Ich bin mittlerweile Landwirtin – gemeinsam mit meinem Mann führe ich einen Milchviehbetrieb mit 150 Kühen. Eine landwirtschaftliche Ausbildung habe ich zwar nicht, kann dafür aber mein Wissen aus fast 30 Jahren Berufserfahrung als Tierärztin für Großtiere einbringen. Ich kümmere mich um Herdenmanagement, Tierbeobachtung, Kälberaufzucht, Gesundheit, Büro und alles Digitale. Ich liebe meine Arbeit – und ich weiß, was es bedeutet, sich als Frau in einem männerdominierten Berufsfeld zu behaupten.
Wenn Kompetenz zuerst infrage gestellt wird
Gerade zu Beginn meiner Zeit als Tierärztin war ich oft die einzige Frau im Stall. Nicht selten hörte ich Sätze wie:
„Und Sie behandeln jetzt unsere Kühe?“
„Haben Sie überhaupt genug Kraft für sowas?“
Ich musste oft mehr leisten, um die gleiche Anerkennung zu bekommen wie meine männlichen Kollegen. Fachlich top zu sein, reichte nicht immer – ich musste zusätzlich beweisen, dass ich zupacken kann, Durchhaltevermögen habe und auch in stressigen Situationen den Überblick behalte.
Und ja – ich habe in dieser Zeit auch erlebt, dass männliche Kollegen für die gleiche Arbeit oft besser bezahlt wurden. Es wurde selten offen ausgesprochen, aber es war spürbar. Diese stille Ungleichbehandlung war frustrierend – und hat mich umso mehr motiviert, meinen eigenen Weg zu gehen.
Kraft ist gut – Technik und Köpfchen sind besser
Natürlich erfordert die Arbeit mit großen Tieren auch körperliche Einsätze. Aber vieles kann man mit Technik, Erfahrung und den richtigen Handgriffen genauso gut meistern. Ob als Tierärztin oder heute im Stall – ich arbeite effizient, mit Überblick und Verstand. Melkroboter, Fütterungstechnik und Sensoren unterstützen uns – aber sie ersetzen nicht den geschulten Blick und das Gespür für Tiere.
Von der Tiermedizin in den Kuhstall – ein bewusster Schritt
Heute bin ich nicht mehr als Tierärztin unterwegs, sondern direkt im Betrieb – jeden Tag, das ganze Jahr. Mein Blick hat sich verändert, aber die Leidenschaft für Kühe ist geblieben. Ich erkenne Auffälligkeiten, manchmal bevor es die Technik tut. Ich kümmere mich um Kälber, beobachte, dokumentiere, plane. Mein Mann und ich teilen uns die Verantwortung – jede*r bringt seine Stärken ein.
Klischees, die ich satt habe
Auch heute noch höre ich Kommentare wie:
„Du hilfst also deinem Mann auf dem Hof?“
Nein – wir führen den Betrieb gemeinsam. Auf Augenhöhe.
Und dann kommt oft die Frage:
„Traktorfahren ist eher Männersache, oder?“
Ich fahre Traktor, schiebe Futter an, helfe bei der täglichen Arbeit – ganz selbstverständlich.
Was viele nicht sehen: Ich bin auf unserem Hof zuständig für alles, was mit PC, Technik und Daten zu tun hat. Ob es um Dokumentationen, Anträge, Melkroboter-Auswertungen oder andere digitale Prozesse geht – das ist mein Bereich.
Trotzdem wird meine Kompetenz dabei oft hinterfragt – ganz subtil, aber spürbar.
Das nervt. Denn die eigentliche Frage sollte doch sein: Wer kann was? – und nicht: Was kann Mann oder Frau?
Gemeinsam stark – Teamarbeit auf dem Hof
Mein Mann und ich führen den Betrieb zusammen – und das ist nicht immer nur harmonisch und reibungslos. Es gibt Tage, da sind wir nicht einer Meinung. Da prallen unterschiedliche Herangehensweisen aufeinander oder der Stress hängt uns beiden in den Knochen. Gerade wenn Stall, Haus, Familie und Hof ineinandergreifen, wird es schnell eng im Kopf.
Aber genau darin liegt auch die Stärke: Wir kennen uns gut, vertrauen uns und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können – egal ob nachts bei einer Kalbung oder bei wichtigen Entscheidungen. Jeder bringt eigene Fähigkeiten und Sichtweisen mit, und das ergänzt sich oft besser, als man denkt.
Was mir besonders wichtig ist: Wir sprechen miteinander – über Aufgaben, aber auch über Gefühle, Zweifel, Sorgen. Denn nur wenn das Miteinander funktioniert, funktioniert auch der Hof. Und am Ende des Tages ist es ein gutes Gefühl zu wissen: Wir haben das zusammen geschafft.
Landwirtschaft ist kein Männerberuf – sie ist Teamarbeit
Ich schreibe das hier, weil ich mir wünsche, dass mehr Frauen in der Landwirtschaft gesehen werden. Dass sie sich selbstbewusst zeigen, ihre Kompetenzen sichtbar machen und sich nicht kleinreden lassen. Es geht nicht darum, „wie ein Mann“ zu sein – sondern ganz man selbst. Ob mit Technik, Tierverstand oder Organisationstalent: Wir Frauen bringen unglaublich viel mit.
Mein Fazit
Ich habe als Tierärztin gelernt, was es heißt, sich Respekt zu erarbeiten – fachlich, körperlich und mental. Heute, als Landwirtin im Team mit meinem Mann, bin ich angekommen: Ich kenne meine Stärken, übernehme Verantwortung und weiß, was ich kann – auch wenn das nicht immer laut ist.
Man muss nicht alles allein machen, um stark zu sein.
Manchmal ist echte Stärke: gemeinsam anpacken – mit Herz, Verstand und gegenseitigem Respekt.
Dieses Bild versuche ich auch meinen Söhnen zu vermitteln.
Kennst du solche Kommentare auch? Hast du das Gefühl, dich doppelt anstrengen zu müssen, um ernst genommen zu werden?
Dann lass uns darüber reden. Schreib deine Erfahrungen in die Kommentare – wir sind viele.
Denn Sichtbarkeit beginnt genau hier: Wenn wir unsere Geschichten erzählen.

Liebe Anke, das war ein sehr interessanter Artikel. Die Frage, ob Laktoseintoleranz heute häufiger ist, habe ich mir auch schon…