2025: Meine 5 Prognosen für die Milchviehbranche!

Ich wage mich mal an eine Prognose zur Milchviehhaltung. Das ist nicht so einfach, da ich keine Glaskugel habe, um in die Zukunft zu schauen. Trotzdem gibt es einige Aspekte, die wohl wahrscheinlich so eintreten werden. Meiner Meinung nach werden weiterhin kleine Höfe dicht machen, die übrig gebliebenen Höfe werden sich dem Konsumverhalten weiter anpassen. Regional wird – hoffentlich – weiter an Bedeutung gewinnen. Aber nicht nur regionale Produkte werden nachgefragt, auch das Tierwohl steht immer mehr im Blickpunkt. Dazu hilft sicherlich die Automatisierung und Digitalisierung auch mit. Abzuwarten bleibt die Nachfrage nach veganer Ernährung, nimmt sie zu, werden sich die Betriebe auch darauf einstellen. Es bleibt spannend!

1. Höfesterben geht weiter!

Das Höfesterben wird auch 2025 eine zentrale Rolle in der Landwirtschaft spielen. Und auch die Milchviehbranche ist davon besonders betroffen. Gerade kleinere und mittelgroße Betriebe, die unter dem Druck von steigenden Kosten, sinkenden Milchpreisen und wachsenden Anforderungen stehen, könnten weiterhin Schwierigkeiten haben, wirtschaftlich zu bleiben.

Wirtschaftliche Gründe

Wenn auch zurzeit die Milchpreise für uns Landwirte sehr erfreulich sind, wird die nächste Tiefpreisphase sicherlich kommen. Die Schwankungen in den Erzeugerpreisen machen nicht nur der Milchviehbranche zu schaffen. Um Investitionen zu tätigen, wäre eine bessere Planbarkeit der Einnahmen eine große Erleichterung. Im Moment erfahren wir oft erst im Nachhinein, wie viel Geld wir für unsere gelieferte Milch bekommen. Der Preis wird zudem monatlich festgesetzt, sodass wir nicht wissen, was wir in ein paar Monaten für Milchgeld bekommen. Es liegt auch nicht in unserer Hand, denn die Molkereien bestimmen den Auszahlungspreis und diese müssen wiederum mit dem Einzelhandel oder anderen Abnehmern verhandeln. Weil die Milch ein verderbliches Lebensmittel ist, können wir Landwirte die Milch auch nicht zurückhalten, um vielleicht bessere Preise abzuwarten, wie zum Beispiel bei Getreide möglich ist. Diesen wirtschaftlichen Druck verspüren kleinere Betriebe stärker als große Betriebe, da dort häufig ein größeres wirtschaftliches Polster vorhanden ist, während kleine Betriebe solche Preisschwankungen schlechter auffangen können und Zeiten mit nicht kostendeckender Preisgestaltung schlechter überstehen.

Politische Gründe

Ein weiterer Grund für das Höfesterben sind aber auch die politischen Rahmenbedingungen, die uns das Leben als Landwirt schwer machen. Ganz aktuell ist das Mercosur-Abkommen. Das Mercosur-Abkommen ist ein Handelsvertrag zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay). Es soll den Handel erleichtern, Zölle abbauen und Unternehmen bessere Exportchancen bieten. Für die europäischen Landwirte, da günstigere Agrarprodukte aus Südamerika importiert werden könnten. Diese werden zu ganz anderen Bedingungen und Auflagen produziert. Dadurch können solche Produkte oft kostengünstiger angeboten werden. Darin sehen viele Landwirte einen Nachteil für ihre Branche, sei es die Tierhaltung an sich, die sicherlich nicht europäischen Standards entspricht, sei es die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln, deren Anwendung teilweise hier schon lange verboten ist, sowie auch die Art der Ausbringung solcher Mittel, die den Arbeitsschutz nicht immer an die vorderste Stelle stellt. Das Abkommen ist politisch umstritten und noch nicht vollständig ratifiziert.

Problem des Generationswechsels

Ein weiterer Aspekt zum Höfesterben ist die schwierige Suche nach einem Hofnachfolger. Die Bereitschaft, in eine arbeitsintensive Branche einzusteigen, nimmt ab. Vor allem, weil man nicht immer ein ausreichendes Einkommen rechen kann. Es gibt viele Unwägbarkeiten. Obwohl es ein sehr schöner ursprünglicher Beruf ist, gibt es neben vielen Vorteilen auch viele Nachteile. Eine ausgewogene Work-Life-Balance ist oft schwer zu verwirklichen. Viele sind dazu nicht mehr bereit.

