Mehrere schwarz-weiße Kälber liegen auf einer Strohunterlage in einem Stall, während ein Kalb im Hintergrund steht. Alle Kälber tragen gelbe Ohrmarken und wirken ruhig.

Kälberhusten ist keine Diagnose: Warum die Ursache vor der Spritze kommt

In den ersten kalten Nächten im Herbst höre ich ihn oft zum ersten Mal: einen Huster aus der Kälbergruppe.

Ein Kalb hustet. Dann noch eins. Und sofort steht die Frage im Raum: Muss ich behandeln?

Meine Antwort als Tierärztin und Landwirtin lautet: Nicht jeder Huster braucht ein Antibiotikum. Aber jeder Huster verdient Aufmerksamkeit.

Denn „Kälberhusten“ ist zunächst nur ein Symptom. Dahinter können Bakterien stecken, aber ebenso Viren, schlechte Stallluft oder eine Kombination aus mehreren Faktoren. Wer sofort zur Spritze greift, ohne genauer hinzusehen, behandelt womöglich am eigentlichen Problem vorbei. Wer dagegen zu lange wartet, riskiert bleibende Lungenschäden.

Ich habe in meiner Zeit als Tierärztin Kälber erlebt, die mit vorgestrecktem Kopf dastanden, durchs Maul atmeten, die Zunge heraushängen ließen und regelrecht nach Luft pumpten. Bei solchen chronisch lungenkranken Tieren sollte der Tierarzt dann noch die „Zauberspritze“ hervorholen.

Aber diese Zauberspritze gibt es nicht.

Das Wichtigste in Kürze

• Husten ist ein Symptom, noch keine Diagnose. Auch Viren, Bakterien und ungünstige Stallluft können zusammenwirken.
• Schau auf das ganze Kalb: Temperatur, Atmung, Munterkeit und Tränkeaufnahme sind wichtiger als der Husten allein.
• Fieber, angestrengte Atmung, schlechtes Trinken oder mehrere kranke Kälber sind Gründe, frühzeitig den Tierarzt einzubeziehen..
• Antibiotika wirken gegen Bakterien, nicht gegen Viren. Bleibt die Besserung aus oder kehrt der Husten wieder, muss die Ursache überprüft werden.
• Frische Luft ohne Zugluft, saubere Einstreu, Kolostrumversorgung und ein passendes Impfkonzept helfen bei der Vorbeugung.

Warum Kälber gerade im Herbst und Frühjahr husten

Kälberhusten tritt häufig in den Übergangszeiten auf: im Herbst, wenn die Nächte kalt werden, und im Frühjahr, wenn die Temperaturen stark schwanken.

Die Kälte allein macht das Kalb jedoch nicht krank. Problematisch wird es häufig durch das, was wir Menschen als Reaktion auf die Kälte tun: Türen zu, Jalousien zu, bloß keine kalte Luft in den Stall lassen. Damit bleiben aber auch Feuchtigkeit, Keime, Staub und Schadgase im Gebäude.

Bei uns öffne ich deshalb in dieser Jahreszeit die Jalousien tagsüber wieder. Ich bin eine große Verfechterin frischer Luft. Das bedeutet nicht, dass die Kälber im Durchzug stehen sollen. Frische Luft und Zugluft sind nicht dasselbe. Der Stall braucht einen ausreichenden Luftaustausch, ohne dass kalte Luft dauerhaft direkt auf die Tiere trifft.

Gerade in eingestreuten Ställen kann Ammoniak zum Problem werden. Es entsteht beim Abbau von Harn und Kot und reizt die Schleimhäute der Atemwege. Untersuchungen in Kälberställen zeigen Zusammenhänge zwischen Ammoniakbelastung, Luftgeschwindigkeit, Stalltemperatur und Lungenveränderungen. Wenn plötzlich viele Kälber husten, gehört deshalb nicht nur die Tierapotheke kontrolliert, sondern auch das Stallklima.

Ein Huster ist noch keine Lungenentzündung

Wenn ich ein Kalb husten höre, greife ich nicht automatisch zur Spritze. Zuerst schaue ich mir das Tier an.

