Woran merkt man überhaupt, dass eine Kuh krank ist?
Kühe sind wahre Meister darin, Krankheitssymptome zu verstecken – schließlich sind sie Fluchttiere, und in der Natur wäre Schwäche gefährlich. Wer jedoch täglich mit ihnen arbeitet, bemerkt oft schon an kleinen Veränderungen, dass etwas nicht stimmt. Dafür muss man das normale Verhalten der Kuh kennen: Wie viel frisst sie? Wie bewegt sie sich? Wie reagiert sie auf Geräusche oder den Menschen?
Heute gibt es Unterstützung durch Technik: Sensoren, die das Verhalten aufzeichnen und Abweichungen melden. Das können zum Beispiel Ohrmarken, Halsbänder oder ein Bolus im Pansen sein. Sie registrieren unter anderem Fresszeiten, Wiederkauaktivität oder Bewegungsmuster – und schlagen Alarm, wenn etwas aus der Reihe fällt.
Typische Alarmsignale sind:
- Leere Hungergrube – oft sichtbar, wenn die Kuh länger nicht gefressen hat
- Freßunlust oder das Verweigern bestimmter Futtermittel (z. B. nur Grundfutter, aber kein Kraftfutter mehr)
- Fehlendes Wiederkauen – oft merkt man es daran, dass die Kuh stundenlang ohne „Kau-Bewegung“ im Maul dasteht
- Trägheit – sie steht nicht gerne auf oder legt sich schnell wieder hin
- Lahmheit oder steifer Gang, langsame und widerwillige Bewegungen
- Sinkende Milchleistung und/oder geschwollenes Euterviertel
- Erhöhte Atemfrequenz oder angestrengtes Atmen
- Stumpfes Fell, eingefallene Augen
- Hängende, kalte Ohren – ein Hinweis auf Kreislaufprobleme oder Fieber
Und dann? Erste Schritte im Stall
Wenn es möglich ist, die Kuh separieren, zum Beispiel in einen Strohstall. Dort hat man sie erstens besser unter Kontrolle und kann Verbesserungen oder Verschlechterungen des zUstandes schneller erkennen und zweitens wird sie von den anderen Kühen dort in Ruhe gelassen, zum Beispiel durch brünstige Kühe.
Je nach Symptom greifen wir zuerst zu den Basics: Fieber messen, Pansenfüllung prüfen, Körperhaltung beobachten.
Fieber
Die normale Temperatur bei der Kuh liegt zwischen 38,0 bis 39,0 Grad Celsius. Von leichtem Fieber spricht man bis 40,0 Grad Celsius, mittelgradigem Fieber von 40,0 bis 41,0 Grad Celsius und von hohem Fieber von 41,0 bis 42,0 Grad Celsius.
Bei Fieber gilt es nun herauszufinden, woher es kommt. Ist eine Infektion der Grund? Ist ein Organ betroffen?
Auskultation
Wer ein Phonendoskop (Stethoskop) zur Hand hat, kann damit die Pansenfunktion überprüfen. Dabei legt man es in linke Hungergrube der Kuh.
- Normalbefund: Ein kräftiges, langes „Knisterrauschen“ – etwa drei Mal pro zwei Minuten.
- Auffälligkeiten: Zu seltene oder ganz fehlende Geräusche können auf eine Pansenlähmung oder schwere Futterprobleme hindeuten.
Geübte Ohren können sogar einen verlagerten Labmagen erkennen – er verrät sich durch ein helles, metallisches „Pling“, das fast an einen Wassertropfen in einer Metallwanne erinnert.
Ist die Ursache für die Krankheit nicht eindeutig oder zeichnet sich ab, dass eine gezielte Behandlung nötig ist, sollte unbedingt der Tierarzt oder die Tierärztin hinzugezogen werden.
Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser stehen die Chancen, dass die Kuh schnell wieder gesund wird.
Was macht der Tierarzt / die Tierärztin?
