Die Laktation ist das Herzstück der Milchviehhaltung – ohne sie gäbe es keine Milch, keinen Käse, keinen Joghurt und keine Butter. Unter Laktation versteht man den Zeitraum, in dem ein Säugetier Milch gibt, um seinen Nachwuchs zu versorgen. Für uns Landwirte ist sie aber nicht nur ein natürlicher Prozess, sondern auch ein zentrales Thema, wenn es um Tiergesundheit, Leistung und Wirtschaftlichkeit geht.
In diesem Beitrag möchte ich die Grundlagen der Laktation erklären: Wie ist das Euter aufgebaut, wie funktioniert die Milchbildung und -abgabe, und welche Rolle spielen Faktoren wie Fütterung, Trockenstehzeit oder Infektionsabwehr? Ich zeige auch, wie sich die Milchleistung im Verlauf der Laktation verändert und warum diese Entwicklung für die Kuh, das Kalb und uns Menschen so entscheidend ist.
Der Artikel ist bewusst umfassend gestaltet. Er soll als Nachschlagewerk dienen und einen Überblick über alle wichtigen Aspekte rund um die Laktation geben. An vielen Stellen werde ich Fachbegriffe verwenden, diese aber so verständlich wie möglich erklären. Wer tiefer einsteigen möchte, findet in meinen weiteren Blogbeiträgen noch spezifischere Themen, etwa zu Eutergesundheit oder Fütterung.
Aufbau und Funktion der Milchdrüse
Unabhängige Euterviertel
Das Euter der Kuh besteht aus vier Vierteln, die funktionell voneinander getrennt sind. Jedes Viertel hat ein eigenes System von Alveolen, Milchgängen, Zisterne und Zitzenkanal. Dadurch bleiben Infektionen oft auf ein Viertel begrenzt. In der Praxis zeigen die Hinterviertel meist eine höhere Milchleistung als die Vorderviertel.
Feinstruktur der Alveolen
Die Alveolen sind die Grundeinheiten der Milchbildung. Sie sind von Epithelzellen ausgekleidet, die die Milchbestandteile synthetisieren. Um sie herum liegen Myoepithelzellen, die sich unter dem Einfluss von Oxytocin zusammenziehen und so die Milch in die Milchgänge pressen. Der Stoffaustausch mit dem Blut erfolgt über eine dünne Basalmembran, die die Alveolarzellen umgibt.
Blut- und Lymphversorgung
Für die Milchbildung ist eine enorme Durchblutung notwendig – rund 500 Liter Blut fließen durch das Euter, um 1 Liter Milch zu bilden. Auffällig ist die sogenannte Milchader (V. epigastrica superficialis), die an der Bauchunterseite vieler Kühe gut sichtbar ist. Ebenso wichtig ist die Lymphdrainage, die überschüssige Flüssigkeit abtransportiert. Kommt es hier zu Störungen, kann ein Euterödem entstehen, wie man es häufig bei frisch abgekalbten Kühen beobachtet.
Speicherkapazität der Milchdrüse
Etwa ein Drittel der Milch befindet sich in der Zisterne und ist sofort verfügbar. Der größere Anteil liegt im Alveolenteil und wird erst nach einer Oxytocin-Ausschüttung freigesetzt. Für die Praxis bedeutet das: Ohne gründliches Anrüsten und vollständiges Ausmelken bleibt Milch im Euter zurück. Dies kann nicht nur die Milchleistung mindern, sondern auch das Risiko für Euterentzündungen erhöhen. der Zitze befindet, dient als Speicherraum für einen Teil der Milch. Von hier gelangt die Milch über den Zitzenkanal nach außen. Der Zitzenkanal selbst wird durch einen kräftigen Schließmuskel kontrolliert und bildet damit eine entscheidende mechanische Barriere gegen das Eindringen von Krankheitserregern.

Die Laktation
Die Laktation bezeichnet den Zeitraum, in dem ein Tier Milch produziert und abgibt. Dauer und Leistung unterscheiden sich je nach Tierart deutlich.
Dauer und Laktationsleistung verschiedener Tierarten
(Quelle: Physiologie der Haustiere, W. v. Engelhardt, G. Breves)
- Rind (Milchrasse): 300 Tage, 5000–12.000 kg
- Schaf: 120–200 Tage, ca. 1000 kg
- Ziege: 200–250 Tage, 500–1000 kg
- Schwein: 50–60 Tage, 400–600 kg
- Pferd: 90–210 Tage, 1500–2600 kg
- Hund: 50–90 Tage
- Katze: ca. 50 Tage
Verlauf der Milchleistung – die Laktationskurve
Die Milchleistung steigt bei der Kuh nach der Geburt zunächst stark an, erreicht nach etwa sechs bis acht Wochen ihr Maximum und fällt danach kontinuierlich wieder ab. Dieses typische Muster bezeichnet man als Laktationskurve. Sie hat nicht nur wissenschaftliche Bedeutung, sondern ist auch in der Praxis ein wichtiges Instrument, um die Milchleistung zu bewerten und das Fütterungsmanagement optimal darauf abzustimmen.

