Eine Nahaufnahme eines schwarz-weißen Kalbs mit einer gelben Ohrmarke, das in einem Stall aus einem Metalltränkegefäß Milch trinkt.

Kälberdurchfall? Was tun?: Warum ich nicht sofort zum Antibiotikum greife

Bei uns auf dem Hof gibt es ein Muster, das sich fast jedes Mal wiederholt: Ungefähr am siebten Lebenstag bekommen die Kälber Durchfall. Nicht immer, aber häufig genug, dass ich es fast schon einplane. Wenn ich dann eine Kotprobe einschicke, kommt meistens dasselbe Ergebnis zurück: Kryptosporidien. Manchmal auch Coli. Das Saufen wird schlechter, der Kot dünnbreiig – aber das Allgemeinbefinden ist in den meisten Fällen erstaunlich unauffällig.

Genau dieser letzte Punkt ist entscheidend. Denn ob ein Kalb mit Durchfall in Ruhe gelassen werden kann oder sofort behandelt werden muss, hängt nicht vom Kot ab, sondern davon, wie es dem Kalb insgesamt geht.

Das Wichtigste in Kürze

• Bei Kälberdurchfall zählt nicht der Kot, sondern Verhalten und Saufverhalten für das weitere Vorgehen.
• Solange das Kalb noch säuft: Milch reduzieren (nie ganz absetzen!) + Elektrolyt-Tränke, egal ob über Schale oder Nuckeleimer.
• Säuft es schlechter: Elektrolyte drenchen + Darmgesundheits-Zusätze.
• Säuft es gar nicht mehr: Infusion mit Glukose und Bicarbonat.
• Antibiotika sind bei Kryptosporidien wirkungslos und zerstören zusätzlich die Darmflora – bei mir die Ausnahme.
• Vorsorge wirkt am besten: gute Kolostrumversorgung, frühe Gewöhnung ans Trinken aus der Schale, ggf. Impfung der tragenden Kuh (Bovilis Cryptium).

Woran erkenne ich, dass es einem Kalb mit Durchfall schlecht geht?

Wenn ich zu einem Kalb mit Durchfall komme, schaue ich als Erstes nicht auf den Kot, sondern auf das allgemeine Verhalten. Steht es normal auf, bewegt es sich, reagiert es auf mich? Das sagt mir mehr als jede Kotkonsistenz.

Die Augen sind für mich erst der zweite Schritt – und ein ganz konkretes Warnsignal. Wenn ich merke, dass ein Kalb schlechter säuft und gleichzeitig die Augen etwas eingesunken sind, ist das für mich das Zeichen, dass dem Kalb schon spürbar Flüssigkeit fehlt. Die Augen zeigen mir also nicht „geht’s gut oder schlecht“, sondern konkret: Wie weit ist die Dehydrierung schon fortgeschritten?

Es gibt noch einen weiteren, unscheinbaren Hinweis auf das Verhalten, den viele übersehen: die Fliegen. Wenn im Sommer viele Fliegen ungestört auf einem Kalb sitzen bleiben – kein Schwanzschlagen, kein Kopfbewegen, kein Schütteln, kein Zucken der Haut –, ist das für mich ein Warnzeichen. Ein Kalb, dem es gut geht, wehrt Fliegen ab. Bewegt es sich nicht mehr dagegen, bewegt es sich generell zu wenig. Dann schaue ich genauer hin.

Kälberdurchfall was tun? Mein Stufenplan Schritt für Schritt

Wie ich eingreife, richtet sich danach, wie gut das Kalb noch selbst säuft:

Säuft es noch, aber hat etwas Durchfall, reduziere ich die Milchmenge etwas und biete zusätzlich eine Elektrolyt-Tränke an. Das Kalb trinkt dann selbst genug, um den Flüssigkeits- und Elektrolytverlust auszugleichen. Hierfür nutze ich die Elektrolyt-Tränke, Sicco Stop.

