Draußen flimmert die Luft, der Asphalt strahlt Wärme ab, und selbst im Schatten wird es nicht wirklich besser. Wenn wir Menschen schon stöhnen, wie geht es dann eigentlich unseren Kühen?
Diese Frage hat mich aus unserer Community erreicht – und sie passt gerade perfekt. Denn Hitzestress bei Milchkühen beginnt früher, als die meisten vermuten.
Aber wann ist es einer Kuh eigentlich zu heiß? Woran erkennt man Hitzestress – und was können wir im Stall dagegen tun?
Das Wichtigste in Kürze
• Hitzestress bei Milchkühen beginnt oft schon bei einem THI (Temperatur-Feuchte-Index) von etwa 68 – das können weniger als 25 °C bei hoher Luftfeuchtigkeit sein.
• Hochleistende Milchkühe produzieren durch Verdauung und Stoffwechsel ständig Eigenwärme und reagieren deshalb empfindlicher auf hohe Außentemperaturen als andere Tiere.
• Typische Anzeichen: schnellere Atmung bis hin zu Hecheln, mehr Stehen, weniger Fressen, stark erhöhter Wasserverbrauch (über 100 Liter pro Tag).
• Hitzestress kann Pansen, Milchleistung und Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit können noch nach der eigentlichen Hitzeperiode sichtbar sein.
• Die wichtigste Maßnahme im Stall: Luftbewegung durch Ventilatoren, kombiniert mit ausreichend Wasser.
Kühe mögen es deutlich kühler als wir
Eine Milchkuh produziert ständig selbst Wärme. Und zwar eine ganze Menge. Das liegt unter anderem an ihrem Verdauungssystem. Der Pansen – der größte ihrer vier Mägen – funktioniert ein bisschen wie ein riesiger Gärtank. Milliarden von Mikroorganismen zerlegen dort das Futter. Bei diesen Fermentationsprozessen entsteht Wärme.
Dazu kommt die Milchproduktion. Je höher die Leistung einer Kuh ist, desto aktiver ist ihr Stoffwechsel – und desto mehr Wärme produziert ihr Körper. Deshalb können Temperaturen, die wir Menschen noch ausgesprochen angenehm finden, für eine hochleistende Milchkuh bereits belastend werden.
Dabei entscheidet allerdings nicht allein die Zahl auf dem Thermometer.
Ab wann spricht man von Hitzestress?
Von Hitzestress spricht man, wenn eine Kuh mehr Wärme produziert oder aufnimmt, als sie ausreichend an ihre Umgebung abgeben kann.
Um die Wärmebelastung von Kühen einzuschätzen, wird häufig der sogenannte THI verwendet – der Temperature-Humidity Index, auf Deutsch Temperatur-Feuchte-Index. Er berücksichtigt neben der Temperatur auch die Luftfeuchtigkeit. Denn je feuchter die Luft ist, desto schwieriger kann die Kuh Wärme an ihre Umgebung abgeben. Als grober Schwellenwert für beginnenden Hitzestress bei Milchkühen gilt häufig ein THI von etwa 68. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft ordnet Werte über 68 bereits als milden Hitzestress ein. Hochleistende Kühe können allerdings schon früher reagieren. Der THI hat außerdem Grenzen. Ob eine Kuh tatsächlich unter Hitze leidet, hängt auch von Luftbewegung, direkter Sonneneinstrahlung, Milchleistung und natürlich vom einzelnen Tier ab.
Deshalb ist für mich mindestens genauso wichtig wie jeder errechnete Wert: die Kühe beobachten.
Woran erkenne ich Hitzestress bei einer Kuh?
Eines der ersten und praktischsten Warnzeichen ist die Atemfrequenz. Bei zunehmender Wärmebelastung beginnen Kühe schneller zu atmen. Aus einer zunächst nur leicht erhöhten Atemfrequenz kann deutlich sichtbares Hecheln werden. Bei starkem Hitzestress sind Atemfrequenzen von 80, 100 oder mehr Atemzügen pro Minute möglich.
Daneben verändert sich auch das Verhalten:
- Die Kühe stehen mehr und liegen weniger.
- Sie suchen Bereiche mit stärkerer Luftbewegung auf.
- Sie fressen weniger.
- Sie trinken deutlich mehr.
- Das Wiederkäuen kann zurückgehen.
- Bei stärkerem Hitzestress steigt die Körpertemperatur.
Auch an der Milchleistung können wir die Belastung erkennen. Wenn die Futteraufnahme sinkt und der Stoffwechsel durch die Hitze belastet wird, geht häufig auch die Milchmenge zurück. Der Leistungsabfall ist dabei nicht das eigentliche Problem, sondern ein Hinweis darauf, dass die Kuh mit der Hitze zu kämpfen hat.
