Eine Herde schwarz-weißer Kühe grast auf einer grünen, von Bäumen gesäumten Wiese mit belaubten Ästen im Vordergrund unter einem teilweise bewölkten Himmel.

„Aus Deutschland“ – und trotzdem importiert? Was ich als Landwirtin über Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln weiß

Du stehst im Supermarkt, hältst eine Packung Fleisch in der Hand und schaust auf das Etikett. Irgendwo steht: „Aus Deutschland.“ Klingt gut, oder? Klingt regional, klingt verlässlich. Aber was steckt wirklich dahinter?

Genau das ist das Problem mit der Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln in Deutschland: Sie klingt besser, als sie ist. Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln soll transparent machen, wo ein Produkt und sein Hauptrohstoff tatsächlich erzeugt wurden – nicht nur, wo sie zuletzt verarbeitet wurden.

Das Wichtigste in Kürze

• „Aus Deutschland“ auf Lebensmitteln bedeutet oft nur: hier verarbeitet – nicht hier erzeugt, geboren oder aufgezogen.
• Verarbeitetes Fleisch (Wurst, Aufschnitt, Fertiggerichte) ist von dieser Pflicht ausgenommen.
• Bei Milch und Milchprodukten gibt es keine Pflicht zur Herkunftsangabe – die EU-Kommission spricht sich aktiv dagegen aus.
• Mein Wunsch als Landwirtin: Ein Blick auf die Packung soll reichen, um zu wissen, woher der Hauptrohstoff kommt.

Was bedeutet „aus Deutschland“ auf Lebensmitteln wirklich?

In vielen Fällen bedeutet es nur, dass das Produkt hier verarbeitet wurde – nicht, dass das Tier hier geboren, aufgezogen oder geschlachtet wurde. Das Tier selbst kann in Polen aufgezogen worden sein, in den Niederlanden auf die Welt gekommen sein, irgendwo in Osteuropa geschlachtet worden sein – und wird trotzdem mit „Aus Deutschland“ ausgezeichnet, weil die letzte Verarbeitungsstufe hier stattgefunden hat.

Das ist nicht gelogen. Aber es ist auch nicht das, was die meisten Verbraucher darunter verstehen.

Und das macht mich ein wenig wütend. Nicht weil ich denke, dass importierte Waren grundsätzlich schlechter sind. Sondern weil du als Verbraucher das Recht hast, das selbst zu entscheiden – und zwar, ohne erst das Kleingedruckte zu suchen, auf der Rückseite, unter den Zutaten, in einer Schriftgröße, die kaum lesbar ist.

Was hat sich bei der Herkunftskennzeichnung geändert – und was fehlt noch?

Es gibt tatsächlich Bewegung bei der Herkunftskennzeichnung.

Seit Februar 2024 gilt die Kennzeichnungspflicht für:

  • Schweinefleisch
  • Schaffleisch
  • Ziegenfleisch
  • Geflügelfleisch (jeweils unverpackt an der Theke)

Also, in welchem Land das Tier aufgezogen und in welchem Land es geschlachtet wurde. Also zum Beispiel: „Aufgezogen in Dänemark, geschlachtet in Deutschland.“ Wenn Geburt, Aufzucht und Schlachtung im selben Land stattgefunden haben, darf einfach „Ursprung: Deutschland“ stehen.(Quelle: Bundesministerium für Landwirtschaft)

Das ist ein echter Fortschritt. Endlich.

Aber: Verarbeitetes Fleisch ist ausgenommen. Wurst, Aufschnitt, Fertiggerichte mit Fleischanteil – da gilt diese Regelung nicht. Und genau da liegen oft die größten Fragezeichen.

Bei Milch und Milchprodukten ist es noch schwieriger. Frische Milch wird wegen ihrer kurzen Haltbarkeit tatsächlich kaum importiert – aber bei verarbeiteten Produkten sieht das anders aus. Milchpulver zum Beispiel, das in Säuglingsnahrung oder Fertigprodukten steckt, kann aus aller Welt stammen. Für den Verbraucher ist das auf der Packung kaum nachvollziehbar.

Auf EU-Ebene hat die Kommission sich zuletzt aktiv gegen eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Milch ausgesprochen und bevorzugt stattdessen freiwillige Angaben. (Quelle: Milchland) Eine neue Kennzeichnungspflicht für Milchprodukte kommt im Juni 2026 – aber die regelt, was Begriffe wie „frisch“ oder „laktosefrei“ auf der Verpackung bedeuten dürfen, nicht woher die Milch stammt. (Quelle: Europeonline)

Herkunft? Fehlanzeige.

Warum ist fehlende Herkunftskennzeichnung ein echtes Problem?

Ich bewirtschafte mit meiner Familie einen Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Ich weiß, unter welchen Bedingungen unsere Kühe leben, was sie fressen, wie sie gehalten werden. Ich habe das selbst in der Hand – und ich stehe dafür gerade.

Was ich nicht in der Hand habe: dass ein Verbraucher das beim Einkauf erkennt.

Dabei geht es mir gar nicht darum, Produkte aus anderen Ländern schlechtzumachen. Es geht mir darum, dass du als Verbraucher die Wahl haben solltest. Eine echte Wahl, die du treffen kannst, ohne Detektivarbeit auf dem Etikett.

Wer regionale Landwirtschaft unterstützen möchte – wegen der kürzeren Transportwege, wegen der Kontrolle über Produktionsstandards, wegen der Wertschöpfung vor Ort – der soll das machen können. Und wer bewusst entscheidet, ein günstigeres Produkt aus dem Ausland zu kaufen, der soll ebenfalls wissen, was er kauft.

