Die moderne Milchkuh steht heute unter großem Leistungsdruck und muss sich ständig wechselnden Bedingungen anpassen. Als Kalb wächst sie noch auf weichem Stroh auf – dort passen Klauenwachstum und natürlicher Abrieb nicht zusammen. Später trifft sie im Laufstall auf einen harten Betonboden. Gerade die stärker belasteten Klauen reagieren darauf mit vermehrter Hornbildung.
Dazu kommen die vielen Stationen im Lebenszyklus einer Kuh: Futterumstellungen, das Abkalben, die nächste Besamung, der Wechsel vom Laufstall in den Trockensteher- und dann in den Abkalbestall. Jede Phase fordert den Organismus – und ganz besonders die Klauen.
Bei der funktionellen Klauenpflege geht es darum, eine möglichst korrekte Gliedmaßenstellung zu erreichen und das Belastungsverhältnis zwischen Innen- und Außenklaue auszugleichen – angepasst an die individuellen Möglichkeiten jedes einzelnen Tieres.
Mehr über den Aufbau der Rinderklaue erfährst du hier
Der richtige Startpunkt: Klauenlänge und Beurteilung der Stellung
Am Anfang jeder funktionellen Klauenpflege steht die richtige Länge der Klaue. Nach der Methode von Toussaint Raven beträgt sie bei einem durchschnittlich großen Schwarzbunten Rind rund 7,5 cm. Diese Länge dient als Orientierung, um eine gleichmäßige Belastung der Klauen zu erreichen.
Bevor das Bein angehoben und geschnitten wird, sollte die Kuh jedoch zunächst im Stehen und Gehen beobachtet werden. Vor allem bei älteren Tieren ab drei bis vier Jahren lässt sich eine ungünstige Gliedmaßenstellung nicht immer vollständig korrigieren. Mit einem fachgerechten Klauenschnitt kann die Stellung aber in den meisten Fällen deutlich verbessert werden – manchmal braucht es dafür mehrere Korrekturen in kürzeren Abständen.
Für die funktionelle Klauenpflege sind drei Begriffe wichtig: die Länge der Klaue, die Dicke und die Höhe.

Die 5 Schritte der funktionellen Klauenpflege
Die folgenden Schritte der funktionellen Klauenpflege beziehen sich auf die Hinterklauen. Bei den Vorderklauen gilt das gleiche Schema – mit einem Unterschied: Hier wird die Bearbeitung vorne an der Außenklaue begonnen.
Schritt 1 – Die Innenklaue kürzen und beschneiden
Ziel: Eine stabile Innenklaue an den Hintergliedmaßen, in normaler Länge und maximaler Höhe. Die Auftrittsfläche soll eben und senkrecht zur Längsachse stehen, sodass die Klaue unter Belastung weder nach innen/außen noch nach vorne/hinten kippt.
Korrekte Klauenlänge bestimmen
- An der Vorderwand der Innenklaue am Kronsaum (neben dem Zwischenklauenspalt) mit dem Finger die Grenze zwischen weicher, behaarter Haut und harter Hornwand ertasten.
- Von diesem Punkt aus mit Messgerät die richtige Länge bestimmen.
- Praxis-Hack: Wenn’s schnell gehen soll – Zeigefinger ≈ 7,5 cm (bei dir). Den hat man immer dabei. ?
Spitze kürzen (Zange)
- Falls nötig, die Klauenspitze senkrecht mit der Zange kürzen.
- Wichtig: Zangengriffe liegen in der Verlängerung der Sohlenfläche – so bleibt der Schnitt rechtwinklig.
Sohle beschneiden (Messer)
- Mit einem scharfen Klauenmesser die Sohlenfläche so weit zurücknehmen, dass an der Zehenspitze eine Sohlendicke von ca. 0,5 cm stehen bleibt.
- In der Regel werden die vorderen zwei Drittel der Auftrittsfläche beschnitten.
- Im seitlichen Bereich der Zehenspitze muss die innere Wand Bodenkontakt haben.
Ballenbereich schonen
- Das hintere Drittel (Ballen) nicht beschneiden – die Innenklaue soll so hoch wie möglich bleiben.
- Muss die Innenklaue nicht gekürzt werden, gilt: Sohlendicke ~0,5 cm beibehalten.
