Wie drenche ich ein Kalb?

Wenn ein Kalb geboren wird, ist es essenziell, dass es Kolostrum bekommt. Falls es nicht von selbst trinkt, sollte man es drenchen. Besonders bei lebensschwachen Kälbern oder wenn unklar ist, ob sie bereits an der Kuh getrunken haben, ist das Drenchen ein Muss. Eine Faustregel für die Kolostrummenge lautet: In den ersten drei Lebensstunden etwa 10 % des Körpergewichts.

Milch nur in den ersten 1–2 Lebenstagen drenchen!

Milch sollte nur in den ersten 1–2 Lebenstagen über eine Drenchsonde verabreicht werden. Der Grund: Milch gehört in den Labmagen, wo sie durch Enzyme wie Chymosin richtig gerinnt und verdaut wird.

Wird Milch fälschlicherweise in den Pansen geleitet, kann sie dort nicht verdaut werden. Stattdessen kommt es zu Gär- und Fäulnisprozessen, die Blähungen, Durchfall oder schwerwiegende Verdauungsprobleme verursachen können.

Elektrolyte hingegen können in jedem Alter über Drenchen verabreicht werden, z. B. zur Behandlung von Durchfall.

Auf unserem Betrieb nutzen wir zwei verschiedene Systeme:

  1. Flasche mit einer starren Drenchsonde
  2. Flexibler Schlauch, der auf die Nuckelflasche geschraubt werden kann

Ich bin mittlerweile auf das flexible System umgestiegen, da es für das Kalb angenehmer zu sein scheint – die Abwehrreaktionen sind deutlich geringer.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Drenchen

Schritt 1: Kolostrum in einer Flasche erwärmen

Kolostrum sollte vor der Verabreichung erwärmt werden, um:

  • Die Aufnahme der Antikörper zu optimieren: Kalte Milch verlangsamt die Magenentleerung und beeinträchtigt die Aufnahme der Immunglobuline (Antikörper). Ideale Temperatur: 38–40 °C (Körpertemperatur der Kuh).
  • Verdauungsprobleme zu vermeiden: Kaltes Kolostrum kann Durchfall verursachen und die Futteraufnahme reduzieren.
  • Die Körpertemperatur des Kalbes zu stabilisieren: Neugeborene Kälber sind empfindlich gegenüber Unterkühlung.

Wichtig: Kolostrum schonend erwärmen, z. B. im Wasserbad bei maximal 50 °C. Temperaturen über 60 °C zerstören die Antikörper! Keine Mikrowelle verwenden!

Schritt 2: Kalb fixieren

  • Wichtig: Den Kopf nicht überstrecken!
  • Ich fixiere das Kalb zwischen meinen Beinen in Brustlage oder im Stehen.
  • Das Kalb darf sich nicht durch Abwehrbewegungen befreien.
  • Achtung: Im Liegen können Kälber mit den Beinen ausschlagen – das kann schmerzhaft sein!
Schnauze eines Kalbes zwischen Beine geklemmt und mir einem Schlauch im Maul
Fixierung des Kalbes während des Einführens des Schlauches

Schritt 3: Drenchsonde oder Schlauch vorsichtig einführen

  • Sonde mittig ins Maul einführen, mit etwas Gleitgel an der Spitze für leichteres Abschlucken.
  • Korrekte Platzierung kontrollieren:
    • Das starre Drenchsystem kann man an der linken Halsseite spüren.
    • Der Schlauch muss langsam und weit genug vorgeschoben werden, damit er sicher in den Magen gelangt und nicht in die Luftröhre.

Besonders wichtig bei schwachen Kälbern: Oft fehlen Abwehrreaktionen wie Husten, daher besondere Vorsicht!

Beim Einführen der Sonde bzw. des Schlauches stelle ich die Flasche gerne auf dem Boden ab, damit ich beide Hände freihabe. Mit den Fingern der einen Hand fixiere ich den Schlauch in der Mitte des Maules. Dadurch kaut das Kalb häufig, das wiederum regt das Schlucken an.

Schnauze eines Kalbes mit einem Schlauch im Maul. Auf dem Boden steht eine Milchflasche, in der der Schlauch endet.
Schlauch ausreichend weit eingeführt

Schritt 4: Milch aus der Flasche einflößen

  • Das Kolostrum sollte durch Schwerkraft fließen, niemals drücken oder pressen!
  • Während des Einfließens regelmäßig den Sitz der Sonde kontrollieren. Falls nötig, nachschieben.

Schritt 5: Drenchsonde vorsichtig entfernen

  • Ist die Flasche leer, sollte man den Schlauch abknicken, um zu verhindern, dass Restmilch in die Luftröhre läuft.
  • Langsam und kontrolliert herausziehen, um Verletzungen zu vermeiden.
  • Kalb beobachten:
    • Ist es munter?
    • Hat es Atemprobleme?
    • Läuft Milch aus der Nase? (Hinweis auf mögliche Aspiration)
Hand mit einem abgeknickten Schlauch
Abgeknickter Schlauch vor dem Herausziehen

Sauberkeit ist entscheidend!

Die Antikörper im Kolostrum können nur einmal wirken – im Kalb, nicht im Drenchsystem!

Warum ist Hygiene so wichtig?

  • Bakterienwachstum verhindern: Kolostrum ist ein ideales Nährmedium für Keime. Hohe Keimbelastung kann die Antikörperaufnahme im Darm reduzieren.
  • Immunglobuline schützen: Verschmutzungen können die wertvollen Antikörper „verbrauchen“, bevor das Kalb sie aufnehmen kann.
  • Infektionsrisiko minimieren: Frühzeitiger Kontakt mit Krankheitserregern kann das Kalb schwächen, bevor sein Immunsystem gestärkt ist.

Hygieneregeln für die Kolostrumgewinnung:

  • Sauberes Euter: Falls per Hand gemolken wird, das Euter vorher gründlich reinigen (sauberes Tuch, warmes Wasser).
  • Saubere Melkausrüstung: Melkeimer und Flaschen nach jeder Nutzung reinigen und desinfizieren.
  • Schnelle Abkühlung: Falls das Kolostrum nicht sofort verfüttert wird, rasch auf max. 4 °C herunterkühlen oder pasteurisieren, um Keimwachstum zu verhindern.
  • Kein altes oder kontaminiertes Kolostrum verwenden: Nur frisches, sauberes Kolostrum von gesunden Kühen verwenden.

Fazit

Richtiges Drenchen kann lebensrettend sein, muss aber mit Vorsicht und Hygiene durchgeführt werden. Durch eine saubere Kolostrumgewinnung, korrektes Fixieren und langsames Einführen der Sonde wird sichergestellt, dass das Kalb sicher mit wertvollen Antikörpern versorgt wird.

Denn nur was richtig ins Kalb kommt, kann wirken!

Praxis-Hilfe zum Download:
In meinem kostenlosen PDF „Wie drenche ich ein Kalb?“ zeige ich dir Schritt für Schritt, wie das Drenchen sicher, stressarm und korrekt durchgeführt wird – inklusive typischer Fehler und praktischer Tipps aus dem Stallalltag.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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