methode zur Unterstützung des Energiestoffwechsels. In der Praxis werden überwiegend 300 bis 500 ml täglich über mehrere Tage verabreicht.

Propylenglykol wird in der Leber zu Glukose umgewandelt und kann so helfen, den Glukosespiegel zu stabilisieren. Dadurch wird die Bildung von Ketonkörpern reduziert.

Propylenglykol kann sowohl therapeutisch bei bestehender Ketose als auch vorbeugend bei Risikokühen eingesetzt werden. Entscheidend ist jedoch der richtige Zeitpunkt: Wird es zu früh gegeben, ist der Effekt gering. Erfolgt die Gabe zu spät, ist der Stoffwechsel häufig bereits stärker entgleist.

Glukokortikoide

In schwereren Fällen kann der Einsatz von Glukokortikoiden (zum Beispiel Dexamethason) sinnvoll sein. Diese Wirkstoffe stimulieren die Gluconeogenese, also die Neubildung von Glukose in der Leber, und können so zur Stabilisierung des Stoffwechsels beitragen.

Der Einsatz sollte jedoch immer tierärztlich abgeklärt werden, da Glukokortikoide nicht in jeder Situation geeignet sind. Besonders bei trächtigen Tieren oder bei gleichzeitig bestehenden Infektionserkrankungen muss sorgfältig abgewogen werden.

Unterstützende Maßnahmen im Betrieb

Neben der eigentlichen Behandlung spielen auch Managementmaßnahmen im Betrieb eine wichtige Rolle. Dazu gehören unter anderem:

  • Anpassung der Ration mit ausreichend energiereichen und gut verdaulichen Komponenten
  • moderater Einsatz von Energiekonzentraten
  • ausreichende Trog- und Liegeplätze, um Stress zu reduzieren und die Futteraufnahme zu fördern
  • konsequente Behandlung von Begleiterkrankungen

Gerade bei sekundärer Ketose ist die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung entscheidend.

  • Man kann z. B. Propylenglykol geben – eine flüssige Energiequelle, die oral verabreicht wird
  • Bei starker Ketose hilft eine Infusion mit Glucose direkt über die Vene
  • Die Fütterung muss angepasst werden: mehr Energie, bessere Struktur, pansenfreundlich
  • Vorbeugung beginnt schon vor dem Abkalben – z. B. durch Kontrolle der Körperkondition und eine gute Trockenstehzeit

Prävention: Was lässt sich vorbeugend tun?

Die wirksamste Strategie gegen Ketose ist ein gutes Management rund um die Trockenstehzeit und den Übergang in die Laktation. Ziel ist es, die negative Energiebilanz nach der Kalbung möglichst gering zu halten und eine übermäßige Mobilisierung von Körperfett zu vermeiden.

Body Condition Score im Blick behalten

Ein entscheidender Faktor ist die Körperkondition der Kühe.

Idealerweise gehen Kühe mit einem Body Condition Score (BCS) von etwa 3,25 bis 3,5 in die Trockenstehzeit – und möglichst mit einem ähnlichen Score auch in die Kalbung.

Überkonditionierte Tiere verlieren nach der Kalbung häufig besonders viel Körperfett. Dadurch werden große Mengen freier Fettsäuren (NEFA) mobilisiert, was das Risiko für Ketose deutlich erhöht.

Regelmäßige BCS-Bewertungen im Abstand von vier bis sechs Wochen helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und die Fütterung rechtzeitig anzupassen.

Fütterungsmanagement in der Trockenstehzeit

Auch das Fütterungsmanagement spielt eine zentrale Rolle bei der Ketoseprävention.

Wichtige Punkte sind zum Beispiel:

  • Energierestriktion in der frühen Trockenstehzeit, um eine Verfettung zu vermeiden
  • Rationen mit ausreichend strukturierter Rohfaser (mehr als 40 % NDF in der Trockenmasse)
  • im letzten Drittel der Trockenstehzeit (Close-Up-Gruppe) eine schrittweise Annäherung an die Laktationsration

Teilweise werden auch leberunterstützende Substanzen wie Niacin oder Cholinchlorid eingesetzt. Der Nutzen dieser Ergänzungen wird in der Praxis unterschiedlich bewertet; ihr Einsatz ist in vielen Betrieben jedoch etabliert.

Gutes Transition-Management

Unter Transition-Management versteht man die Betreuung der Kuh in den letzten drei Wochen vor und den ersten drei Wochen nach der Kalbung. Diese Phase ist entscheidend für die Stoffwechselstabilität der Tiere.

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören:

  • eine eigene Gruppe für trockenstehende Kühe (Close-Up-Gruppe), um Fresskonkurrenz zu vermeiden
  • ausreichend Platz am Futtertisch (mindestens 0,75 m Fressplatz pro Tier)
  • jederzeit frisches Wasser und eine kontinuierliche Futtervorlage
  • Vermeidung von Überbelegung und sozialem Stress

Je ruhiger und stabiler diese Phase verläuft, desto besser gelingt der Übergang in die Laktation.

Prophylaktische Gabe von Propylenglykol

In Beständen mit erhöhter Ketoseprävalenz kann die prophylaktische Gabe von Propylenglykol sinnvoll sein.

Üblich sind etwa 250 bis 300 ml täglich in den ersten 10 bis 14 Tagen nach der Kalbung. Studien zeigen, dass sich damit das Risiko für subklinische Ketose reduzieren lässt.

Propylenglykol kann jedoch kein gutes Transition-Management ersetzen, sondern sollte immer nur eine ergänzende Maßnahme sein.

Fazit: Ketose bei der Kuh früh erkennen und gezielt vorbeugen

Ketose gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Stoffwechselerkrankungen in der Milchkuhhaltung – und gleichzeitig zu den Problemen, die sich mit gutem Management häufig vermeiden oder zumindest deutlich reduzieren lassen. Entscheidend ist ein konsequent umgesetztes Transition-Management rund um die Kalbung.

Meine klare Empfehlung lautet: Warte nicht erst auf sichtbare Symptome. Etabliere ein systematisches Ketosescreening in den ersten zwei Wochen nach der Kalbung, kontrolliere regelmäßig den Body Condition Score deiner Herde und überprüfe die Fütterung in der Trockenstehzeit kritisch.

Gerade die subklinische Ketose wird im Betriebsalltag leicht übersehen. Dabei betrifft sie in vielen Herden einen erheblichen Anteil der Kühe. Ohne gezielte Diagnostik bleibt sie häufig unentdeckt – mit entsprechenden Folgen für Tiergesundheit, Fruchtbarkeit und Milchleistung.

Jede erkannte Ketose ist auch eine Chance: für eine frühzeitige Therapie, für die Vermeidung von Folgeerkrankungen und für Verbesserungen im Herdenmanagement.

Wenn in deinem Betrieb häufiger Ketosefälle auftreten oder du unsicher bist, wie ein strukturiertes Früherkennungsprogramm aussehen kann, lohnt sich der Austausch mit deinem Bestandstierarzt. Gerade bei Fragen zur Transitfütterung, zum Monitoring oder zur Prävention ist eine tierärztliche Begleitung oft ein wichtiger Baustein für langfristig stabile Herden.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Eine Person, die eine Brille und eine blaue Jacke trägt, steht in einem Stall und hält den Kopf einer schwarz-weißen Kuh an ihre Brust. Im Hintergrund sind Heu und Metallboxen zu sehen.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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