Einflussfaktoren
Die Milchleistung hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Entscheidend sind vor allem die Energieversorgung und die Qualität des Futters, die Anzahl der bisherigen Laktationen, das Alter der Kuh, die Länge der Trockenstehzeit, das Klima und die Umgebungstemperatur sowie der allgemeine Gesundheitszustand. Am höchsten ist die Milchleistung in der Regel während der zweiten und dritten Laktation. Ist die Trockenstehzeit zu kurz, fällt die folgende Laktation schwächer aus. Auch extreme Temperaturen – sowohl Hitze als auch Kälte – wirken sich negativ auf die Milchleistung aus.
Parallel zur Milchmenge schwanken auch die Inhaltsstoffe. Zu Beginn der Laktation sind Fett- und Eiweißgehalt am niedrigsten, steigen aber mit der Dauer der Laktation an. Deshalb ist es aus meiner Sicht schade, Kühe zu früh wieder tragend werden zu lassen, da die Milch in längeren Laktationen besonders gehaltvoll ist. Natürlich muss das individuell entschieden werden. Problematisch ist es zudem, eine Kuh trocken zu stellen, die noch fast 30 Liter Milch pro Tag gibt, da dies für das Euter eine starke Belastung darstellt.
Manchmal geben Kühe nur auf drei Vierteln Milch – man spricht dann von einem Dreistrich (Strich = Zitze). Das vierte Viertel ist verkümmert, meist durch eine schwere Entzündung (Mastitis), die die Milchdrüsenzellen zerstört hat. Solche Entzündungen entstehen, wenn Erreger ins Euter eindringen – manchmal sogar durch gegenseitiges Besaugen von Kälbern oder Kühen. Sitzt die Entzündung tiefer im Zitzenkanal, kann Milch zwar gebildet, aber nicht mehr abgegeben werden. Auch solche Viertel veröden mit der Zeit.
Inhaltsstoffe im Verlauf der Laktation
Nicht nur die Milchmenge, auch die Zusammensetzung der Milch verändert sich im Laufe der Laktation. Zu Beginn ist der Fett- und Eiweißgehalt am niedrigsten, während er zum Ende der Laktation ansteigt. Aus diesem Grund ist die Milch in längeren Laktationen besonders gehaltvoll. Aus meiner Sicht ist es daher schade, wenn Kühe zu früh wieder tragend werden, da dadurch die Phase mit hoher Milchqualität verkürzt wird. Problematisch ist außerdem das Trockenstellen von Kühen, die noch sehr hohe Milchmengen geben, da dies sowohl für die Kuh als auch für das Euter eine Belastung darstellen kann.
Die Trockenstehzeit
Die Trockenstehzeit bezeichnet den Zeitraum, in dem eine hochtragende Kuh nicht gemolken wird. Sie ist notwendig, um dem Euter eine Ruhephase zu geben und das Tier optimal auf die nächste Laktation vorzubereiten. Als optimal gilt eine Dauer von 45 bis 60 Tagen.
Phasen der Trockenstehzeit
Die Trockenstehzeit lässt sich in drei Phasen gliedern:
- Rückbildung des Euters
In den ersten drei Wochen nach dem Absetzen wird das Euter zurückgebildet. Milchbildungsprozesse laufen langsam aus, die Drüsenzellen gehen in eine Ruhephase über. - Gleichgewichtsphase
Diese Phase dauert unterschiedlich lang – je nachdem, wie viele Tage die Trockenstehzeit insgesamt umfasst. Das Euter bleibt in einem weitgehend inaktiven Zustand. - Vorbereitungsphase
Etwa drei Wochen vor der Geburt beginnt das Euter, sich auf die kommende Laktation einzustellen. In dieser Zeit wird das Kolostrum gebildet, die erste Milch, die für das neugeborene Kalb lebenswichtig ist.