Beides ist legitim. Aber beides setzt voraus, dass die Information vorhanden und auf den ersten Blick sichtbar ist.

Dazu kommt noch etwas, das mir als Landwirtin besonders am Herzen liegt: Deutsche Landwirte sind an strenge Auflagen gebunden – beim Tierwohl, beim Umweltschutz, bei der Dokumentation. Das kostet Zeit und Geld. Wenn Produkte aus Ländern mit niedrigeren Standards im Supermarkt nebenan liegen, ohne dass man es sieht, dann ist das kein fairer Wettbewerb. Transparenz bei der Herkunft wäre also nicht nur gut für dich als Verbraucher – sie wäre auch fair gegenüber den Erzeugern, die hier nach hohen Standards arbeiten.

Mein Wunsch: ein Blick, eine Entscheidung

Was ich mir wünsche, ist eigentlich simpel: Du nimmst ein Produkt in die Hand, schaust drauf – und siehst sofort, woher der Hauptrohstoff kommt. Nicht im Kleingedruckten. Nicht in der 6-Punkt-Schrift unter den Zutaten. Sondern klar, lesbar, unmissverständlich.

Ein Blick. Eine Entscheidung.

Mir ist klar, dass das bei hochverarbeiteten Lebensmitteln kompliziert wird. Wenn in einem Fertiggericht zwanzig Zutaten aus zehn Ländern stecken, lässt sich das nicht einfach alles auf die Packung drucken. Das verstehe ich. Aber bei Fleisch, Milch und anderen tierischen Produkten – oder auch bei naturbelassenen pflanzlichen Lebensmitteln – sollte es zumindest machbar sein, den Hauptrohstoff klar auszuweisen. Nicht jede Zutat, aber das Wesentliche. Wie die genaue Umsetzung aussehen soll, das weiß ich als Tierärztin und Landwirtin ehrlich gesagt auch nicht bis ins Detail. Aber ich weiß, dass es ein sinnvoller erster Schritt wäre.

Die Politik redet seit Jahren darüber. Die EU dreht sich im Kreis. Beim Fleisch gibt es zumindest erste Schritte – bei Milch ist man bisher nicht mal ansatzweise so weit. Dabei wäre es eine verhältnismäßig einfache Maßnahme, die Verbrauchern echte Transparenz gibt und gleichzeitig Landwirten, die hohe Standards erfüllen, eine faire Chance auf dem Markt lässt.

Wenn Herkunft unsichtbar bleibt, entscheidet am Ende nur der Preis. Und das ist weder gut für die Tiere, noch für die Landwirte, noch – auf lange Sicht – für die Qualität dessen, was auf dem Teller landet.

Bis sich das ändert, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Was du jetzt schon tun kannst:

  1. Frag beim Metzger nach der Herkunft – für frisches Fleisch muss er es dir seit 2024 sagen.
  2. Schau auf die Rückseite der Packung – manchmal steht es da, wenn auch klein.
  3. Halte Ausschau nach dem Hinweis „geboren, aufgezogen und geschlachtet in Deutschland“ – das ist die klarste Aussage.
  4. Kauf direkt beim Erzeuger in deiner Region, wenn du die Möglichkeit hast.

Das ist der direkteste Weg zu dem, was du wirklich wissen willst.

Häufige Fragen zur Herkunftskennzeichnung

Was bedeutet „aus Deutschland“ auf Lebensmitteln?

„Aus Deutschland“ bedeutet in vielen Fällen nur, dass das Produkt hier verarbeitet wurde – nicht, dass das Tier hier geboren, aufgezogen oder geschlachtet wurde. Das ist rechtlich zulässig, aber für viele Verbraucher irreführend.

Welche Lebensmittel müssen seit 2024 mit Herkunft gekennzeichnet sein?

Seit dem 1. Februar 2024 gilt in Deutschland: Unverpacktes Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch muss an der Theke mit Aufzucht- und Schlachtland ausgezeichnet sein. Verarbeitetes Fleisch wie Wurst oder Fertiggerichte ist davon ausgenommen.

Gilt die Herkunftskennzeichnung auch für Milch und Milchprodukte?

Nein – für Milch gibt es bisher keine Pflicht zur Herkunftsangabe. Die EU-Kommission hat sich zuletzt aktiv gegen eine verpflichtende Kennzeichnung ausgesprochen und bevorzugt freiwillige Lösungen. Eine neue Milchkennzeichnungspflicht kommt im Juni 2026, regelt aber Qualitätsbegriffe, nicht die Herkunft.

Wie erkenne ich im Supermarkt, ob Fleisch wirklich aus Deutschland kommt?

Am sichersten bist du, wenn auf der Packung steht: „geboren, aufgezogen und geschlachtet in Deutschland.“ Nur dann stammt das gesamte Tier aus Deutschland. Der Hinweis „aus Deutschland“ allein reicht nicht – er kann bedeuten, dass das Fleisch hier nur verarbeitet wurde.

Warum hat die Politik das Thema noch nicht gelöst?

Das Thema ist seit Jahren im Gespräch, aber die Interessen auf EU-Ebene sind vielschichtig: Händler und Lebensmittelverarbeiter sehen erhöhten Aufwand, importierende Länder befürchten Wettbewerbsnachteile. Bisher dominiert das Prinzip der Freiwilligkeit – für echte Transparenz braucht es aber verbindliche Vorgaben.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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