2. Tierwohl und Transparenz

Ich denke, dass das Tierwohl in den Augen der Verbraucher eine tragende Rolle spielen wird. Die Tierwohlstandards werden eigentlich in allen tierhaltenden Betrieben vorangetrieben. Die Landwirte reagieren auf Verbraucherwünsche – Verbraucher und Handel verlangen eine tierfreundlichere Milchproduktion. Das Umsetzen von Tierwohlanforderungen ist allerdings nicht immer so schnell möglich ist wie gewünscht. Investitionen in Tierwohl müssen sich für die Betriebe auch irgendwie rechnen, denn davon leben die Familien ja. Ich habe einen genaueren Einblick in die Milchviehhaltung. Durch das Auslaufen der Anbindehaltung wird schon viel für die Kühe getan, auch wenn dadurch bestimmt einige kleinere Betriebe aufgeben werden. In unserem Betrieb haben wir auf das automatische Melken mit dem Melkroboter umgestellt. Dabei können die Kühe nahezu selbst entscheiden, wann sie zum Melken gehen. Außerdem haben jetzt alle Kühe gleichzeitig die Möglichkeit zu fressen oder in einer Liegebox zu liegen. Diese Investition ins Tierwohl bekommen wir allerdings nicht in höheren Preisen für unsere Milch wieder rein, trotzdem ist das eine Investition in die Zukunft. Es wäre eine Kennzeichnung wünschenswert, die dem Verbraucher auf einen Blick darstellt, aus was für einer Produktion das Lebensmittel stammt. Hoffentlich wird hier von der Politik nachgebessert im nächsten Jahr.

Das Einsparen von Antibiotika ist ein weiterer Aspekt in puncto Transparenz. Wie auch schon in Mastbetrieben ist man auch in der Milchviehhaltung dazu angehalten, Antibiotika einzusparen. Die Vorschriften und Kontrollen werden sicherlich zunehmen. Hintergrund für die Antibiotikaminimierung ist eine immer weiter um sich greifende Resistenz von Erregern, die dann nur noch sehr schwer zu bekämpfen sind und Lebensgefahr bedeuten. Es sei dahingestellt, dass nur die tierhaltenden Betriebe in der Landwirtschaft daran ursächlich verantwortlich sind. Auch in der Kleintiermedizin, also Hund, Katze, Maus, etc. und in der Humanmedizin wird schnell zum Antibiotikum gegriffen, und ob sie immer so eingenommen werden, wie vorgeschrieben, kann zumindest angezweifelt werden – doch das ist ein anderes Thema.

2. Digitalisierung und Automatisierung der Betriebe

Die Digitalisierung und Automatisierung halten immer mehr Einzug in die Landwirtschaft und in die Milchviehhaltung im Speziellen. Es gibt mittlerweile

  • Spaltenschieberoboter, die die Lauffläche im Kuhstall sauber halten
  • automatische Fütterung: ein Futtermischwagen wird an einer Station mit den verschiedenen Futterkomponenten gefüllt und fährt dann autark zum Futtertisch und das Futter vorzulegen
  • verschiedene Arten der Brunsterkennung und Gesundheitsüberwachung

Solche Systeme werden weiterentwickelt und kommen immer mehr zum Einsatz, um die Arbeitsbelastung von Landwirten zu verringern. Auf der Eurotier in Hannover konnte man viele solche Systeme sehen. Die Vorteile der Automatisierung sind einerseits die Arbeitsentlastung für den Landwirt, denn Roboter laufen 24/7 brauchen keinen Urlaub und werden in der Regel nicht krank. Andererseits werden eine Menge Daten erhoben, die helfen, die Betriebsabl#äufe zu optimieren. Gesundheitsdaten der Kühe helfen vor allem, Krankheiten im Vorfeld zu erkennen und möglichst zu verhindern.Hier ist dann wieder eine Reduzierung von Antibiotika möglich, weil der Ausbruch von Krankheiten durch andere Maßnahmen oft verhindert werden kann.

Auf unserem Betrieb haben wir neben den Melkrobotern einen automatischen Spaltenschieber. Was und ob im nächsten Jahr noch weitere Automatisierungen Einzug auf unserem Hof halten, ist noch nicht entschieden.

4. Das Weh der einen ist das Wow der anderen

Das Aufgeben vieler Betriebe ist eine Chance für die übrig gebliebenen Höfe. Die Konkurrenz wird weniger, die Milch knapper. Doch die Milch ist nur nicht durch die weniger werdenden Betriebe knapp, auch die Blauzungenkrankheit wird im Jahr 2025 wieder ein Thema sein. Die Folgen dieser Erkrankung sind weniger Kühe, denn viele Kühe haben diese Erkrankung nicht unbeschadet überstanden. Entweder sind sie daran verendet oder so unrentabel geworden, dass sie geschlachtet wurden. Ein weiteres Symptom dieser Erkrankung war die verminderte Milchleistung. Nachvollziehbar, dass eine kranke Kuh oder eine Kuh, die sich nicht wohlfühlt, nicht mehr so viel Milch gibt. Da die Blauzungenkrankheit vermutlich im nächsten Frühjahr wieder aufflammt, werden auch im Jahr 2025 solche Auswirkungen auftreten. Die Übertragung geschieht durch Mücken. Da vermutlich ein großer Teil der Mückenpopulation infiziert ist und immer noch viele Kühe oder Schafe und Ziegen ungeimpft sind, kann der Virus wieder in den Wiederkäuerbeständen wüten. Selbst geimpfte Tiere können erkranken, wenn auch nicht so schwer; allerdings mit einer verminderten Milchleistung.

