Bio – das Maß aller Dinge?

Einige Gedanken

  • In einem konventionell geführten Betrieb hat der Boden und die Tiere auch ihren Stellenwert, denn sie sind das Kapital. Wir achten sehr darauf, dass es unseren Kühen gut geht. Nur eine gesunde Kuh gibt auch viel Milch. Natürlich füttern wir unsere Kühe mit Kraftfutter zu, aber alles im Rahmen einer wiederkäuergerechten Fütterung. Und wir „verheizen“ unsere Kühe auch nicht, indem wir ihnen in den ersten ein, zwei Jahren Höchstleistungen abverlangen und der Körper dann schlapp macht. In der Regel erwirtschaftet die Kuh erst nach der zweiten Laktation einen Gewinn, denn die Aufzucht bis zur milchgebenden Kuh dauert etwa zwei Jahre und ist nicht umsonst.

  • In der Biobranche gibt es verschiedene Anbieter, die ihr Augenmerk auch auf verschiedene Schwerpunkte richten. Alle Bio-Label haben artgerechte Haltung in ihren Richtlinien. Das bedeutet, dass die Tiere ihre angeborenen Verhaltensweisen ausleben können. Das ist in der Schweinehaltung am schwierigsten durchzusetzen. Artgerechte Haltung von Schweinen braucht sehr viel Platz und ist mit viel Handarbeit verbunden. Deswegen ist Bio-Schweinefleisch ziemlich teuer. Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland in Bezug auf Schweinefleisch ist zwar bei etwa 140 Prozent. Es wird Schweinefleisch exportiert, aber auch viel Schweinefleisch importiert. Laut dem Bundesinformationszentrum Landwirtschaft ist dies eine Konsequenz des freien Marktes und wird vor allem von Preis und Nachfrage bestimmt. Auch das Konsumverhalten spielt dabei eine Rolle. Während zum Beispiel in China nahezu alles vom Schwein verwertet und gegessen wird, stehen die deutschen Verbraucher hauptsächlich auf die edlen Teile wie Schinken, Kotelett, Filet oder Schnitzel. Wer isst hier noch Pfötchen, Schweineohren oder Schwänze? Höchstens ein kleiner Bevölkerungsteil und die Haustiere wie Hunde. Dann wird es natürlich schwer, den Schweinefleischbedarf über Biohaltung zu gewährleisten. Und wer definiert eigentlich, ab wann etwas Massentierhaltung ist? Sind 50 Schweine schon Masse oder erst 500 oder 5000 Schweine? Oder bei den Hühnern: 10, 100,1.000 oder 10.000 Hühner? Meiner Meinung nach können auch in großen Betrieben Tiere nach hohem Tierwohl-Maßstab gehalten werden; das hat nicht immer etwas mit der Größe zu tun.

  • Man muss allerdings bedenken, dass sich nicht alle Menschen Lebensmittel in Bioqualität leisten können. Ich finde, man muss aufpassen, dass es nicht wieder privilegiert ist, Fleisch zu essen oder sich gesundes Gemüse zu leisten. Gesunde Lebensmittel müssen allen zugänglich sein. Auch das Argument, dann weniger Fleisch oder gar kein Fleisch zu essen, sollte ein Ergebnis des Nachdenkens sein und nicht vom Geldbeutel abhängig sein.

  • Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass es viele Leute nicht interessiert, wo und wie ihre Nahrung produziert wird. Ein Experiment einer Supermarktkette, Fleisch aus verschiedenen Produktionsformen nebeneinander anzubieten, schlug insofern fehl, als die meisten Menschen das preiswerte Fleischerzeugnis gekauft haben. Auch Umfragen vor Märkten, in denen Verbraucher nach dem Kauf gefragt wurden, wie wichtig ihnen Bio und Tierwohl sei, bejahten dieses vehement. Allerdings zeigte dann ein Blick in ihren Einkaufswagen ein anderes Bild. Das ist ein großes Problem, denn letztendlich wird erzeugt und verkauft, was der Markt verlangt. So lag der Marktanteil von Bioprodukten laut statistika bei 7 %. Es nützt also nichts, von oben, also durch die Gesetzgebung alleine, den Bioanteil zu erhöhen; der Absatz der Produkte muss auch gegeben sein.