Dabei achte ich vor allem auf folgende Fragen:

  • Ist das Kalb munter und aufmerksam?
  • Trinkt es seine gewohnte Milchmenge?
  • Frisst es Kraftfutter und Heu wie sonst?
  • Ist die Atemfrequenz in Ruhe erhöht?
  • Atmet es angestrengt oder arbeitet die Bauchdecke sichtbar mit?
  • Hustet es nur gelegentlich oder immer wieder?
  • Hat es Nasen- oder Augenausfluss?
  • Hat es Fieber?
  • Ist nur ein Kalb betroffen oder beginnt die ganze Gruppe zu husten?

Ein kurzer Huster bei einem ansonsten munteren, fieberfreien und gut trinkenden Kalb ist anders zu bewerten als Husten zusammen mit Fieber, Mattigkeit, verringerter Tränkeaufnahme und beschleunigter Atmung.

Ich höre zusätzlich die Lunge ab. Das ist nicht ausschließlich Tierärzten vorbehalten: Auch Landwirte können mit etwas Übung lernen, auffällige Atemgeräusche zu erkennen. Durch Ausbildung und Erfahrung kann ich als Tierärztin jedoch besser einordnen, woher ein Geräusch kommt und ob es für eine behandlungsbedürftige Lungenerkrankung spricht. Bei einem gesunden Kalb sind in vielen Lungenbereichen nur schwache Atemgeräusche zu hören. Deutlich verschärfte Geräusche, Rasseln oder auffällig stille Bereiche können wichtige Hinweise geben. Allerdings darf man sich auch darauf nicht blind verlassen: Tiefer liegende Lungenveränderungen können vorhanden sein, obwohl die äußeren Krankheitszeichen noch wenig dramatisch wirken. In solchen Fällen kann eine Ultraschalluntersuchung der Lunge zusätzliche Klarheit bringen.

Nasenausfluss: ein Hinweis, aber kein Beweis

Auch der Nasenausfluss liefert Hinweise. Klarer, wässriger Ausfluss passt eher zu einer Reizung der Schleimhäute oder zu einem frühen viralen Geschehen. Schleimig-eitriger Ausfluss lässt eher an eine stärkere Entzündung und eine bakterielle Beteiligung denken.

So einfach wie „wässrig gleich viral, eitrig gleich bakteriell“ ist es trotzdem nicht. Anhand des Nasenausflusses allein lässt sich der Erreger nicht sicher bestimmen. Entscheidend bleibt das Gesamtbild aus Temperatur, Atmung, Allgemeinbefinden, Tränkeaufnahme, Befunden an der Lunge und dem Verlauf in der Gruppe.

Auch die Höhe des Fiebers kann einen Hinweis geben. Nach meiner Erfahrung sehe ich besonders hohe Temperaturen häufiger bei akuten viralen Infektionen, vor allem wenn mehrere Kälber nahezu gleichzeitig erkranken. Beweisen lässt sich die Ursache damit allerdings nicht: Auch bakterielle Lungenentzündungen können Fieber über 40 Grad verursachen. Die Temperatur ist deshalb ein wichtiges Warnsignal, aber kein zuverlässiger Viren-oder-Bakterien-Test.

Viren öffnen Bakterien oft die Tür

Die Rindergrippe – fachlich sprechen wir vom bovinen Atemwegserkrankungskomplex – ist selten die Arbeit eines einzigen Erregers. Häufig treffen mehrere Belastungen aufeinander:

  • Viren wie BRSV, Parainfluenza-3 oder das bovine Coronavirus,
  • Bakterien wie Mannheimia haemolytica, Pasteurella multocida, Histophilus somni oder Mycoplasma bovis,
  • Stress durch Umstallung, Gruppenwechsel oder starke Temperaturschwankungen,
  • eine hohe Keimbelastung und ungünstige Stallluft,
  • eine unzureichende Immunabwehr.

Eine virusbedingte Lungenentzündung kann die Schleimhäute und das Lungengewebe schädigen. Dadurch haben Bakterien leichteres Spiel und können sich als Sekundärinfektion auf die bereits vorgeschädigte Lunge setzen. Aus einer zunächst viralen Erkrankung kann so eine schwere Mischinfektion werden.