Säuft es schon deutlich schlechter, drenche ich Elektrolyte – ein gutes Präparat, ergänzt um Zusatzstoffe für die Darmgesundheit. Ich benutze Rehycalb plus. Hier reicht das eigenständige Trinken nicht mehr aus, ich muss aktiv nachhelfen.

Will das Kalb gar nicht mehr saufen, gebe ich eine Infusion mit Glukose und Bicarbonat. Das ist die Stufe, in der über die Tränke nichts mehr ankommt und der Kreislauf direkt unterstützt werden muss.

Erst wenn zusätzlich das Allgemeinbefinden tatsächlich gestört ist oder das Kalb Fieber hat, kommen bei mir Antibiotika ins Spiel. Ich nutze gerne Parafor, dem ja auch eine Wirkung gegen Kryptosporidien nachgesagt wird.

Ein kleiner Praxis-Tipp am Rande: Ist ein Kalb nur etwas schlapp, ohne dass ich schon in die höheren Stufen gehen muss, gebe ich ihm gerne ein ganzes rohes Ei direkt ins Maul zu fressen. Klingt ungewöhnlich, aber ich habe damit auf unserem Hof richtig gute Erfahrungen gemacht.

ZustandMaßnahme
Nur etwas schlappRohes Ei ins Maul
Säuft noch, Augen leicht eingesunkenMilch reduzieren + Elektrolyt-Tränke (Schale/Nuckeleimer)
Säuft deutlich schlechterElektrolyte drenchen + Darmgesundheits-Zusätze
Säuft gar nicht mehrInfusion mit Glukose und Bicarbonat
Allgemeinbefinden gestört, FieberAntibiotika

Warum ist das Saufverhalten bei Kälberdurchfall so entscheidend?

Dass ich das Saufverhalten so genau im Blick habe, hat einen handfesten physiologischen Grund. Durchfall führt fast immer zu einer Übersäuerung im Körper des Kalbes – über den Kot geht Bikarbonat verloren, durch die Austrocknung wird das Gewebe schlechter durchblutet, und im Darm entstehen bei der Fehlverdauung zusätzlich Säuren. Diese Übersäuerung wirkt sich direkt auf den Saugreflex aus: Ein Kalb, das zunehmend schlechter oder gar nicht mehr säuft, ist in aller Regel schon deutlicher übersäuert, als man ihm auf den ersten Blick ansieht.

Das Tückische daran ist der Teufelskreis, der daraus entsteht: Säuft das Kalb schlechter, nimmt es auch weniger von der oralen Elektrolyt- und Bikarbonatlösung auf. Die Übersäuerung bleibt dadurch unkorrigiert oder verschlimmert sich sogar – und der Saugreflex wird noch schwächer. Genau deshalb ist der Übergang von „säuft noch, aber schwächer“ zu „will gar nicht mehr saufen“ für mich die entscheidende Schwelle: Solange das Kalb noch trinkt, kann ich die Übersäuerung oral mit Elektrolyten und Bicarbonat, z. B. mit BiPill, ausgleichen. Säuft es gar nicht mehr, kommt oral nichts mehr an – dann hilft nur noch die Infusion mit Glukose und Bicarbonat, um den Kreislauf von außen zu durchbrechen.

Braucht ein Kalb bei Durchfall immer Antibiotika?

Hier widerspreche ich bewusst einer weitverbreiteten Reaktion: Durchfall beim Kalb ist nicht automatisch ein Fall für Antibiotika. Kryptosporidien – die häufigste Ursache bei uns – reagieren ohnehin nicht auf Antibiotika. Das ist ein Parasit, kein Bakterium. Ein unnötiger Antibiotikaeinsatz hilft dem Kalb in diesen Fällen nicht, sondern belastet nur unnötig und zerstört dabei auch noch die vorhandene Darmflora. Die guten Bakterien gehen mit kaputt, die das Kalb eigentlich gerade jetzt braucht.