Warum trinken Kühe bei Hitze so viel?
Wasser ist bei hohen Temperaturen besonders wichtig. Schon ohne Hitzestress hat eine hochleistende Milchkuh einen enormen Wasserbedarf. Bei hohen Temperaturen kann dieser noch einmal deutlich steigen. Abhängig von Milchleistung, Fütterung und Wetter sind dann auch mehr als 100 Liter pro Kuh und Tag möglich. Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass Wasser vorhanden ist. Die Kühe müssen es auch problemlos erreichen können. Tränken müssen ausreichend groß sein, genügend Wasser nachliefern und so verteilt sein, dass nicht einzelne Tiere den Zugang blockieren. Gerade an heißen Tagen ist Wasser deshalb eines der ersten Dinge, auf die wir achten.
Was passiert bei Hitzestress im Körper?
Eine der ersten Reaktionen des Körpers auf Hitze ist eine sinkende Futteraufnahme. Das ist zunächst einmal nachvollziehbar: Fressen und vor allem die Verdauung im Pansen produzieren zusätzliche Wärme. Weniger Futter bedeutet also zunächst einmal weniger Eigenwärme. Für eine Milchkuh hat das allerdings Folgen. Sie nimmt weniger Energie und Nährstoffe auf. Gleichzeitig benötigt ihr Körper zusätzliche Energie, um mit der Wärmebelastung fertigzuwerden. Die Milchleistung kann zurückgehen.
Gleichzeitig steigt bei Hitzestress die Atemfrequenz. Durch das verstärkte Abatmen von Kohlendioxid kann sich der Säure-Basen-Haushalt des Körpers verschieben. Die Niere reagiert darauf unter anderem mit einer erhöhten Ausscheidung von Bicarbonat – damit steht weniger davon für die Pufferung im Pansen zur Verfügung. Zusammen mit dem veränderten Fressverhalten kann das Risiko für eine Pansenübersäuerung erhöhen.
Leidet auch die Fruchtbarkeit unter Hitzestress?
Ja – und das oft verzögert, nicht sofort. Hitze kann die Entwicklung der Follikel und die Qualität der Eizellen beeinträchtigen. Auch die Brunst kann weniger deutlich ausgeprägt sein. Besonders empfindlich reagieren außerdem Embryonen in den ersten Tagen nach der Befruchtung. Deshalb kann eine Hitzeperiode noch Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben, wenn die besonders heißen Tage längst vorbei sind. Für einen Milchviehbetrieb ist Hitzestress deshalb weit mehr als die Frage, ob eine Kuh sich an einem heißen Nachmittag unwohl fühlt. Er betrifft Stoffwechsel, Pansen, Milchleistung, Fruchtbarkeit und letztlich die Gesundheit der Tiere.
Was tun wir auf unserem Hof gegen Hitzestress?
Das Wichtigste ist bei uns die Luftbewegung. Und da haben wir gerade einen sehr direkten Vergleich. Letztes Jahr, vor der ersten Hitzewelle im Juni, hatten wir noch keine Ventilatoren im Stall. Die Kühe sind damals ganz schön in die Knie gegangen – das war deutlich zu sehen. Dieses Jahr laufen große Ventilatoren, die dafür sorgen, dass ständig Luft über die Tiere strömt. Der Unterschied ist bemerkenswert: Die Kühe leiden sichtbar weniger, und auch die Milchleistung bleibt deutlich konstanter. Denn entscheidend ist nicht nur die Temperatur im Stall, sondern auch, wie gut die Kuh ihre überschüssige Körperwärme loswerden kann. Mindestens genauso wichtig ist Wasser. An heißen Tagen kontrollieren wir besonders, ob die Tränken funktionieren, ausreichend Wasser nachläuft und die Tiere ungehindert trinken können.
Auch beim Füttern spielt die Hitze eine Rolle. Denn gerade bei hohen Temperaturen müssen Futteraufnahme und Wiederkauverhalten im Blick bleiben. Und schließlich machen wir etwas, das sich technisch nicht nachrüsten lässt: Wir beobachten unsere Kühe. Wie schnell atmen sie? Liegen sie? Fressen sie? Wiederkäuen sie? Suchen sie bestimmte Stellen im Stall auf? Die Tiere zeigen ziemlich deutlich, wenn ihnen die Wärme zu schaffen macht.
Beregnung: Kühlung mit Wasser – aber wie?
Eine weitere Möglichkeit, Kühe bei Hitze zu kühlen, ist Wasser. Dabei gibt es allerdings unterschiedliche Verfahren – und die sollte man nicht miteinander verwechseln.