Deshalb kann auch bei einem vermutlich viralen Ausgangsgeschehen eine antibiotische Behandlung sinnvoll sein – nämlich dann, wenn aufgrund des Krankheitsverlaufs und der klinischen Befunde eine bakterielle Beteiligung ernsthaft zu vermuten ist. Das Antibiotikum wirkt nicht gegen das Virus, sondern gegen die gleichzeitig vorhandene oder hinzukommende bakterielle Infektion.

Ich würde allerdings nicht jedes Kalb mit einer Virusinfektion automatisch „zur Sicherheit“ antibiotisch behandeln. Entscheidend sind das Allgemeinbefinden, der Fieberverlauf, die Atemarbeit, die Befunde an der Lunge und das Krankheitsgeschehen in der gesamten Gruppe.

Wann braucht ein hustendes Kalb ein Antibiotikum?

Ein Antibiotikum ist dann sinnvoll, wenn eine bakterielle Lungenentzündung vorliegt oder aufgrund der Befunde ernsthaft vermutet werden muss. Fieber, ein gestörtes Allgemeinbefinden, reduzierte Tränkeaufnahme, eine erhöhte oder angestrengte Atmung und auffällige Lungenbefunde wiegen dabei schwerer als der Husten allein.

Die Wahl des Präparats gehört in die Hand des behandelnden Tierarztes. Sie richtet sich unter anderem nach den wahrscheinlichen Erregern, früheren Behandlungen im Bestand, vorhandenen Resistenzbefunden, dem Alter des Kalbes und der Zulassung des Arzneimittels.

Genau hier liegt das Dilemma: Ich möchte nicht sofort mit der antibiotischen „Keule“ behandeln. Es hilft dem Kalb aber ebenso wenig, zunächst ein möglichst harmlos erscheinendes Mittel einzusetzen, wenn es gegen die beteiligten Bakterien voraussichtlich nicht wirkt. Bei einer Lungenentzündung arbeitet die Zeit gegen uns. Je länger die Entzündung anhält, desto größer ist die Gefahr, dass Lungengewebe dauerhaft geschädigt wird.

Das Ziel ist deshalb nicht das schwächste oder das stärkste Antibiotikum, sondern das passende. Eine frühzeitige wirksame Behandlung kann das Fortschreiten der Lungenveränderungen begrenzen. Trotzdem sollte man nicht wahllos mit einem Reservewirkstoff beginnen, sondern Befunde, Bestandserfahrungen und vorhandene Resistenzuntersuchungen in die Entscheidung einbeziehen.

Nach Beginn der Behandlung kontrolliere ich das Kalb am nächsten Tag erneut. Dann möchte ich zumindest eine deutliche Tendenz zur Besserung sehen: Das Fieber sinkt, das Kalb ist munterer, trinkt besser oder atmet weniger angestrengt. Bleibt diese Entwicklung aus oder verschlechtert sich das Tier sogar, muss ich Diagnose und Therapie hinterfragen. Das heißt allerdings nicht, nach 24 Stunden automatisch das nächste Antibiotikum zu spritzen. Die vorgesehene Wirkdauer des Präparats und der gesamte klinische Verlauf müssen dabei berücksichtigt werden.

Sind mehrere Tiere einer Gruppe klinisch erkrankt und besteht ein hohes Risiko, dass weitere bereits infiziert sind, kann eine tierärztlich begründete Gruppenbehandlung infrage kommen. Das ist keine beliebige „Vorsorgespritze“, sondern eine Metaphylaxe. Sie muss auf einer Bestandsdiagnose beruhen und darf nicht den Blick auf Lüftung, Belegung, Hygiene und Impfmanagement ersetzen.

Zur Behandlung gehört für mich außerdem, die Entzündungsreaktion und das Befinden des Kalbes mitzudenken. Entzündungshemmende Medikamente können je nach Krankheitsbild sinnvoll sein. Welcher Wirkstoff geeignet ist, muss im Einzelfall entschieden werden – besonders bei schwerer Atemnot und wenn eine virale Beteiligung möglich ist. Das Kalb muss anschließend weiter kontrolliert werden. Eine Spritze ersetzt keine Verlaufskontrolle.