- Nur bei fehlender Stabilität die Sohle minimal nacharbeiten – nicht zu dünn schneiden!
Referenz setzen
- Dieser Schritt ist entscheidend: Die Außenklaue wird im nächsten Schritt an der fertig bearbeiteten Innenklaue ausgerichtet.
Kontrollfragen zum Schluss
- Liegt eine ebene, rechte Winkel-Auftrittsfläche vor?
- Bleibt die Klaue unter Belastung stabil, ohne zu kippen?
- Ist an der Zehenspitze ~5 mm Sohle vorhanden?
- Hat die innere Wand im Zehenbereich Kontakt zum Boden?
Schritt 2 – Die Außenklaue der Innenklaue anpassen
Ziel: Die größere Außenklaue wird entlastet. Idealerweise ist sie am Ende genauso lang, dick und hoch wie die Innenklaue. Nur so verteilt sich das Gewicht gleichmäßig auf beide Klauen.
Länge angleichen
- Mit der Zange die Außenklaue auf die gleiche Länge wie die Innenklaue bringen.
- Kontrolle: Beide Zehenwände mit der Hand auf eine Ebene legen – so sieht man sofort, ob sie gleich lang sind.
Zehenspitze und Höhe anpassen
- Die Außenklaue im Zehenspitzenbereich auf die gleiche Dicke bringen.
- Anschließend so viel Horn zurückschneiden, dass die Auftrittsflächen beider Klauen auf einer Ebene liegen.
Sohle bearbeiten
- Mit dem Rinnenmesser die Sohle der Außenklaue auf die gleiche Dicke und Höhe wie bei der Innenklaue zurückschneiden.
- Kontrolle: Die Sohlendicke unbedingt mit Daumendruck prüfen. Gibt die Sohle nach, ist sie zu dünn – in diesem Fall nicht weiter schneiden!
- Wenn die Innenklaue hoch genug belassen wurde, gelingt das fast immer, ohne die Sohle zu stark zu schwächen.
- Kontrolle: Werden beide Zehnenwände auf die gleiche Ebene gebracht, zeigt die Stoßkante an der Zehenspitze, ob beide Sohlen gleich dick sind.
- Besondere Vorsicht bei chronischen Reheklauen: Je stärker die Zehenwand gekrümmt ist, desto mehr hat sich die Spitze des Klauenbeins abgesenkt. In solchen Fällen wird die Sohle an der Zehenspitze schnell zu dünn, selbst wenn die Klauenlänge korrekt eingestellt ist. Im Zweifel lässt man die Sohle lieber etwas dicker, auch wenn die exakte Gleichheit nicht erreicht wird.
Endkontrolle
- Von der Außenseite der Kuh aus prüfen:
- Über das Sprunggelenk hinweg auf die Sohlenfläche blicken.
- Beide Klauen sollten gleich hoch sein.
- Die Auftrittsfläche muss senkrecht zur Röhrbeinachse stehen.
- Die Beurteilung erfolgt bei gebeugtem Fesselgelenk.
Schritt 3 – An beiden Klauen eine Hohlkehlung herausschneiden
Ziel: Herausarbeiten einer natürlichen Hohlkehlung und die typischen Problemzonen entlasten, an denen am häufigsten Sohlenquetschungen und Sohlengeschwüre entstehen.
Hohlkehle schneiden
- Achtung: Das Ballenhorn ist nur 3–5 mm dick – vorsichtig arbeiten, um keine Verletzungen zu riskieren.
- Ab dem Punkt, an dem im Zehenspitzenbereich die innere Wand und die weiße Linie auf der Sohlenfläche nicht mehr zu erkennen sind, mit dem Klauenmesser eine natürliche Hohlkehle herausarbeiten.
- Die Hohlkehle umfasst etwa ein Drittel der Sohlenbreite und reicht bis zum Ballen.
- Achtung: Das Ballenhorn ist nur 3–5 mm dick – vorsichtig arbeiten, um keine Verletzungen zu riskieren.
- Reihenfolge: Zuerst die Innenklaue, dann die Außenklaue bearbeiten.
Zusätzliche Entlastung schaffen
- Durch die Hohlkehle an der Außenklaue wird die Region entlastet, in der besonders häufig die typischen Sohlengeschwüre auftreten.
- Damit wirkt dieser Schritt gleichzeitig vorbeugend gegen diese schmerzhaften Erkrankungen.