  • Während Schweine- oder Geflügelhalter ihr Futter oft von einem Futtermittelwerk beziehen und dann auch einfach Biofuttermittel einkaufen können, ist das in einem Milchviehbetrieb nicht so einfach. Dort müsste der gesamte Betrieb auf Bio umgestellt werden, weil die Grundfuttermittel wie Gras und Mais selbst erzeugt werden. Hinzu kommt, dass die Milch auch zu einer Molkerei mit Bioprodukten geliefert werden können muss. In unserer Gegend wäre das die Ammerländer Molkerei, die eine Biosparte hat. Diese nimmt allerdings keine Bauern mehr auf, da sie genug Biomilch zur Verfügung haben. Wir hätten also gar nicht die Möglichkeit, unsere Biomilch an eine Molkerei zu verkaufen. Und wenn dann schon wieder so lange Transportwege dazukommen, wird die Nachhaltigkeit solcher Bioprodukte auch schon wieder eingeschränkt.

  • Um aber zum Beispiel Schweinefleisch nach Bio-Richtlinien in Deutschland in ausreichender Menge zu erzeugen, reicht die landwirtschaftliche Fläche nicht aus. Dafür müsste Bio-Schweinefleisch importiert werden. Das beinhaltet aber wieder weite Transportwege und man muss sich auf die Umsetzung der Bio-Richtlinien, die hier gelten, auch im Ausland verlassen. Bei Milchkühen und Legehennen ist es einfacher umsetzbar. Bei uns in der Gegend werden fast alle Legehennen in Freilandhaltung gehalten. Kühe sind nicht mehr angebunden, sondern können sich im Stall frei bewegen. Oft sieht man auch Weidehaltung oder zumindest Laufhöfe, damit die Kühe nach draußen können. Das sind aber keine Biobetriebe.

  • Hier in der Gegend gibt es auch Bio-Legehennen-Ställe, in denen auch über zehntausend Hennen gehalten werden, allerdings dann in Gruppen zu mehreren tausend getrennt. Aber die Henne kann nur eine geringe Anzahl ihrer Artgenossen erkennen und somit sind auch in diesen Biobetrieben tägliche Hackordnungskämpfe zu beobachten. Diese Betriebe dürfen nur Bio-zertifiziertes Futter verfüttern oder müssen ihr Futter selber anbauen.
  • Andererseits gibt die Seuchenprophylaxe oft Richtlinien vor, die mit der Bio-Haltung manchmal schwer vereinbar sind. So zum Beispiel Mobilen Hühnerställe sind eigentlich nach meiner Meinung Bio, aber was passiert bei einem Ausbruch z. B. der Vogelgrippe und der darauffolgenden Stallpflicht? Dann sind diese Ställe wieder viel zu klein, um den Hennen über Wochen als Stall ohne Auslauf zu dienen.
  • Mechanische Unkrautbekämpfung ist auch nicht unproblematisch, denn beim sogenannten Striegeln werden auch Gelege zerstört und kleine Säuger in Mitleidenschaft gezogen. Für solche größeren Tiere ist eine „Dusche“ mit einem Pflanzenschutzmittel vielleicht besser verträglich. Auch werden in der Landwirtschaft, schon aufgrund der hohen Kosten für Mittel wie Dünger oder Schutzmittel, nur soviel verwendet, wie gerade nötig sind. Und alles spielt sich im rechtlichen Rahmen ab.