Die ganze Stallapotheke durchprobieren? Bitte nicht

In der Praxis habe ich es häufig erlebt: Ein Kalb wurde bereits mit mehreren Antibiotika behandelt. Nichts hat richtig geholfen. Irgendwann wurde der Tierarzt gerufen und sollte nun noch ein weiteres, möglichst „starkes“ Mittel finden.

Das Problem: Ist ein großer Teil der Lunge dauerhaft geschädigt, kann auch das nächste Antibiotikum kein gesundes Lungengewebe zurückzaubern. Gleichzeitig fördert jeder unnötige oder ungezielte Antibiotikaeinsatz die Selektion resistenter Bakterien.

Deshalb gilt: Nicht wahllos wechseln, sondern bei ausbleibendem Erfolg die Diagnose überprüfen.

Vielleicht passt das Antibiotikum nicht zum Erreger. Vielleicht ist ein Virus beteiligt. Vielleicht steckt Mycoplasma bovis dahinter. Vielleicht ist die Lunge bereits stärker verändert als von außen erkennbar. Oder das eigentliche Bestandsproblem liegt in der Stallluft.

Natürlich kostet es Geld, den Tierarzt auf den Hof zu holen. Deshalb ist es nachvollziehbar, bei einem bekannten Krankheitsbild zunächst selbst mit der Behandlung zu beginnen. Wenn es dafür eine mit dem Hoftierarzt abgesprochene Behandlungsanweisung gibt und man aus Erfahrung weiß, dass ein bestimmtes Mittel in solchen Fällen gut wirkt, spricht nichts dagegen.

Entscheidend ist jedoch, das Kalb anschließend genau zu kontrollieren. Am nächsten Tag möchte ich zumindest eine positive Tendenz sehen: Das Fieber sinkt, das Kalb ist munterer, trinkt besser oder atmet weniger angestrengt. Bleibt diese Entwicklung aus oder verschlechtert sich das Tier sogar, sollte man nicht auf eigene Faust ein Antibiotikum nach dem anderen ausprobieren, sondern frühzeitig den Tierarzt hinzuziehen.

Denn mit jedem Tag, an dem die Behandlung nicht greift, kann die Schädigung der Lunge zunehmen. Ein Tierarztbesuch kostet zwar Geld. Ein chronisch lungenkrankes Kalb kann aber noch viel teurer werden: Es kann sterben, dauerhaft kümmern oder später als Milchkuh hinter seiner möglichen Leistung zurückbleiben. Die Tierarztrechnung sieht man sofort – die Rechnung für eine zu lange unwirksame Behandlung oft erst Monate oder Jahre später.

Wenn der Husten immer wiederkommt: Diagnostik statt Rätselraten

Wenn in einer Kälbergruppe regelmäßig Atemwegsprobleme auftreten, viele Tiere erkranken oder die Behandlung nicht wie erwartet wirkt, lohnt sich eine gezielte Diagnostik. Als Tierärztin empfehle ich sie vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, dass wir uns im Kreis drehen: immer wieder erkrankte Tiere, immer wieder Antibiotika – aber keine wirkliche Verbesserung im Bestand.

Der Aufwand lohnt sich, weil er das Rätselraten beendet. Statt blind das nächste Mittel auszuprobieren, weiß man hinterher besser, womit man es tatsächlich zu tun hat.

Je nach Fragestellung kommen unter anderem infrage:

  • Nasen- oder tiefe Nasen-Rachen-Tupfer,
  • Proben aus den tieferen Atemwegen, etwa eine Trachealspülprobe oder bronchoalveoläre Lavage,
  • bakteriologische Untersuchungen mit Antibiogramm,
  • PCR-Untersuchungen auf ausgewählte virale und bakterielle Erreger,
  • Lungenultraschall zur Beurteilung von Verdichtungen des Lungengewebes.

Ein einfacher Nasentupfer ist leicht zu entnehmen, bildet die Verhältnisse tief in der Lunge aber nicht immer zuverlässig ab. Eine Untersuchung, die Nasentupfer, tiefe Nasen-Rachen-Tupfer, bronchoalveoläre Lavage und Trachealspülproben verglichen hat, zeigte je nach Erreger deutliche Unterschiede zwischen den Nachweisverfahren. Proben aus den unteren Atemwegen sind aufwendiger, können bei hartnäckigen Bestandsproblemen jedoch deutlich aussagekräftiger sein.