Meine Philosophie: Eine gute Kolostrumversorgung in den ersten Lebensstunden ist die eigentliche Vorsorge. Kälber, die früh genug und ausreichend Kolostrum bekommen haben, haben ein Immunsystem, das die Durchfalltage in aller Regel gut wegsteckt – vorausgesetzt, sie saufen weiterhin gut und werden mit Elektrolyten und einem Bicarbonat-Zusatz (bei uns kommt BiPill zum Einsatz) unterstützt. Antibiotika sind dann die Ausnahme, nicht die Regel.

Einen Schritt weiter gehe ich gerade in der Planung: Ich möchte künftig tragende Kühe gegen Kryptosporidien impfen, mit Bovilis Cryptium. Den Tipp dazu habe ich von einer Kollegin aus dem Arbeitskreis Milchlandfrauen, die damit sehr gute Erfahrungen gemacht hat. Verabreicht wird zweimal – sechs Wochen und drei Wochen vor dem errechneten Kalbetermin. Die Antikörper landen dann über die Biestmilch beim Kalb und sollen die Kryptosporidien-Infektion von vornherein abschwächen, statt sie erst im Nachhinein behandeln zu müssen.

Es gibt daneben auch Kombi-Impfstoffe gegen Rotavirus, Coronavirus und E. coli (Rotavec oder Scourgard), die nach demselben Prinzip über die Biestmilch wirken. Die setze ich bei uns aber nicht ein, weil wir mit diesen Erregern schlicht kein Problem haben – bei uns ist laut Diagnostik eben Kryptosporidien die Ursache, die den Kälbern zu schaffen macht.

Ein Tipp aus der Vorsorge: Wasser aus der Schale von Anfang an

Noch ein Punkt, der mir wichtig ist – und der schon lange vor dem ersten Durchfall ansetzt: Ich biete meinen Kälbern so früh wie möglich Wasser aus der Schale an, nicht erst dann, wenn der Durchfall schon da ist. So kennen sie das Trinken aus der Schale bereits, wenn es wirklich darauf ankommt, und ich muss es ihnen nicht erst in der Stresssituation beibringen.

Dabei kommt es auf das „Wie“ nicht ganz so streng an, wie ich zuerst dachte – zumindest nicht bei den Elektrolyten. Der Grund liegt im Schlundrinnenreflex: Er sorgt dafür, dass Flüssigkeit beim Saugen an Pansen und Netzmagen vorbei direkt in den Labmagen geleitet wird – so, wie es beim Trinken von Milch auch sein soll. Bei Elektrolyten ist das kein Problem, wenn sie über den Nuckeleimer verabreicht werden und so über diesen Reflex in den Labmagen gelangen – im Gegenteil, von dort werden sie sogar schneller in den Dünndarm weitertransportiert und aufgenommen. Landen sie stattdessen im Pansen, dauert es nur etwas länger, bis sie wirken. Beides funktioniert also..

Bei reinem Wasser sehe ich das anders: Das sollte wirklich aus der Schale getrunken werden, nicht aus dem Nuckeleimer. Landet Wasser über den Schlundrinnenreflex im Labmagen, kann es dort die Verdauung der Milch stören. Aus der Schale getrunken, wird der Reflex nicht ausgelöst und das Wasser landet stattdessen im Pansen, wo es nicht stört. Der Wert der Schale liegt also nicht nur in der Gewöhnung, sondern beim Wasser auch ganz konkret darin, die Milchverdauung nicht durcheinanderzubringen.

Ein Punkt ist mir dabei aber wichtig: Die Milch sollte bei Durchfallkälbern auf keinen Fall ganz abgesetzt werden. Sie liefert dem Kalb weiterhin Energie und Nährstoffe, die es gerade jetzt braucht – deshalb reduziere ich die Menge nur, ich streiche sie nie komplett.