Krankhafte Veränderungen nacharbeiten
- Sind nach diesen ersten drei Schritten noch Horndefekte vorhanden, müssen diese gezielt weiterbearbeitet werden.
Welche Klauenkrankheiten durch falsche Belastung entstehen können, liest du im Artikel Klauengesundheit bei Milchkühen
Schritt 4 – Die erkrankte Klaue so gut wie möglich entlasten
Ziel: Farbabweichungen und Defekte im Klauenhorn so weit wie möglich zurückschneiden und die erkrankte Klaue durch Entlastung zur Heilung bringen.
Betroffene Bereiche erkennen
- Am häufigsten betroffen sind die hinteren zwei Drittel der Außenklaue der Hinterbeine.
- Farbabweichungen im Sohlhorn – z. B. rote oder gelbliche Flecken – sind ein Hinweis auf eine Schädigung der Lederhaut.
- Defekte oder Blutungen entstehen häufig durch Druckbelastung im Sohlenbereich.
Bearbeitung der Defekte
- Liegt ein Defekt oder eine Sohlenblutung vor, wird in den hinteren zwei Dritteln der Auftrittsfläche der Außenklaue das Sohlenhorn so weit wie möglich zurückgeschnitten.
- Die Sohlendicke dabei regelmäßig mit Daumendruck kontrollieren: Gibt die Sohle nach, nicht weiter schneiden!
Entlastung der Lederhaut
- Die beste Behandlung für erkrankte Klauen ist Ruhigstellung durch Entlastung.
- Um die Lederhaut zu schonen, wird die Auftrittsfläche der Außenklaue im hinteren Bereich leicht niedriger geschnitten.
- Wichtig: Die Lederhaut muss immer durch eine intakte Hornschicht geschützt bleiben – nicht um jeden Preis ausschneiden!
Lahmheiten ernst nehmen
- Bei Kühen ohne Lahmheit sollten kleinere Farbabweichungen nicht zu aggressiv ausgeschnitten werden.
- Besteht jedoch eine Lahmheit, muss jedem noch so kleinen Horndefekt Beachtung geschenkt werden.
- Achtung: Eine Lederhautquetschung unter intakter Hornkapsel kann ebenfalls eine Lahmheit verursachen – auch ohne offenen Defekt!
Zusätzliche Entlastung durch Hilfsmittel
- Reicht die Höhe der Innenklaue nicht aus, kann ein Kunststoff- oder Holzklotz auf die gesunde Innenklaue geklebt werden.
- Dadurch wird die erkrankte Klaue zusätzlich entlastet.
- Voraussetzung: Die Innenklaue muss absolut gesund sein.
Schritt 5 – Loses Horn entfernen
Ziel: Alles lose Horn entfernen, um Druckstellen und neue Entzündungen zu vermeiden.
Lose Hornteile beseitigen
- Horn, das keine Verbindung zur Lederhaut mehr hat, verhärtet sich und kann die Lederhaut quetschen – dadurch entsteht oft eine schmerzhafte Lahmheit.
- Solche Hornteile müssen konsequent entfernt werden.
Weiße Linie kontrollieren
- Zusammenhangstrennungen in der weißen Linie sind Eintrittspforten für Schmutz und Fremdkörper.
- Diese Bereiche müssen sorgfältig ausgeschnitten werden, um Infektionen zu verhindern.
Behandlung von Sohlengeschwüren
- Kommen Sohlengeschwüre zum Vorschein, müssen sie fachgerecht freigelegt und ausgeschnitten werden.
- Zur Entlastung wird – wenn möglich – ein Holz- oder Kunststoffklotz auf die gesunde Partnerklaue geklebt.
Endkontrolle der Klaue
Zum Schluss die Klaue gründlich kontrollieren:
- Liegt noch loses Horn vor?
- Ist der Zwischenklauenspalt frei von Entzündungen oder Dermatitis?
- Gibt es am Kronsaum Veränderungen, die eine spezielle Behandlung erfordern?
Die funktionelle Klauenpflege ist keine kosmetische Maßnahme, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Klauengesundheit, Leistungsfähigkeit und Tierwohl.
Weitere Tipps für Kuhkomfort findest du in meinem Beitrag 5 Tipps, damit sich deine Kühe wohler fühlen

Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…