Auf unserem eigenen Betrieb habe ich bisher weder Nasentupfer noch Trachealspülproben oder eine bronchoalveoläre Lavage benötigt. Wir haben kein wiederkehrendes Atemwegsproblem, das eine solche Erregerdiagnostik erforderlich gemacht hätte. Bei den einzelnen behandlungsbedürftigen Fällen haben wir mit Oxytetracyclin bislang gute Erfahrungen gemacht.

Die Untersuchungsmethoden kenne ich allerdings aus meiner Doktorarbeit. Damals habe ich die Lungen gesunder und lungenkranker Kälber mit Ultraschall untersucht. Dabei wurden auch entsprechende Proben aus den Atemwegen genommen. Ich weiß deshalb, welchen Wert eine genauere Diagnostik haben kann, wenn die üblichen Behandlungen nicht greifen oder Atemwegserkrankungen in einem Bestand immer wieder auftreten.

Solche Proben sind für mich keine Routineuntersuchung bei jedem hustenden Kalb. Sie sind dann sinnvoll, wenn man sich im Kreis dreht und endlich wissen muss, welche Erreger beteiligt sind. Welche Proben und Untersuchungen im konkreten Fall am meisten weiterhelfen, sollte der Hoftierarzt anhand der Situation im Bestand entscheiden.

Vorbeugen heißt mehr als impfen

Impfungen gegen wichtige Erreger des Atemwegskomplexes können ein sinnvoller Baustein sein – beispielsweise gegen BRSV und Parainfluenza-3. Welches Impfschema passt, hängt jedoch vom Alter der Tiere, dem Infektionsdruck, den vorhandenen maternalen Antikörpern und dem bisherigen Krankheitsgeschehen im Betrieb ab.

Eine Impfung kann gute Haltungsbedingungen nicht ersetzen. Ebenso wenig kann eine offene Jalousie alle Infektionen verhindern. Erfolgreiche Vorbeugung besteht aus mehreren Bausteinen:

  • ausreichende und frühe Kolostrumversorgung,
  • trockene, saubere Liegeflächen,
  • viel Frischluft ohne dauerhafte Zugluft,
  • geringe Schadgas- und Staubbelastung,
  • möglichst stabile Gruppen,
  • frühzeitiges Erkennen kranker Tiere,
  • ein zum Betrieb passendes Impfkonzept.

Aus dem kranken Kalb wird nicht automatisch eine leistungsstarke Kuh

Eine Lungenentzündung ist nicht nur ein akutes Problem. Schwere oder wiederholte Erkrankungen in den ersten Lebensmonaten können Wachstum, Überlebenschancen und spätere Leistung beeinträchtigen.

Eine Metaanalyse zu Atemwegserkrankungen bei Milchviehkälbern fand im Durchschnitt geringere tägliche Zunahmen und rund 121 Kilogramm weniger Milch in der ersten Laktation bei als Kalb erkrankten Tieren. In einer einzelnen Studie waren ausgeprägte, per Ultraschall festgestellte Lungenverdichtungen sogar mit einem um 525 Kilogramm niedrigeren Erstlaktationsertrag verbunden. Solche Zahlen lassen sich nicht eins zu eins auf jeden Betrieb und jedes Kalb übertragen. Sie zeigen aber deutlich: Eine geschädigte Kälberlunge kann Folgen haben, die erst Jahre später sichtbar werden.

Oder einfacher gesagt: Kälber, die immer wieder wegen Lungenentzündung behandelt werden müssen, werden später häufig nicht die Top-Milchkühe.

Darum lohnt es sich, beim ersten Husten genau hinzusehen, früh zu reagieren und wiederkehrenden Problemen wirklich auf den Grund zu gehen. Eine gesunde Kälberlunge ist eine Investition in die spätere Kuh.