Meine Vorsorge-Bausteine:

  • Gute Kolostrumversorgung in den ersten Lebensstunden
  • Impfung der tragenden Kuh gegen Kryptosporidien (Bovilis Cryptium, 2×: 6 und 3 Wochen vor dem Kalbetermin)
  • Kälber früh ans Trinken aus der Schale gewöhnen
  • Milch nie ganz absetzen bei Durchfall

Was du als Landwirt:in mitnehmen solltest

Wenn ich zwei Wünsche hätte, wären es diese: Investiert mehr Aufmerksamkeit in die Kolostrumversorgung direkt nach der Geburt, als in die Frage, welches Antibiotikum beim Durchfall am Tag 7 das richtige ist. Und gewöhnt eure Kälber schon früh ans Trinken aus der Schale, dann ist im Ernstfall alles vorbereitet. Die Vorsorge passiert vor dem Durchfall, nicht währenddessen.

Und wenn der Durchfall dann kommt: Schaut auf die Augen, achtet auf das Saufverhalten, beobachtet, ob sich das Kalb noch normal bewegt – auch die Fliegen können euch etwas verraten. Solange das Allgemeinbefinden stimmt, ist Ruhe, eine Einstreu, auf der das Kalb trocken liegen kann, und eine gute Elektrolytversorgung oft schon die beste Behandlung. Wird es schlechter, ist das der Moment, den Tierarzt hinzuzuziehen – nicht schon beim ersten dünnen Kothaufen.

Wann bekommen Kälber typischerweise Durchfall?

Bei uns meist um den siebten Lebenstag, häufig durch Kryptosporidien, manchmal Coli. Das passt auch zum allgemeinen Muster: E. coli-bedingter Durchfall tritt meist nur in den ersten vier bis fünf Lebenstagen auf, Rota- und Coronaviren oft schon in den ersten Lebensstunden bis zur ersten Woche. Kryptosporidien treten meist etwas später auf, häufig um die zweite Lebenswoche herum – Kokzidien dagegen erst bei älteren, umgestallten Kälbern ab der zehnten Lebenswoche.
E. coli: nur in den ersten vier bis fünf Lebenstagen, danach entwickeln Kälber eine Resistenz gegen die auslösenden Stämme
Rota-/Coronaviren: sehr früh, teils schon 12–24 Stunden nach der Geburt, meist in der ersten Lebenswoche
Kryptosporidien: meist ab dem vierten Lebenstag, Schwerpunkt eher zweite Lebenswoche
Kokzidien (Eimeria): betreffen meist ältere, umgestallte Kälber ab der zehnten Lebenswoche, oft nach dem Umstallen in Gruppenhaltung

Muss ich bei Kälberdurchfall immer Antibiotika geben?

Nein. Kryptosporidien reagieren gar nicht darauf, und ein unnötiger Einsatz zerstört zusätzlich die Darmflora.

Woran erkenne ich, dass es einem Kalb mit Durchfall schlecht geht?

Am Verhalten, an leicht eingesunkenen Augen bei nachlassendem Saufen und daran, ob Fliegen noch abgewehrt werden.

Was tue ich, wenn ein Kalb kaum noch säuft?

Ich drenche Elektrolyte; säuft es gar nicht mehr, gebe ich eine Infusion mit Glukose und Bicarbonat. Die Milch setze ich dabei nie ganz ab.

Kann ich Kälberdurchfall durch Impfen der Mutterkuh vorbeugen?

Ja – z. B. mit Bovilis Cryptium, zweimal vor dem Kalben verabreicht, gehen die Antikörper über die Biestmilch ans Kalb. Dann ist aber die gute Kolostrumversorgung noch wichtiger, damit das Kalb die Antikörper auch aufnehmen kann.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Eine Person, die eine Brille und eine blaue Jacke trägt, steht in einem Stall und hält den Kopf einer schwarz-weißen Kuh an ihre Brust. Im Hintergrund sind Heu und Metallboxen zu sehen.

Wer schreibt hier?

Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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