Bei sogenannten Soaker-Systemen werden die Kühe gezielt mit größeren Wassertropfen nass gemacht. Das Wasser soll bis auf die Haut gelangen. In Kombination mit kräftiger Luftbewegung durch Ventilatoren kann die Kuh anschließend Wärme abgeben, während das Wasser wieder verdunstet. Deshalb gehören Wasser und Ventilatoren bei diesem Verfahren zusammen.
Etwas anderes ist die feine Vernebelung von Wasser in der Stallluft. Hier soll nicht in erster Linie die Kuh nass werden, sondern die Umgebungsluft durch Verdunstung abgekühlt werden. Wie gut das funktioniert, hängt stark von Temperatur und Luftfeuchtigkeit ab. Bei ohnehin hoher Luftfeuchtigkeit stößt dieses Prinzip schneller an seine Grenzen.
Bei uns im Stall haben wir bisher keines dieser Systeme eingebaut. Ich kenne allerdings aus unserem Arbeitskreis einen Betrieb, der Wasser zur Kühlung einsetzt – mit sehr kurzen Taktungen und offenbar guten Erfahrungen. Das finde ich durchaus interessant. Bevor wir so etwas bei uns einbauen, möchte ich aber genauer wissen, welches System zu unserem Stall passt: Wo müsste es installiert werden? Wie viel Wasser braucht man? Wie lange und wie häufig sollte beregnet werden? Und wie verhindert man, dass Laufgänge oder Liegeboxen unnötig nass werden? Denn zusätzliche Feuchtigkeit im Stall möchte man schließlich auch nicht überall haben.
Ob eine solche Kühlung auch für unseren Stall sinnvoll wäre, müssen wir uns deshalb noch genauer anschauen. Diese Hausaufgabe haben wir noch vor uns.
Unsere Ställe müssen mit dem Klima Schritt halten
Für mich ist das eigentlich der spannendste Punkt an diesem Thema. Wenn wir über Tierwohl sprechen, denken viele zuerst an Platz, Liegeflächen, Auslauf oder Weidegang. Aber auch das Stallklima gehört dazu. Ein Stall muss nicht nur vor Regen, Wind und Kälte schützen. Inzwischen wird immer wichtiger, wie gut er an heißen Sommertagen funktioniert. Wie bekommen wir genügend Luftbewegung an die Kühe? Wo entstehen besonders warme Bereiche? Gibt es genug Wasser? Müssen zusätzliche Ventilatoren eingebaut werden? Reicht Beschattung aus – oder brauchen wir in Zukunft weitere Möglichkeiten zur Kühlung? Das sind Fragen, mit denen sich Milchviehhalter zunehmend beschäftigen müssen.
Denn während wir Menschen uns bei 25 Grad vielleicht über einen schönen Sommertag freuen, kann eine hochleistende Milchkuh längst anfangen, mit der Wärme zu kämpfen. Und genau deshalb beginnt guter Hitzeschutz nicht erst dann, wenn die Kuh hechelt.
Häufig gestellte Fragen
Warum sind Milchkühe besonders hitzeempfindlich?
Milchkühe produzieren durch ihre intensive Verdauung und hohe Milchleistung ständig Eigenwärme. Je leistungsstärker eine Kuh ist, desto mehr Wärme entsteht in ihrem Körper – und desto früher wird es ihr bei steigenden Außentemperaturen zu warm.
Ab wann spricht man von Hitzestress bei Milchkühen?
Als grober Schwellenwert gilt häufig ein THI (Temperatur-Feuchte-Index) von etwa 68. Hochleistende Kühe können allerdings schon früher reagieren. Entscheidend ist nicht nur die Temperatur allein, sondern immer die Kombination aus Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung und Sonneneinstrahlung.
Woran erkenne ich, dass eine Kuh unter Hitzestress leidet?
Das auffälligste Zeichen ist eine erhöhte Atemfrequenz – bis hin zu sichtbarem Hecheln. Daneben stehen Kühe bei Hitze mehr und liegen weniger, fressen weniger und trinken deutlich mehr. Auch ein Rückgang der Milchleistung kann ein Hinweis sein.
Was hilft gegen Hitzestress im Kuhstall?
Das Wichtigste ist Luftbewegung: Ventilatoren, die ständig Luft über die Tiere leiten, helfen der Kuh, Wärme abzugeben. Ebenso wichtig ist ausreichend frisches Wasser, jederzeit gut erreichbar. Bei uns hat der Einbau von Ventilatoren im Vergleich zum Vorjahr einen deutlich sichtbaren Unterschied gemacht.


Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…