  • Bei einer Weinprobe im letzten Jahr erzählte der Winzer, dass die Erzeuger von Bio-Wein wohl mindestens doppelt so oft mit Kupferlösungen spritzen müssten wie er als konventioneller Winzer mit einem synthetischen Pflanzenschutzmittel. Da Pestizide oder Fungizide, die im konventionellen Wein- oder auch Obstanbau verwendet werden, wirksamer sind als die Alternativen im Bioanbau, muss dort häufiger gespritzt werden. Denn die „Pflanzenschädlinge“ und Pflanzenkrankheiten unterscheiden nicht zwischen konventionell oder Bio. Und die Alternative zu Pflanzenschutzmitteln im Wein- und Obstanbau sind oft Kupferlösungen. Ich finde, dass sich das Besprühen von Obstbäumen oder Weinreben mit Kupfer auch nicht sehr umweltverträglich anhört.

  • Viele Rohware für Biofuttermittel stammen aus Ländern wie China und Osteuropa. Inwieweit hier die gleichen Standards in Bezug auf Bio gelten bzw. so engmaschig kontrolliert werden, ist die Frage. Ein Futtermittelhersteller meinte mal, dass sie die Ware immer so bekommen, wie sie sie gerade brauchen; die Papiere und Zertifikate würden immer passen.

Letztendlich sollte jeder für sich entscheiden dürfen, was er essen bzw. wie er es produzieren möchte, ohne dafür verurteilt zu werden.

Ich bin gespannt auf deine Meinung. Schreibe sie doch in den Kommentar.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Kerstin Salvador

    Liebe Anke,
    vielen Dank für diesen sehr detaillierten Blick hinter die Kulissen! All die Argumente und das Praxiswissen bleiben uns Verbraucher*innen ja meist verborgen (es sei denn, wir recherchieren und belesen uns selbst). Viele deiner Begründungen und Informationen kann ich gut nachvollziehen. Auch wenn ich Bioprodukte an sich unterstütze, kann ich sie mir nicht immer leisten. So ist das einfach. Daher gibt es bei uns wenig Fleisch, dafür mit Bedacht gewählt. Und ich glaube dir, dass auch konventionell erzeugende Bäuerinnen und Bauern und das Wohl ihrer Tiere bedacht sind.
    Herzlichen Grüße
    Kerstin

    1. Anke

      Liebe Kerstin!
      Danke für deinen Kommentar! Schwieriges Thema, ich finde auch vieles in der Bio-Branche gut und nachahmenswert. Allerdings ist es oft nicht so einfach. Es gibt halt viele Graustufen.
      Liebe Grüße
      Anke

  2. Sabine Landua

    Hallo Anke,
    vielen Dank für diesen sehr detaillierten Blick. Ich fürchte, so genau habe ich das noch gar nicht betrachtet. Bisher dachte ich immer Bio = gut. Dass aber so viele Aspekte mit hineinspielen macht mich jetzt doch ganz schön nachdenklich. Früher habe ich immer sehr auf Bio geachtet, mich dann aber gefragt, was das Bio-Siegel im Supermarkt wirklich wert ist. Seitdem wir einen Hofladen im Ort haben, bemühe ich mich, lokal zu kaufen. Das Gemüse aus unserem Hofladen ist nicht Bio, aber ich weiß, woher es kommt. Auch Wurst und Käse kommen nicht von Bio-Betrieben, aber von Höfen aus der Nähe und ich kann mich vor Ort über den Betrieb informieren. Ich merke, dass ich noch weiter über das Thema nachdenken muss. Vielen Dank für deinen Denkanstoß!

    Liebe Grüße
    Sabine

    1. Anke Cras

      Liebe Sabine!
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Das war meine Absicht, die Menschen von dieser Schwarz-Weiß-Malerei abzubringen und Dinge zu hinterfragen. Regional beim Hofladen ist doch eine tolle Alternative zu Bio aus dem Supermarkt.
      Liebe Grüße
      Anke

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