Durch die Verknappung der Milch wird der Milchpreis, den die Landwirte für ihre abgelieferte Milch bekommen, vermutlich relativ hoch bleiben. Das ist erfreulich, denn so können wir kostendeckend produzieren und die Investitionen der letzten Jahre auffangen.Mittlerweile ist es ja so, dass Krisen, mögen es auch kleine Krisen irgendwo auf der Welt sein, sich in irgendeiner Weise auswirken – zum Beispiel den Getreidepreis und damit Futterpreise, Düngemittel können knapp werden. Es ist und bleibt schwierig, alles im Blick zu behalten und rechtzeitig darauf reagieren zu können. So bleibt es spannend und unvorhersehbar.

5. Haferdrink statt Kuhmilch

Das veränderte Konsumverhalten wird eine weitere Herausforderung sein. Mittlerweile steht man als Milchproduzent auch mit Ackerbauern in Konkurrenz. Das Angebot an pflanzlichen Milchsorten wird größer und auch mehr nachgefragt. Darauf zu reagieren, ist allerdings schwierig. Es gibt durchaus Milchbauern, die auch Hafermilch produzieren, allerdings ist das noch eher eine Nische, die nicht jeder besetzen kann. Selbstvermarktung ist sicherlich eine Möglichkeit und wird durch Milchtankstellen hier im Umkreis schon genutzt. Das wird durch immer größere Bürokratie aber auch häufig ausgebremst, zum Beispiel durch die Einführung der Bon-Pflicht. Ein weiteres Standbein zu etablieren ist oft schwierig, denn die vorhandenen Ressourcen werden oft für die Aufrechterhaltung der jetzigen Produktion benötigt. Es braucht viel Mut und Idealismus, den wohl eher die jüngere Generation aufbringt.

Auf unserem Hof werden wir weiter Kuhmilch produzieren, mit einem vermehrten Augenmerk auf dem Tierwohl. Was kommende Generationen für Ideen entwickeln – wir lassen uns überrraschen.

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Dr. Anke Cras

Über mich: Ich bin Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft. Mit meiner Familie lebe ich auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Seit über 20 Jahren arbeite ich täglich mit Kühen, Kälbern, Grünland und allem, was zur modernen Tierhaltung dazugehört. 

In meinem Blog teile ich Wissen aus der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Praxis – verständlich erklärt, mit einem Blick über den Tellerrand. Mir ist es wichtig, dass nicht nur Fachleute, sondern auch Verbraucher:innen und Interessierte nachvollziehen können, wie Landwirtschaft bei uns betrieben wird.

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Hallo, ich bin Anke und lebe mit meiner Familie auf einem Milchviehbetrieb in der Grafschaft Bentheim.
Ich bin Tierärztin und kümmere mich um die Gesundheit unserer Tiere – vom Kalb bis zur Kuh.
Auf meinem Blog schreibe ich über Landwirtschaft, Tierwohl, Rinderwissen, aktuelle Themen und Persönliches aus dem Hofalltag.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Gundula Mehlfeld

    Hallo Anke, das ist sehr interessant zu lesen. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wo es einen recht großen Hof gab. Dort gingen wir noch mit der Kanne Milch holen. Die Bäuerin war sehr nett und Kinder durften schon mal Kälbchen streicheln. Den Tieren ging es sehr gut – nur im Winter waren sie im Stall. Aber einmal habe ich mitbekommen, wie Kälber abgeholt wurden – ziemlich gewaltvoll und unter Brüllen, auch der Mutterkühe. Dann hat der Bauer auf meine Frage, wo sie denn hingebracht würden auch noch gesagt: „Zum Schlachten natürlich – demnächst hast du sie als Goulasch auf dem Teller!“ Ich hatte mit etwa 8 Jahren noch nie über das Fleisch auf meinem Teller nachgedacht und habe dann lange keins mehr gegessen. LG Gundula

    1. Anke

      Hallo Gundula!
      Dein Erlebnis zeugt nicht gerade von Feingefühl des Landwirtes. Das kann man sich heutzutage meiner Meinung nach nicht mehr leisten, denn die Verbraucher sind noch kritischer geworden. Und gerade Kinder sind die Verbraucher von morgen und sollten zwar mit der Realität konfrontiert werden, aber kindgerecht. Denn es nützt nichts, die Umstände (dass Tiere geschlachtet werden und eben Nutztiere sind) zu leugnen. Es ist ein schmaler Grat und nicht immer einfach. Allerdings fehlt vielen auch das Verständnis für die Vorgänge in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Der ist natürlich kein Streichelzoo, sondern die Lebensgrundlage. Trotzdem muss man mit seinen Tieren vernünftig umgehen, und ihnen das Leben so angenehm wie möglich gestalten.
      Liebe Grüße
      Anke

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