Kommt der Tierarzt oder die Tierärztin in den Stall, wird die Kuh in der Regel gründlich untersucht. Dazu gehören:
- Allgemeiner Eindruck: Körperhaltung, Gangbild, Verhalten.
- Vitalwerte: Temperatur, Puls, Atmung.
- Abhören (Auskultation): Lunge, Herz, Pansen.
- Abtasten: Bauch, Euter, Lymphknoten.
- Untersuchung spezieller Organe: Je nach Verdacht etwa Gebärmutter, Klauen oder Maulhöhle.
Falls nötig, werden Proben entnommen – zum Beispiel Blut, Milch oder Kot – und direkt im Stall mit Schnelltests untersucht oder ins Labor geschickt.
Erst wenn klar ist, was die Kuh hat, wird eine gezielte Behandlung eingeleitet. Auch wenn die Ursache scheinbar offensichtlich ist – zum Beispiel ein dick geschwollenes Euterviertel oder eine deutliche Lahmheit – sollte immer eine vollständige klinische Untersuchung erfolgen.
Denn, wie ein Professor von mir einmal sagte:
„Jedes Lebewesen hat ein Recht auf mehrere Erkrankungen.“
Mit anderen Worten: Nur weil man eine Erkrankung gefunden hat, heißt das nicht, dass es nicht noch eine zweite (oder dritte) geben kann. Eine gründliche Untersuchung verhindert, dass wichtige Befunde übersehen werden – und sorgt dafür, dass die Behandlung von Anfang an richtig angesetzt wird.
Wichtig: Antibiotika werden nicht automatisch gegeben, sondern nur dann, wenn sie wirklich erforderlich sind – und immer in der richtigen Dosierung sowie mit der vorgeschriebenen Wartezeit für Milch und Fleisch.
Was passiert mit der Milch?
Muss eine kranke Kuh mit Medikamenten behandelt werden, darf ihre Milch nicht in den Milchtank gemolken werden. Erst nach Ablauf der vorgeschriebenen Wartezeit ist sie wieder für den Verzehr zugelassen.
- Die Wartezeit ist für jedes Medikament unterschiedlich und steht in der Regel auf der Verpackung oder im Beipackzettel.
- Sie wird wissenschaftlich ermittelt – ist aber trotzdem nur ein Richtwert. Denn jeder Organismus ist etwas anders, und 100 % Sicherheit gibt es nicht.
Sicherheitscheck vor der Freigabe:
Vor allem bei Antibiotikabehandlungen empfiehlt es sich, vor dem ersten Einleiten der Milch in den Tank eine Probe auf Rückstände zu testen. Viele Betriebe haben dafür Schnelltests im Melkstand oder im Laborraum.
Der Ablauf ist simpel: Ein kleiner Tropfen Milch wird auf einen Teststreifen oder in ein Testgerät gegeben, und nach wenigen Minuten liegt das Ergebnis vor.
Solange auch nur der Verdacht auf Rückstände besteht, muss die Milch gesetzlich vorgeschrieben entsorgt werden – das wird auch regelmäßig kontrolliert.
Auch die Molkereien haben ein großes Interesse daran, keine antibiotikahaltige Milch zu verarbeiten. Denn Antibiotika wirken nicht nur gegen Krankheitskeime, sondern gegen Bakterien allgemein – und dazu gehören auch die nützlichen Milchsäurebakterien, die zum Beispiel für die Herstellung von Joghurt oder Käse gebraucht werden.
Gelangen Antibiotika in die Produktion, können diese Kulturen absterben – der gesamte Ansatz wäre verdorben, und der wirtschaftliche Schaden enorm.
Verantwortung für Tier und Verbraucher
Als Landwirt*innen tragen wir eine doppelte Verantwortung: für unsere Tiere und für dich als Verbraucher. Krankheiten lassen sich – wie beim Menschen – nicht immer verhindern. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen: Wir erkennen Probleme möglichst früh, behandeln fachlich und mit Augenmaß und behalten dabei immer zwei Dinge im Blick – das Wohl des Tieres und die Sicherheit unserer Lebensmittel.

Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…