Risiken während der Trockenstehzeit
Während der Trockenstehzeit besteht ein erhöhtes Risiko für Euterinfektionen. Krankheitserreger können über den Zitzenkanal in das Euter eindringen. Besonders gefährlich sind der Beginn und das Ende der Trockenstehzeit, weil in beiden Abschnitten der Druck im Euter durch Milchbildung hoch ist. Es kann Milch austreten, wodurch der Zitzenkanal offen bleibt. Hinzu kommt, dass in dieser Zeit weder der Spüleffekt des Melkens noch die übliche Euter- und Zitzenhygiene gegeben sind.
Die Milchabgabe
Während der Laktation wird das Euter sehr stark durchblutet, um die Milchbildung zu ermöglichen: Für einen Liter Milch müssen rund 500 Liter Blut durch das Euter fließen. Wird dem Euter keine Milch mehr entzogen, bildet es sich zurück. Bei trockenstehenden Kühen wird es daher schlaffer und kleiner.
Die Milch, die im Euter gebildet wird, liegt in zwei Bereichen vor: Ein Teil befindet sich in der Zisterne der Zitze und kann direkt abfließen. Der größere Anteil ist jedoch im sogenannten Alveolenteil gespeichert – also in den Hohlräumen der milchbildenden Alveolarzellen und den kleinen Milchgängen.

Im Querschnitt eines Euters erkennt man die Zisterne in der Zitze, darüber das eigentliche Drüsengewebe mit den Alveolarzellen. Diese bilden die Milch und speichern sie zunächst in kleinen Hohlräumen. Aus dem Zisternenteil kann die Milch ohne großen Widerstand abfließen, beispielsweise wenn eine Kanüle in die Zitze eingeführt wird. Der Alveolenteil dagegen benötigt eine hormonelle Steuerung, um die Milch freizugeben.
Rolle des Hormons Oxytocin
Für die Abgabe der Milch aus dem Alveolenteil ist das Hormon Oxytocin entscheidend. Es bewirkt, dass sich die Myoepithelzellen rund um die Alveolen zusammenziehen und die Milch in die Milchgänge pressen. Gleichzeitig erweitern sich die kleinen Gänge, sodass die Milch in die Zisterne gelangt. Diesen Vorgang nennt man Milchejektion oder im Alltag „Milcheinschuss“.
Oxytocin wird natürlicherweise durch das Saugen des Kalbes, durch das Anrüsten des Euters oder durch das Melken ausgeschüttet. Vom Reiz bis zum Euter vergeht rund eine Minute; die Wirkung hält dann etwa 5 bis 7 Minuten an. Deshalb ist ein gründliches Anrüsten beim Melken so wichtig. In der Praxis reicht oft schon das Vormelken der ersten Strahlen und das Reinigen des Euters. Manche Kühe reagieren sogar auf erlernte Reize, etwa das Geräusch der laufenden Melkmaschine, mit einem Milchfluss.
Inhaltsstoffe der Milch
Die Milch enthält neben den Hauptbestandteilen Fett, Eiweiß und Laktose auch verschiedene Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium und Phosphat sowie Spurenelemente wie Eisen und Kupfer. Zusätzlich sind zahlreiche Vitamine (A, E, verschiedene B-Vitamine und Vitamin C) enthalten.
Darüber hinaus finden sich in der Milch Zellen, die entweder aus dem Blut oder aus dem Eutergewebe stammen. Ihre Zahl schwankt stark und hängt sowohl vom Laktationsstadium als auch vom Gesundheitszustand des Euters ab.
Infektionsabwehr des Euters
Das Euter verfügt über verschiedene Abwehrmechanismen:
- Mechanische Barriere: Sie wird durch den Schließmuskel des Zitzenkanals gebildet. Während der Trockenstehzeit verstärkt ein Keratinpropfen diese Barriere zusätzlich. Dieser enthält zudem Substanzen, die Bakterien abwehren können.
- Chemische Abwehr: Hier spielen vor allem Laktoferrin und Lysozym eine Rolle. Laktoferrin greift in den Stoffwechsel der Bakterien ein, während Lysozym deren Zellwände schädigt.
- Zelluläre und humorale Abwehr: Ergänzend sorgen Fresszellen sowie die humorale Abwehr durch Antikörper (Immunglobuline) für einen umfassenden Schutz.
Diese natürlichen Abwehrmechanismen bilden die erste Verteidigungslinie des Euters. Werden sie geschwächt – etwa durch Verletzungen, Stress oder unzureichende Hygiene –, steigt das Risiko für Infektionen erheblich. Deshalb ist es in der Praxis so wichtig, die Eutergesundheit nicht allein über Melktechnik und Hygiene, sondern auch über das Verständnis der körpereigenen Schutzsysteme im Blick zu behalten.


Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…