Was du beim ersten Husten tun kannst

Wenn du in der Kälbergruppe einen Huster hörst, arbeite nicht sofort die Stallapotheke durch. Beginne mit fünf einfachen Schritten:

  1. Kalb beobachten: Ist es munter, trinkt und frisst es?
  2. Temperatur messen: Fieber verändert die Beurteilung deutlich.
  3. Atmung ansehen: Atemfrequenz und Atemarbeit in Ruhe kontrollieren.
  4. Gruppe und Stall prüfen: Hustet nur ein Tier? Wie sind Luft, Einstreu und Ammoniakbelastung?
  5. Rechtzeitig den Tierarzt einbeziehen: besonders bei Fieber, reduzierter Tränkeaufnahme, angestrengter Atmung, mehreren erkrankten Tieren oder fehlendem Behandlungserfolg.

Nicht jeder Huster ist eine Lungenentzündung. Aber aus einem übersehenen Huster kann eine werden. Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst schnell irgendeine Spritze zu geben, sondern möglichst früh die richtige Ursache zu erkennen.

Häufige Fragen zu Kälberhusten

Muss ich jedes hustende Kalb sofort behandeln?

Nicht jeder einzelne Huster bedeutet eine Lungenentzündung. Schau dir das Kalb zuerst in Ruhe an: Ist es munter, trinkt es normal und atmet es ohne Anstrengung? Miss die Temperatur und beobachte, ob der Husten wiederkehrt. Bei deutlichen Krankheitszeichen solltest du nicht abwarten, bis es dem Kalb sichtbar schlecht geht.

Bedeutet Fieber, dass Bakterien die Ursache sind?

Nein. Auch Virusinfektionen können Fieber verursachen. Umgekehrt lässt sich aus einem einzelnen Messwert keine sichere Diagnose ableiten. Temperatur, Tränkeaufnahme, Allgemeinbefinden und Atmung müssen zusammen beurteilt werden. Das gilt ebenso für Nasenausfluss: Ob er wässrig oder eitrig ist, verrät für sich allein nicht zuverlässig, welcher Erreger beteiligt ist.

Wann braucht ein Kalb mit Husten ein Antibiotikum?

Wenn eine bakterielle Lungenentzündung vorliegt oder aufgrund der Befunde ernsthaft vermutet wird, kann ein Antibiotikum notwendig sein. Gegen Viren wirkt es nicht. Welches Arzneimittel im konkreten Fall passt, muss die behandelnde Tierärztin oder der behandelnde Tierarzt entscheiden. Einfach mehrere Mittel nacheinander auszuprobieren, ist keine gute Strategie.

Wann sollte ich den Tierarzt rufen?

Frühzeitig bei Fieber, verminderter Tränkeaufnahme, Mattigkeit oder auffällig schneller beziehungsweise angestrengter Atmung. Auch wenn mehrere Kälber husten oder ein behandeltes Tier nicht wie erwartet besser wird, sollte die Situation tierärztlich überprüft werden. Maulatmung und ausgeprägte Atemnot sind besonders dringliche Warnzeichen.

Was ist sinnvoll, wenn der Husten in der Gruppe immer wiederkommt?

Dann reicht es nicht, nur das nächste Kalb zu behandeln. Gemeinsam mit dem Hoftierarzt sollten Stallluft, Belegung, Hygiene und Impfmanagement geprüft werden. Je nach Fragestellung können Tupfer, Proben aus den tieferen Atemwegen oder Lungenultraschall helfen. Die Probenahme ist vor einer Behandlung oft aussagekräftiger.

Kann ich Kälberhusten durch Lüften und Impfen verhindern?

Beides kann helfen, ist aber keine Garantie. Der Stall braucht frische Luft, ohne dass die Kälber ständig im Durchzug stehen. Ebenso wichtig sind trockene Liegeflächen, eine gute Kolostrumversorgung, möglichst stabile Gruppen und das frühe Erkennen kranker Tiere. Ein Impfkonzept sollte zum jeweiligen Betrieb und seinen Erregern passen.

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine Untersuchung und keine betriebsbezogene Therapieentscheidung durch die behandelnde Tierärztin oder den behandelnden Tierarzt. Antibiotika und entzündungshemmende Arzneimittel dürfen nur entsprechend Diagnose, Zulassung und tierärztlicher Anweisung eingesetzt werden.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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